Death Proof – Interview mit Quentin Tarantino

| Thomas Abeltshauser |

Quentin Tarantino über seine Vorliebe für Double Features und warum die Arbeit an einem neuen Projekt für ihn immer mit einem leeren Blatt Papier beginnt.

Death Proof kam in den USA zusammen mit Robert Rodriguez’ Planet Terror in die Kinos, als Double Feature unter dem Titel Grindhouse. Für den europäischen Markt haben Sie die beiden Filme getrennt und erweitert. Warum?
Das hatte mehrere Gründe. Zum einen wollten wir die Filme auch als Einzelwerke präsentieren, das war schon vorher so geplant. Robert und ich sehen es so, dass wir drei Filme gemacht haben: Death Proof, Planet Terror und Grindhouse. Die beiden Einzelteile funktionieren als Filme wunderbar für sich selbst, aber wichtiger als das war uns immer diese Grindhouse Experience, die wir erzeugen wollten.

Was verstehen Sie genau darunter?
Einen Kinoabend, wie es ihn in den 70ern gab, zumindest in den USA, wo man für eine Karte zwei Filme bekam, mit Filmtrailern und Werbung dazwischen. Die Kopien waren meist in einem miserablen Zustand, mit Kratzern und ganzen Szenen, die gefehlt haben, weil sie schon seit Jahren in Gebrauch waren. Die Filme waren auch anders aufgebaut, man konnte dauernd raus- und reingehen und konnte trotzdem sofort wieder der Handlung folgen. Wir wollten diese Erfahrung noch einmal nachvollziehen, und deshalb musste alles raus, was davon ablenkt. Dadurch hatten wir die künstlerisch interessante Gelegenheit, den Film auf das Allerwesentlichste zu reduzieren, quasi auf die Knochen, und konnten ausprobieren, wie viel man selbst vom Gerippe noch wegnehmen kann, ohne dass es in sich zusammenkracht. Glauben Sie mir, ich würde so etwas nie einem meiner Filme oder Drehbücher antun, wenn ich nicht wüsste, dass ich den Film an anderer Stelle in seiner vollen Pracht präsentieren kann.

In den USA sind angeblich Leute nach dem ersten Film rausgegangen, weil sie nicht wussten, dass Ihrer noch kommt.
Habe ich auch gehört, aber für mich passt das irgendwie zum Geist des Films. Ich habe Double Features geliebt, aber ich habe mir nicht jedes Mal beide Filme angesehen. Wenn sich Leute über die Länge beschweren, sage ich immer: „Okay, ihr kriegt zwei Filme zum Preis von einem. Aber das heißt ja nicht, dass ihr euch beide ansehen müsst! Wenn ihr euch Planet Terror anschaut und damit für den Abend perfekt unterhalten fühlt, dann geht danach nach Hause!“

Sie scheinen ein Händchen für abgehalfterte Schauspieler zu haben, denen Sie eine Rolle auf den Leib schneidern und damit ein Comeback verschaffen, wie John Travolta in Pulp Fiction oder jetzt Kurt Russell.
Kurt mit John Travolta von damals zu vergleichen ist ein bisschen unfair. Travoltas Karriere war, vorsichtig ausgedrückt, in keinem besonders guten Zustand, als ich ihm 1994 die Rolle in Pulp Fiction anbot. Kurt hingegen spielt nach wie vor in großen Produktionen mit, und er ist ein Publikumsmagnet, in Amerika und anderswo. Was stimmt, ist, dass ich ihm die Chance gebe, eine Kultfigur zu spielen. Wenn man in meinem Alter ist, fallen einem bei Kurt Russell Rollen ein wie Snake Plissken in Escape from New York und andere John-Carpenter-Filme oder Rudolph Russo in Robert Zemeckis’ Used Cars. Das waren Wahnsinnstypen, aber so etwas hat er schon lange nicht mehr gespielt. Ich will das gar nicht kritisieren, er war auch in anderen Filmen brillant, aber irgendwann habe ich die Zeitung aufgeschlagen und eine Anzeige von Dreamer gesehen, mit einem galoppierenden Rennpferd, seinem Profil in Soft-Fokus und daneben das der süßen Dakota Fanning. Und ich dachte nur: „Wann ist er endlich mal wieder ein richtiger badass?!“

Wenn die Handys im Film nicht wären, könnte man glatt meinen, er spiele in den 70ern, weil er diesen Look hat.
Stimmt, er sollte das Flair der 70er haben, aber trotzdem in der heutigen Zeit spielen. Zum Beispiel die Retroshirts, die die Mädels tragen. Viele Girls, die ich kenne, tragen solche Dinger. Sie gehen in Second Hand Shops und kaufen diese Baby-T-Shirts mit Kermit oder Sean Cassidy drauf. Sie stehen auf den Scheiß – und ich auch –, weil es cool und sexy aussieht. Aber das Konzept des Films war nicht, die 70er Jahre nachzuahmen, sondern den Look dieser Grindhouse-Filme. Damals wurden nicht ein paar Tausend Kopien von einem Film gezogen, sondern vielleicht sechs oder höchstens zehn. Und die wanderten dann von Großstadt zu Großstadt, von Dallas über El Paso nach Austin, ein ganzes Jahr lang, und überall spielte er für eine Woche, in den miesesten Kinos mit den miesesten Projektoren. Nach einem Jahr waren diese Filme Spaghetti. Aber das war auch Teil des Spaßes. Und das habe ich versucht, nachzuahmen. Ich wollte eine Kopie, die wie Frankensteins Monster aus verschiedenen Stücken zusammengeklebt ist. Deshalb sind die ersten vier Rollen total zerkratzt und teilweise ausgebleicht und es fehlen Szenen. Und dann kommt, bamm!, plötzlich eine Rolle, die nur so strahlt vor lauter Technicolor.

Hat Sie die Zusammenarbeit mit Robert Rodriguez inspiriert, in Zukunft effizienter zu drehen?
Der große Unterschied zwischen uns ist, dass Robert seine Drehbücher nicht selbst schreibt. Es hat schon seine Gründe, warum zwischen meinen Filmen so viel Zeit vergeht. Ich mache keine „Projekte“. Ich fange bei jedem Film von ganz vorne an. Es läuft nicht so: „Was will ich als Nächstes machen? Ach, da ist ein interessantes Buch, lass uns einen Drehbuchautor anheuern, der es umschreibt.“ Ich bin auch nicht auf der Suche nach einem fertigen Drehbuch, das ich dann verfilmen kann. So arbeite ich nicht. Bei mir fängt es immer mit einem leeren Blatt Papier an und endet mit der Filmkopie. Und dazwischen liegt oft ein jahrelanger Prozess. Und ganz ehrlich: Meine Drehbücher sind einfach besser als die meisten anderen da draußen. Für mich ist das nicht nur eine Blaupause für den Film, sondern es muss als eigenständiges Stück Literatur funktionieren. Und das dauert halt ein bisschen.

Sie scheinen fast zu platzen vor Energie und Ideen. Können Sie jemals abschalten oder arbeiten Sie permanent an einem Projekt?
Ich habe sicher eine Deadline, was meinen Enthusiasmus angeht. Ich könnte nie zehn Jahre an einem Projekt arbeiten. Ich halte das für ungesund. So lange würde meine Leidenschaft nicht andauern, vor allem wenn ich es selbst geschrieben habe. An einem bestimmten Punkt verliere ich die Liebe und das Interesse und widme mich neuen Dingen, die mich mehr faszinieren. Niemand hat leidenschaftlicher dafür gekämpft, True Romance mit mir als Regisseur zu verfilmen, als ich selbst. Aber als es mir nach Reservoir Dogs endlich angeboten wurde, war ich schon längst weiter.

Wie steht es um Ihre Begeisterung für den Kriegsfilm Inglorious Bastards, dessen Drehbuch sie seit Jahren schreiben?
Da habe ich noch genug Drive, keine Sorge! Warum? Weil es noch so bruchstückhaft ist und ich Angst habe, ob ich es hinkriege. Und Angst ist ein verdammt guter Antrieb. Ich hatte echte Panik, ich würde die Autoverfolgungsjagd in Death Proof verhauen. Wäre es nicht eine der besten Verfolgungsszenen aller Zeiten, hätte ich versagt. Für mich geht es da um alles oder nichts, und das macht mir dann Angst. Aber das zu schaffen, stellt für mich den ganzen Reiz des Filmemachens dar.