Die Figuren auf dem Brett bringen sich gemächlich in Stellung für ihre finalen Züge: „Breaking Bad“, S5E12 (Rabid Dog). Spoiler-Alert.
Halbzeit der letzten Halbzeit. Eine Episode wie im Leerlauf, wie immer bei Breaking Bad jedoch nur im scheinbaren. Denn die finale Konfrontation wird sorgsam aufgebaut, mit der gewohnten Detailfreude (z.B. besitzen die Schraders ein Box-Set der Westernserie Deadwood) und in diesem Fall mit der Anmutung einer Schachpartie kurz vor dem Endspiel. Die Gegner wissen nicht, was der jeweils andere vorhat. Schon im Opener sehen wir, was die Episode prägen wird: Spannungszuwachs ohne Entladung. Walt pirscht sich mit gezückter Waffe in sein von Jesse mit Benzin bespritztes, dann doch nicht abgefackeltes Haus, in Erwartung, diesen dort zu stellen. Doch Jesse ist weg. Die Auflösung des Cliffhangers: Nicht deshalb steht das Haus noch, weil Jesse es sich anders überlegt hätte (das glaubt allerdings Walt), sondern weil Hank Jesse gefolgt war und ihn davon abhalten konnte, das bereits brennende Streichholz fallen zu lassen (was wir aber wegen einer für die Serie eher untypischen chronologischen Verschiebung erst in Minute 21 erfahren).
In der Regiedebütfolge von Sam Catlin, einem der Hauptautoren und Koproduzenten, spitzt sich die Konfrontation zwischen Walt und Jesse durch eine neue Figurenallianz zu. Hank nimmt Jesse mit zu sich nach Hause, statt ihn einzusperren – Heisenberg war einst immerhin in der Lage, gleich zehn Häftlinge in einem Zeitfenster von zwei Minuten meucheln zu lassen. Wenn Jesse und Marie sich hier zum ersten Mal begegnen, kostet die Erzählung das mit einem unheimlichen Moment zwischen den beiden aus – bis sie ihm Kaffee anbietet. Während Marie später Lasagne macht, spricht Jesse seine Version der Geschichte in Hanks Videokamera, Kumpel Gomez ist auch dabei. Marie trägt schon länger nicht mehr ihre Lieblingsfarbe Violett, dafür knallt der Flokatiteppich im Wohnzimmer der Schraders umso violetter rein: Ihre Farbe ist symbolträchtig vom Leib auf den Boden gefallen. (In einer früheren Szene faselt sie ihrem Therapeuten von Fantasien vor, Walt zu vergiften.)
Jesse, der tollwütige Titelheld der Episode (zum x-ten Mal toll: Aaron Paul), kann einem wieder einmal leid tun. Hank ist egal, was mit Jesse passiert, Hauptsache, er kriegt Walt dran. Saul und Skyler wollen ihn tot sehen (Saul kleidet das in eine seiner „farbenfrohen Metaphern“, die hier auf den Titel der Folge Bezug nimmt, Skyler in die Worte „We have come this far, for us. What‘s one more?“). Was für eine ironische Wendung: Walt ist für einmal der Einzige, der vom Töten nichts hören will. Er mag seinen Ziehsohn lieber am Leben lassen, jedenfalls bis zum Ende dieser Episode, und es ist diese verquere Mischung aus White-Weichheit (mit der er Jesse aus diversen Schlamasseln geholt hat) und Heisenberg-Arroganz (mit der er glaubt, ihm die Vergiftung von Brock „erklären“ zu können), die hier erneut zum Tragen kommt.
Jesses Depression ist in Zorn umgeschlagen. Kein schlechter Zeitpunkt, sich an einen seiner früheren emotionalen Tiefpunkte zu erinnern. Am Ende von Season zwei starb seine große Liebe Jane (und wir mussten uns von der umwerfenden Krysten Ritter verabschieden), weil sie nach einem gemeinsamen Heroinschuss an seiner Seite im Schlaf an Erbrochenem erstickte. Jesse fiel buchstäblich in ein Loch, aus dem Walts schlechtes Gewissen ihn herausholte. Dass Walt u.a. auch für diesen Tod wegen unterlassener Hilfeleistung verantwortlich war, hätte Jesse um Molekülbreite in der berühmten, von Rian Johnson inszenierten Episode „The Fly“ (S3E10) erfahren (die als beispielhaft für ein metaphorisches – und dazu noch Budget sparendes – narratives Interludium gelten darf). Was er erfuhr, war indes nur, dass Walt für seine Reha bezahlte und ihn wieder aufpäppelte.
Sollte hier vielleicht noch das Potenzial für ein letztes großes Geständnis Walts verborgen liegen, bevor er sich gewaltsam gegen seinen Ziehsohn wendet? Die Schlussszene der Episode spricht dagegen. In eben dieser zeigt sich nochmals der großartige Sinn für Ironie, der die Serie auszeichnet: Jesse, von Hank verkabelt, soll Walt bei einer Aussprache auf einer großen Plaza (kurz vor 12 Uhr!) das Gift-Geständnis entlocken – wodurch Hank endlich einen handfesten Beweis gegen Walt hätte. Doch Walt hat wieder einmal mehr Glück als Verstand in einer dieser Situationen, in denen er handeln muss, ohne planen zu können (wie auch in einer Szene zu Beginn, wenn er eine haarsträubende Geschichte erfindet, um seinen Liebsten den benzingetränkten Teppich zu erklären, bevor er mit ihnen ins Hotel zieht). In einem glatzköpfigen Mann in der Nähe von Walt erblickt Jesse, extrem misstrauisch geworden, in seinem Ersatzvater nur mehr den Teufel sehend, einen Hitman. Dass der Mann sich als harmlos erweisen wird, wissen wir schon vorher, aber dadurch platzt das Treffen. Jesse ruft Walt von einem öffentlichen Anschluss an, und der Kreis zum Opener schließt sich: „Next time, I’m gonna get you where you really live.“ Vom Bauernopfer ist Jesse zum Springer geworden, der dem Teufelskönig Schach gibt. Walt wiederum würde gern aus dieser Drohung wegrochieren und aktiviert seinen Turm mit der größten Reichweite: Todds Neonazi-Onkel Jack, jenen Mann, der für die besonders groben Dinge zuständig ist.
Walter jr. ist nun jedenfalls die letzte Hauptfigur, die noch nicht im Spiel ist. Er muss oder, wenn man so will, darf weiter im Lügengewächshaus des ach so krebsgeschwächten Vaters leben.
