Filmkritik

Das Tagebuch der Anne Frank

| Jörg Schiffauer |
Hans Steinbichler gelingt eine sensible Annäherung an ein dunkles Kapitel.

Simon Wiesenthal, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, am Holocaust beteiligte Täter der Gerechtigkeit zuzuführen, sah sich Ende der fünfziger Jahre mit einer besonders widerlichen Leugnung konfrontiert, nämlich, dass Anne Franks Tagebuch eine Fälschung sei. Wiesenthal beschloss, den Mann zu finden, der Anne Frank verhaftet hatte und solche Behauptungen endgültig ad absurdum zu führen. Er wusste natürlich genau, dass Anne Frank eine Symbolfigur für die Millionen Opfer des schlimmsten Verbrechens in der Geschichte der Menschheit geworden war.

Hans Steinbichler hat sich nun der Geschichte des 1929 in Frankfurt geborenen Mädchens, das 1934 mit ihren Eltern und ihrer Schwester vor den Nazis in die Niederlande geflüchtet war, angenommen. Steinbichlers Film konzentriert sich dabei fast ausschließlich auf die Zeit ab 1942, als sich Familie Frank mit Hilfe weniger mutiger Menschen in den Hinterzimmern jenes Hauses versteckte, das der Sitz von Vater Ottos früherer Firma war. In der Zeit der Verfolgung vertraute Anne ihre Gedanken jenem Tagebuch an, das der Historiker Wolfgang Benz „einen Eckpfeiler der Erinnerungskultur“ nennt.

Die Inszenierung verzichtet klugerweise auf dramaturgisch spektakuläre Zuspitzungen, zeigt stattdessen, wie die Franks unter unvorstellbaren Bedingungen versuchen, so etwas wie Normalität aufrechtzuerhalten. Trotz der räumlichen Enge, die sich verstärkt, als eine weitere Familie dort Schutz findet, und der ständigen Angst vor der Entdeckung entwickeln sich doch Momente eines gewöhnlichen Familienlebens zwischen Geburtstagsfeiern und kleinen Reibereien. Anne ist dabei – und das ist eine der großen Stärken des Films – keine entrückte Figur, sondern ein Mädchen, das zwar eine außergewöhnliche Persönlichkeit war – wie Passagen aus ihrem Tagebuch, die ein konstituierendes Element bilden, belegen –, jedoch trotzdem mit allen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, die die Adoleszenz eben mit sich bringt. Mit der Individualisierung macht Steinbichlers Film schmerzlich deutlich, wie viele wertvolle Leben dem Jahrtausendverbrechen zum Opfer fielen.

Geschuldet ist die Intensität auch einem wunderbaren Ensemble, das mit großer Sensibilität – allen voran Lea van Acken als Anne Frank – agiert. Am Schluss, als das Versteck der Familie Frank, von der nur Otto den Holocaust überlebte, verraten wird, tritt auch jener Mann auf, der sie verhaftete. Simon Wiesenthal spürte den ehemaligen SS-Oberscharführer Karl Josef Silberbauer, der völlig unbehelligt in Wien lebte, 1963 auf. Er hatte ausgerechnet bei der Polizei wieder Verwendung gefunden, das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt.