Vom 12. Mai bis zum 21. Juni findet die diesjährige Ausgabe der Wiener Festwochen statt. Der polnischen Produktion „Pieces of a Woman“ von Kornél Mundruczó und Kata Wéber kommt darin eine zentrale Rolle in einer ganzen Reihe feministischer Geschichten zu.
Was passiert mit einer Frau, wenn dem vermeintlich schönsten Moment ihres Lebens der vermeintlich schlimmste folgt? Wie können wir um jemanden trauern, den wir noch gar nicht wirklich kennen lernen durften? Und warum werden ideelle und gesellschaftliche Grabenkämpfe so oft vor dem Hintergrund feministischer Diskurse ausgetragen? Diese Fragen wollen Kornél Mundruczó und Kata Wéber in ihrem Theaterstück Pieces of a Woman, das im Rahmen der Wiener Festwochen 2023 im Akademietheater gezeigt wird, auf mehreren Ebenen beantworten. Und sie finden emanzipatorische Antworten in den Auslassungen.
Maja, die Protagonistin des Stücks, hat gerade neun Monate Schwangerschaft hinter sich. Sie steht kurz vor der Entbindung, freut sich auf das Kind und alles scheint gut zu gehen. Doch es kommt zu Komplikationen. Kurz nach der Geburt stirbt der Säugling. Die als Videosequenz gezeigte Geburt ist der dramatische Ausgangspunkt des Stücks. Das Familienglück ist geplatzt. Was folgt, ist eine Tragödie, die einen politischen Diskurs über ein gesellschaftliches Tabu eröffnet.
Die ungarische Drehbuch- und Theaterautorin Kata Wéber wurde ursprünglich auf Einladung des polnischen Theaters „TR Warszawa“ mit der Thematik konfrontiert: „Ich hatte zwar eini-ge Notizen zu diesem Thema in meinem Notizbuch, aber ich war mir nicht sicher, ob ich mich damit befassen wollte. Als Kornél (Mundruczó, Anm.) die Notizen las, ermutigte er mich, dorthin zu gehen. Und ich hatte so viel Angst. In diesem Moment wurde uns aber klar, dass wir nie über unsere Erfahrungen mit einer Fehlgeburt gesprochen hatten.“ Was Wéber in einem Interview sehr persönlich erzählt, enthält den Succus dessen, warum einem das 2018 uraufgeführte Stück (sowie die spätere folgende, gleichnamige Filmadapation) so nahe geht: Das Private ist nun einmal politisch, wie auch eine der Leitmaximen der Frauenbewegung lautet. Dennoch macht die emanzipatorische Erkenntnis den Schmerz um den Verlust des eigenen Kindes nicht weniger traumatisch: „Wenn wir uns jemals mit diesem Thema befassen wollen, wenn wir jemals darüber sprechen können“, so Wéber, „dann glaube ich, dass das Aufschreiben das Schweigen bricht. Und auch das Verständnis darüber, dass dies ein Tabu ist, über das wir sprechen müssen.“
Das Private ist öffentlich
Aber warum ist das Thema Fehlgeburt so tabuisiert? Im Kontext aktueller politischer Kämpfe ist die Frage gerade vor dem Hintergrund der regionalen Ansiedlung von Pieces of a Woman interessant. Die polnische Produktion spielt im heutigen Warschau, und bildet damit einen Schauplatz, der – seitdem inPolen 2015 eine Rechts-Außen-Regierung an die Macht gekommenen ist – einen tief konservativen Beigeschmack trägt. Während man deshalb in den letzten Jahren aus Polen vermehrt öffentliches Aufbegehren gegen die sehr strengen Abtreibungsgesetze wahrnimmt, beleuchtet das Stück die andere Negativ-Kehrseite dieser misogynen Politik. Gemeint ist das Bild einer Frau, der man auch dann noch, nachdem sie in der Ausführung ihrer „natürlichen“ Aufgabe bereits „gescheitert“ ist, das Recht auf Selbstbestimmung nehmen will. Jene konservativen Ideologien werden in Pieces of a Woman zum Zentrum der innerfamiliären Konflikte: Der Streit, der um die Tragödie des Kindestodes entfacht, ist eigentlich das Ausfechten ganz aktueller politischer Grabenkämpfe in Polen. Doch während alle Beteiligten auf ihre Weise leiden, bleibt die am meisten unter Druck Gesetzte jene, die am stärksten gelitten hat: Maja, die Mutter des toten Kindes. Während auf ihrem Rücken also Fragen um Schuld (Wieso musste das Kind sterben?) und Generationenkonflikte (Was hätte die Mutter besser machen können?) ausgetragen werden, besteht die Protagonistin stur auf das Recht ihrer ganz persönlichen Trauer: „Meine Muschi und mein Fötus gehen dich nichts an.“
In einem Interview erzählt Kata Wéber: „Man muss seinen eigenen Weg finden, wie man trauert, und darf keine Erwartungen daran knüpfen.“ Denn einmal abgesehen von der gesellschaftlichen Tabuisierung eines „gescheiterten“ Kinderwunsches, ist auch Trauer öffentlich immer noch derart stigmatisiert, dass die Konfrontation damit ins Private „abgeschoben“ wird. Dabei ist vor allem der traumatische Effekt von Trauer, speziell bei einer Fehlgeburt, nicht zu unterschätzen. Doch obwohl Pieces of a Woman die Gratwanderung zwischen mehreren Tabuthemen beschreitet, wollen Wéber und Mundruczó mit ihrem Stoff gleichzeitig auch Mut für den transformativen Effekt von Trauer stiften: „Diejenigen, die zurückbleiben, bleiben nicht dort, wo sie sind. Es ist eine riesige Transformation und ein neues Leben. Wenn man eine solche Erfahrung macht, eine solche Tragödie, dann muss man akzeptieren, dass man nicht mehr derselbe ist und dass man sein früheres Leben nicht zurückbekommt, aber es ein neues geben wird.“ Richtigerweise gibt es, so Wéber, kein „Rezept, wie man trauert.“
Von der Realität ins Theater
Während das Stück des Theater- und Filmregisseurs Mundruczó in vielen Kontexten gerade durch seine psychologische Präzision als realistisches Theater gekennzeichnet wurde, streitet der Regisseur derartige Zuordnungen ab: „Was mich interessiert, ist die Komplexität des menschlichen Wesens, und als Geschichtenerzähler habe ich immer schon darauf Bezug genommen. Ich strebe danach, etwas zu schaffen, das so komplex ist, wie sich unser Leben anfühlt. Das ist die ethischste und moralischste Haltung, die ich meinen Geschichten geben kann. Ich bin kein Kritiker – ich weiß, was Realismus, Naturalismus, Fotorealismus und ‚Hardcore-Realismus‘ sind. Ich habe viele Dinge darüber gelesen, aber wenn man es tut, beschreibt oder definiert man es nicht“, so Mundruczó in einem Interview. Das Stück wie die gleichnamige Filmadaption, für deren Hauptrolle Vanessa Kirby sogar für den Oscar nominiert wurde, will eher in der Künstlichkeit des Mediums die Realität aufs Tableau bringen: „Wenn man Schicht für Schicht darüber nachdenkt, ist es einfach völlig unecht, aber gleichzeitig fühlt es sich super real an. Deshalb habe ich gesagt, dass es wirklich wie eine Manifestation des Theaters und dessen ist, was Theater tun kann.“
Was die Realität betrifft, bleibt vor allem die vorangegangene Hintergrundarbeit wirksam: Nachdem es in der Entwicklung des Stücks viel Austausch mit Hebammen, Ärztinnen und Ärzten und Müttern gab, war die Hauptdarstellerin sogar bei einer echten Geburt dabei, um sich in ihre Rolle einzufühlen, so Mundruczó. Wie auch in der Filmversion, in der die Geburt ein zwanzigminütiger One-Take ist, ist es die Eingangsszene des Theaterstücks, die das spätere Drama so aufwühlend macht. „Eine Geburt ist ein Monolith aus Erfahrungen und Gefühlen“, so Mundruczó und genauso ist es der Tod. Wir können nicht wissen, wer wir werden, wenn wir diese Erfahrung nicht durchlebt haben. Aber vielleicht legt Pieces of a Woman einen Grundstein dafür, wie wir die Sprache finden können, um darüber zu sprechen.
Nachwirkung
Mit seiner Thematik fügt sich Pieces of a Woman perfekt in die Kuration der diesjährigen Wiener Festwochen ein, die letzte, die von Intendant Christophe Slagmuylder verantwortet wurde. Viele Produktionen, die im Rahmen des Festivals gezeigt werden, und auch die in Kooperation mit der Kunsthalle Wien präsentierte Ausstellung der Künstlerin Laure Prouvost rücken das Wirken von Frauen über ihre eigene Generation hinweg ins Zentrum: Geschichten von Vorfahrinnen und Ahninnen, Großmüttern und Pionierinnen, die dringend weitergetragen werden wollen. So fordert Sarah Vanhee in ihrem Performance-Solo Mémé anhand ihrer beiden Omas Wertschätzung für Fürsorge-Arbeit ein und hält am 24. Mai außerdem eine Einführung zu Riddles of the Sphinx – der Avantgardefilm von Laura Mulvey und Peter Wollen, der zu den bedeutsamsten der britischen Siebzigerjahre zählt, wird am 24. Mai im Stadtkino gezeigt. Während sich Alexander Zeldin mit The Confessions hingegen an das Kunststück wagt, die gesamte Lebens- und Emigrationsgeschichte seiner Mutter zu schildern, erzählt Afsaneh Mahian von drei Frauen, die an Europas Außengrenze ankommend verhört werden, und ein Kind bei sich haben, von dem sie beteuern, dass keine von ihnen seine Mutter ist. Simon McBurney zeigt seine Inszenierung von Drive Your Plow Over the Bones of the Dead aus der Feder von Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk und Milo Rau, der die Geschicke der Wiener Festwochen als neuer Intendant leiten wird, seine schon für 2020 geplante Produktion Antigone im Amazonas. Kornél Mundruczós und Kata Wébers Pieces of a Woman fügt sich so in einen Themenkomplex ein, der die Anerkennung weiblichen Schaffens aufs Podest hebt und im Rahmen der Wiener Festwochen den Dialog zu den damit einhergehenden erzählten Erfahrungen eröffnet.
