Dear Wendy

Dear Wendy

| Walter Gasperi |

Fünf im Grunde pazifistisch gesinnte Jugendliche führt die Begeisterung für Waffen zusammen. Aber was mit harmlosen Treffs in einem aufgelassenen Bergwerk beginnt, endet in einem blutigen Showdown.

Mit Das Fest legte Thomas Vinterberg vor acht Jahren den prototypischen Dogma-Film vor. Geradezu als Antithese dazu ließ er diesem Familiendrama den hochartifiziellen Thriller It’s All About Love (2002) folgen. Dear Wendy wirkt nun wie die Synthese aus beiden Filmen.

Der Hauptplatz einer heruntergekommenen amerikanischen Bergwerksstadt als zentraler Schauplatz erscheint fast so stilisiert wie die Stadt in von Triers Dogville. In diesem Kaff lebt der Jugendliche Dick, und schon am Beginn ist alles vorüber, denn Dick erzählt retrospektiv die Geschichte seiner Beziehung zu der von ihm geliebten Wendy – kein Mädchen, sondern eine handliche Damenpistole.

Vinterberg kombiniert in dieser Auseinandersetzung mit der Faszination, die Waffen vor allem auf Jugendliche ausüben, von Triers Konzeptkino mit dem amerikanischen Genrekino. Mittels stilisierter Settings und einer Kamera, die häufig die Perspektive der Aufsicht wählt, wird der Eindruck einer Theaterbühne generiert. Verstärkt wird dieser abstrahierende und den Illusionscharakter brechende Gestus durch den bewusst schematischen Handlungsaufbau sowie eingeschnittene Diagramme von Flugbahnen der Kugeln. Kühl blickt der Däne Vinterberg von Außen – gedreht wurde in Kopenhagen und Nord-rhein-Westfalen – auf ein Amerika, in dem Angst und Gewalt die Triebfedern des Handelns zu sein scheinen.

Doch diese analytische Parabel ist nur die eine Seite des Films, denn Vinterbergs Regie ist gleichzeitig immer wieder zupackend und versucht den Zuschauer ins Geschehen zu involvieren. Raffiniert spielt er dabei mit Westernmotiven und zitiert im furiosen Showdown unübersehbar Sam Peckinpahs The Wild Bunch. So wird Dear Wendy auf einer zweiten Ebene zu einem ambivalenten Metafilm über das US-Kino, in dem sowohl die Begeisterung für die amerikanische Kinotradition stets spürbar ist, aber auch die Problematik der Gewaltdarstellung in diesen Filmen reflektiert wird.

Fast zwangsläufig führt diese Doppelstrategie zu Brüchen und irritiert, indem der Zuschauer aus der kühlen Analyse ebenso wie aus dem mitreißenden Identifikationskino immer wieder hinausgeworfen wird. Einrichten und wohl fühlen kann man sich in Dear Wendy kaum, aber ein ungewöhnlicher und schillernder Film, der Fragen aufwirft und Diskussionen auslösen kann, ist Vinterberg sicher gelungen.