Das Recht der Frauen

| Gabriela Seidel-Hollaender |

Vom 19. bis 26. Jänner fanden die 52. Solothurner Filmtage statt. Das bedeutendste Festival für den Schweizer Film eröffnete das neue Filmjahr mit der Weltpremiere von Petra Volpes „Die göttliche Ordnung“ – und beschließt das Festival mit dem Prix de Soleure an denselben Film.

Zum 52. Mal Filmtage in der Schweizer Barockstadt an der Aare. In verschlungenen Gassen bewegt man sich fast wie in einer Filmkulisse zwischen dem Festivalzentrum Landhaus, einer zum Kino umfunktionierten Reithalle, dem Konzerthaus und den Kinos Palace, Capitol und Uferbau. Und jenseits des Flusses findet man das Kino Canva.

Die Eröffnung des Festivals mit dem Film Die göttliche Ordnung, in dessen Mittelpunkt der späte Kampf um das Frauenwahlrecht in der Schweiz steht, gerät zu einer bewegenden politischen Veranstaltung. Zwar sind seit der Einführung des Frauenwahlrechts 1971 unterdessen immerhin 46 Jahre vergangen, doch viele im Publikum können sich noch gut an diese Zeit vor der Einführung des Frauenwahlrechts erinnern. In ihrer Eröffnungsrede macht Bundesrätin Simonetta Sommaruga die Unvorstellbarkeit der damaligen Zustände plastisch: Zwar sei 1969 der erste Mann auf dem Mond gewesen, aber immer noch keine Frau in einem Schweizer Wahllokal.

Die göttliche Ordnung erzählt die fiktive Geschichte der jungen Hausfrau Nora, die 1971 mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem beschaulichen Ort in der Schweiz lebt. Von den Umwälzungen der 68er-Bewegung ist hier so gut wie nichts zu spüren. Doch als Nora beginnt, sich für das Frauenwahlrecht zu engagieren, gerät der Familienfrieden ins Wanken und das ganze Dorf in Bewegung. Volpes Film ist eine längst überfällige Geschichtslektion, erzählt in einem humorvollen und auf Leichtigkeit setzenden Ton, der vor allem von der Sympathie und Wärme für seine Figuren getragen wird.

Die Biederkeit, die der Film zuweilen ausstrahlt entspricht der Geschichte, die er erzählt.

Nach der Vorstellung kehrt Bundesrätin Sommeruga mit zwei Parlamentarierinnen der ersten Stunde zurück: Hanna Sahlfeld Singer und Gabrielle Nanchen gehörten zu den ersten Frauen im Schweizer Nationalrat.

Sie halfen mit bei den Veränderungen, die schließlich dazu geführt haben, dass an der Spitze der Solothurner Filmtage heute eine Direktorin, Seraina Rohrer, steht, dass der Eröffnungsfilm von einer Regisseurin, Petra Volpe, stammt und die Eröffnungsrede von einer Bundesrätin, Simonetta Sommeruga, gehalten werden kann.

Ebenfalls im Wettbewerb um den Prix de Soleure: der Dokumentarfilm Double Peine der Schweizerisch-kanadischen Regisseurin Léa Pool, der sich mit der Situation von Kindern inhaftierter Mütter befasst. Diese Kinder werden für etwas bestraft, für das sie nicht verantwortlich sind. In Bolivien, Nepal, New York und Montreal begleitet die Filmemacherin einige dieser Kinder in ihrem täglichen Leben und zeigt, dass sich ihre Probleme, auch wenn die Bedingungen unter denen sie leben in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich sind, doch gleichen. Im Verlauf des Films können wir die Sätze einer siebenteilige Kinderrechts-Charta lesen, welche in San Francisco formuliert worden ist. „Ich habe ein Recht auf Unterstützung während der Haftzeit meiner Eltern“ und „Ich habe das Recht mit meinen Eltern zu reden, sie zu sehen und sie zu berühren.“ sind zwei Forderungen dieser Charta. Umgesetzt werden sie in den meisten Fällen nicht. Der engagierte Film hat viele berührende Momente. Insgesamt fällt er jedoch durch seine unterschiedlichen Teile ein wenig auseinander, lässt eine konsistente Form vermissen.

Für ihren Debütfilm I am Truly a Drop of Sun on Earth ist Regisseurin Elene Naveriani in ihre Heimat Georgien gereist. Mit Laiendarstellern, die sich im Wesentlichen selbst spielen, hat sie einen ästhetisch ausdrucksstarken Film über die Liebe zwischen einer Prostituierten und einem nigerianischen Migranten gemacht. Sie zeichnet ein beklemmendes Bild vom Leben der Menschen am Rande der Gesellschaft und dem Versuch, durch Vertrauen und Hinwendung Sicherheit zu gewinnen

Der Dokumentarfilm Almost there von Jaqueline Zünd verwebt die Geschichten dreier Männer, die im Herbst ihres Lebens noch einmal aufbrechen, um sich auf die Suche nach Sinn und Glück zu begeben. Bob gibt seine Wohnung auf, um in einem Wohnmobil durch die USA zu reisen. In der Einsamkeit der kalifornischen Wüste lernt er sich selbst neu kennen und versucht, sich seinen Ängsten zu stellen. Dragqueen Steve zieht von England in die spanische Betonstadt Benidorm und der Japaner Yamada beginnt, Kindern Bücher vorzulesen und lernt so erst in hohem Alter, wie man mit Heranwachsenden umgeht. Almost there ist ein großartig fotografierter Film, der poetische Bilder für den späten Aufbruch findet und die Geschichten der drei Männer mit einem melancholischen Grundton erzählt.

Aloys von Tobias Noelle im Panorama erzählt die Geschichte des eigenbrötlerischen Privatdetektivs Aloys Adorn, der nach dem Tod seines Vaters, mit dem er jahrelang zusammengearbeitet hat, aus den Bahnen seines eingefahrenen Lebens in einer anonymen Wohnsiedlung geworfen wird. Als ihm auch noch seine Kamera mitsamt den Observierungsaufnahmen gestohlen und er von einer mysteriösen Frau am Telefon erpresst wird, gerät er zusehends außer sich. Er verliebt sich in die Stimme der Frau und fängt an seine schrullige Einsamkeit zu durchbrechen.

Georg Friedrich stellt diese Hauptfigur intensiv und verschroben dar. Der Film ist eine skurrile Mischung aus Märchen, Krimi und Psychogramm und überzeugt durch seine ästhetische und formale Konsequenz.

Der Science-Fiction-Film Stille Reserven von Valentin Hitz ist im Wien der näheren Zukunft angesiedelt und entwirft eine dystopische Welt, in der nicht einmal mehr das Sterben umsonst ist. Wer keine teure „Todesversicherung“ abgeschlossen hat, wird nach dem Tod reanimiert und in einem künstlichen Dämmerzustand am Leben erhalten. Die Körper finden als menschliche Ersatzteillager, als Gebärmaschine oder als Informationsspeicher Verwendung. Im Zeitalter von von Social Freezing und der Züchtung von Hybriden zwischen Mensch und Schwein erscheint die Dystopie des Films in gar nicht mehr allzu weiter Ferne zu liegen.

Der einst skrupellose Versicherungsagent für Todesversicherungen, Vincent Baumann (Clemens Schick), soll die Aktivistin Lisa Sokulova (Lena Lauzemis), die in einer Parallelgesellschaft lebt und daran arbeitet, die Lebenserhaltungslager auszuschalten, im Auftrag seines Konzern überwachen. Als Baumann selbst Opfer des gnadenlosen Systems wird, wendet er sich von seiner bisherigen Weltanschauung ab und beginnt, Lisa zu unterstützen. Die zwischen ihnen entstehende Liebe allein ist schon ein Widerstand gegen das herrschende kalte System, das beide nun gemeinsam versuchen, außer Kraft zu setzen. Der Film kann vor allem durch die ästhetische Geschlossenheit seines Looks und die darstellerische Leistung überzeugen. Ein großer Kinomoment, der an David Lynchs Blue Velvet denken lässt, entsteht, wenn Lisa in einem Nachtclub die laszive Ballade Teach me Tiger in Vincents Richtung haucht.

Der Dokumentarfilm Raving Iran, Abschlussfilm von Susanne Regina Meures an der Zürcher Hochschule der Künste, erzählt von den beiden jungen DJs Arash und Anoosh, die in Teherans Undergroud-Technoszene arbeiten. Unter gefährlichen Umständen veranstalten sie einen Rave in der Wüste unter freiem Himmel mit einer Handvoll Leuten, die sich emphatisch auf dieses Abenteuer einlassen. Die beiden sind müde von dem ewigen Versteckspiel und sehen keine Zukunft für sich in der restriktiven islamischen Republik. Meurer hatte keine Drehgenehmigung im Iran, weshalb der Film größtenteils mit der Handykamera gefilmt ist. Die Aufnahmen sind entsprechend aus der Hüfte geschossen, was die Authentizität des Films aber unterstützt. Als Anoosh nach einer Party verhaftet wird, denken die beiden Freunde darüber nach, wie sie das Land verlassen können. Die Einladung zu einem Rave nach Zürich ermöglicht den beiden Freunden schließlich eine legale Ausreise. In Zürich genießen die DJs das freie Leben, aber die Entscheidung, ob sie zurück in ihr Heimatland gehen oder in Europa bleiben sollen, fällt ihnen dennoch sehr schwer. Meures Dokumentarfilm erzählt auf sehr persönliche Weise von Repression und dem Kampf zwischen Freiheitsdrang und Heimatliebe und bietet zugleich einen Einblick in die Teheraner Lebensrealität.

Ebenfalls im Panorama war der Animationsfilm Ma Vie de Courgette von Claude Barras, gerade in der Kategorie „Bester Animationsfilm“ für den Oscar nominiert, zu sehen. Er erzählt die Geschichte eines Jungen der seine Mutter verliert und ins Waisenhaus kommt. Dem Film gelingt es, mit seinen ungewöhnlichen Knetfiguren in Stop-Motion Technik ein ernstes Thema auf lustige Weise zu verarbeiten. Die Figuren sind schräg und mit Details wunderbar charakterisiert, das ist amüsant anzusehen, wenngleich die Geschichte eigentlich schonungslos von traurigen Umständen erzählt. Ein anrührender Film über Einsamkeit, Freundschaft und das Bedürfnis nach Geborgenheit.

Im Rahmen des diesjährigen „Fokus“  mit dem Titel „Art mon Amour / Cinéma mon Amour“präsentierte das Festival eine Reihe von aktuellen, nationalen und internationalen Produktionen zum Thema Kunst im Film, darunter den österreichischen Film „Das große Museum“ von Johannes Holzhausen. In dem Film beobachtet der Regisseur mit Anteilnahme und Sachverstand die restauratorische Arbeit im Wiener Kunsthistorischen Museum und kontrastiert sie mit den ökonischen Zwängen eines modernen Museumsbetriebs. Holzhausens Beobachtungsgabe, seine Kenntnisse, sein Humor und seine zuweilen ironische Tonlage machen den Film zu einem so unterhaltsamen wie aufschlussreichen, wunderbaren Dokument.

In dem seinem Film Where is Rocky II? mischt Regisseur Pierre Bismuth die Elemente Dokument, Inszenierung und Experiment zu einem realen Krimi, der seine Zuschauer in ständiger Ungewissheit darüber lässt, ob das Geschehen Realität ist oder Fiktion. Ausgangspunkt ist die Suche nach einem geheimnisvollen Kunstwerk des kalifornischen Malers, Fotografen und Pop-Art Künstlers Ed Ruscha, das nach seiner Fertigstellung in den siebziger Jahren verschwand: Ein riesiger, aus Fieberglas gefertigter künstlicher Fels namens Rocky II, der irgendwo in der kalifornischen Mojave-Wüste zwischen echten Felsen abgelegt wurde und seither von diesen nicht mehr zu unterscheiden war.

Bismuths Film ist ein gekonnt inszeniertes Verwirrspiel, das zugleich die Reflektion über das Wesen von Kunst und Fiktion anregt, vor allem aber auf amüsante Weise unterhaltsam ist.

Die Palette der in Solothurn präsentierten Schweizer Spiel- und Dokumentarfilme in den verschiedenen Festivalschienen ist groß. Auch die Branchen- und Diskussionsveranstaltungen des Festivals bieten relevante Themen, darunter: Filmbildung, Drehbuchprogramme im Ausland, die Brancheninformationen des Bundesamts für Kultur und von Swiss Films sowie eine Masterclass des Sound-Designers Francois Musy.

Das neue Ticketingsystem mit dem sich die Karten auch per App reservieren lassen, hat zwar in den ersten Tagen nicht hundertprozentig funktioniert, erwies sich aber später als segensreiche Einrichtung, die das Anstehen am Ticketcounter überflüssig und den Gang ins Kino einfacher macht.

www.solothurnerfilmtage.ch