Jake Gyllenhaal kompensiert den Tod seiner Frau auf äußerst unkonventionelle Weise in Jean-Marc Vallées Drama „Demolition“
Schon früh in Jean-Marc Vallées neuem Film Demolition gibt es einen seltsamen Moment in dem Davis Mitchell (Jake Gyllenhaal), sich in einem Badezimmer versucht zu sammeln. Er ist für einen Augenblick der Beerdigung seiner Frau entkommen und blickt angestrengt in den Spiegel. Seine Züge verkrampfen, doch die Falten werden sofort wieder ausgebessert, sein Gesicht wird ausdrucksleer und wir erkennen, dass er lediglich exerziert zu weinen. Ganz offensichtlich kann Davis mit dem Tod seiner Frau (Heather Lind) nicht umgehen so wie es von ihm erwartet wird. Er ist ein Wall-Street-Investmentbanker, dessen angenehme, aber leere Existenz aufgerüttelt wird, als seine Frau Julia bei einem Autounfall ums Leben kommt, der ihn körperlich und seelisch unversehrt lässt. Während sein Schwiegervater Phil (Chris Cooper) im Krankenhaus zusammenbricht ist Davis im Wartezimmer mit einem defekten Automaten beschäftigt, der ihm eine Tüte M&M verwehrt. Leicht irritiert von der Gefühllosigkeit seines Schwiegersohns, ermutigt Phil, der auch sein Chef ist, ihn dazu, sein Leben zu überdenken. „Mit dem Herzen verhält es sich so wie mit einem Auto“, erzählt er. „Wenn du es reparieren willst, dann musst du es zuerst auseinander nehmen, bevor du es wieder zusammensetzen kannst.“ Eine Floskel, die Davis wörtlicher nehmen wird als es beabsichtigt war. Und so fährt er fort, um mit Schraubendreher, Vorschlaghammer und Brechstange zuerst seinen Kühlschrank, seinen Bürocomputer und schließlich sein schickes Vorstadthaus zu demontieren. Er beginnt eine Reihe von Briefen an die Automatengesellschaft zu schreiben, beschwert sich über den Vorfall im Krankenhaus und beginnt darin ins Detail über sein Leben zu gehen, ja er gibt sogar zu, seine Frau nie wirklich gekannt zu haben. Schließlich erhält er eine Antwort von einer Kundendienstmitarbeiterin (Naomi Watts), die – sichtlich bewegt von seiner direkten Art – ihre eigene Obsession bezüglich Davis entwickelt. Sie hat einen unflätigen Sohn im Teenageralter namens Chris (Judah Lewis), ein saures, verwirrtes Kind, das eine Vaterfigur braucht und eine verwandte Seele in Davis finden wird. Was folgt, ist das versöhnliche Porträt eines Mannes, entfremdet von einer Welt, die er nur durch grobe Metaphern spüren kann.
Der ewige Optimist
In allem Schlechten liegt das Gute im Ansatz schon verborgen, so sagt der Optimist, und der französisch-kanadische Regisseur Jean-Marc Vallée hat es zum Mantra seiner Filme erhoben. Er nimmt seine Figuren, angeschlagen wie sie sind, und versucht sie aufzubauen. Ja, er ist ein alter Idealist und dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden. Mit C.R.A.Z.Y., der Geschichte eines homosexuellen Jungen, der im katholischen Quebec der sechziger und siebziger Jahren zu einem jungen Mann heranwächst, gelang ihm 2005 der wohl verdiente internationale Durchbruch. Auch in seinen letzten beiden Filmen, Dallas Buyers Club und Wild, ließ er seine Protagonisten durch Feuerproben gehen, um am Ende integer wieder herauszukommen. Matthew McConaughey war ein homophober Cowboy mit einer AIDS-Diagnose und Reese Witherspoon eine Frau, die sich die Wanderschuhe anzog, um durch eine existentielle Krise zu hatschen. Das ist noch einmal die Vorgehensweise hier, doch das Problem ist, dass weder Bryan Sipe (Autor der Verfilmung von Nicholas Sparks Schmonzette The Choice), der das Drehbuch geschrieben hat, noch Vallée, ihrem launenhaften Kerl treu bleiben und es ist bedauerlich, weil Davis viel interessanter als nihilistischer, emotional abwesender und geistig schockgefrorener Sonderling ist als in einem überspannten Zustand der manischen Ekstase auf den Straßen von New York City. Offenbar lassen sich Risse in der Persönlichkeit durch obsessives Hämmern und die richtige Partnerin in Rekordzeit reparieren. Es ist schade, dass Demolition versucht, Davis auf eine Art und Weise zu erlösen, die sich gekünstelt und nicht unbedingt verdient anfühlt. Zum Abschluss plädiert der Film ganz laut: Happy Ends. Es gibt sie doch!
Dank Gyllenhaals formidabler Leistung ist Demolition nie weniger als interessant, aber es ist ein Film, der in einem Meer von Klischees treibt. Wenn Davis an einer Stelle sagt, dass er sich als kleiner Junge nichts sehnlicher gewünscht hat als einen Wettlauf zu gewinnen, wissen wir, dass er irgendwann an der Seite von ein paar Kindern sprinten wird. In einem anderen Moment geht Davis zum Arzt und muss feststellen, dass ihm buchstäblich ein Teil seines Herzens fehlt. Und für alle, die es immer noch nicht verstanden haben, sagt er an einer Stelle laut „Aus irgendeinem Grund ist alles zu einer Metapher geworden!“ Subtilität ist nicht gerade die Stärke von Demolition. Auf ein Pferd muss man nicht „Pferd“ schreiben.
Es ist jene Kategorie von Filmen, die das kollektive Gähnen hinter der westlichen Wohlstandsfassade freilegen, aber es bleibt am Ende ein triviales Kratzen an der Oberfläche. Wenn Davis sein Haus mit einem Bulldozer zermalmt, dann wissen wir, dass er sich jeder Zeit ein neues kaufen kann, weil nun ja, er ist Millionär. (Offenbar war Davis Mitchell nicht von der Hypothekenkrise betroffen durch die Millionen von Menschen in den USA ihre Heime verloren.)
Gyllenhaal selbst ist inzwischen zum Vorzeige-Soziopath Hollywoods avanciert. Er spielt hier eine Version von Patrick Bateman in American Psycho gekreuzt mit den Neurosen von Lester Burnham in American Beauty. In den letzten Jahren hat sich Jake Gyllenhaal mit Filmen wie End of Watch, Enemy, Nightcrawler und Southpaw alles andere als aalglatte Rollen ausgesucht. Bereits im Jahr 2002 spielte er den Hinterbliebenen in Moonlight Mile, eine großartige und Demolition weitaus überlegene Charakterstudie von trauernden Menschen. Die Beziehung hier zwischen ihm und Naomi Watts ist unausgegoren, aber der kleine, großartige Judah Lewis macht es wett. Es gibt ein drolliges Gespräch in einem Baumarkt zwischen Davis und Chris, der leicht besorgt ist, dass er homosexuell sein könnte. In einer anderen Szene will Davis von Chris, dass er mit einer Pistole auf ihn schießt. Dies bleiben die wunderlichsten Momente in einem Film, der sonst im Konventionellen verankert bleibt. Er fängt herrlich seltsam an und beginnt irgendwo auf dem Weg, das Bizarre, das ihn eingangs so faszinierend gemacht hat, für allgemeines Wohlgefallen aufzugeben. Zur Mitte kippt die zunächst wilde Mischung aus komödiantischen und dramatischen Momenten ähnlich wie Silver Linings Playbook vollends ins Erbauliche mit dem gravierenden Unterschied, dass Demolition im Gegensatz zu David O. Russells Tragikomödie keinen besonders guten Sinn für Humor hat. Der Film versucht so verbissen ein gewisses Maß an Substanz zu erreichen, dass er sie kolossal verfehlt. Vielleicht sollte Vallée seine Filme lieber wieder selbst schreiben wie im Fall von C.R.A.Z.Y., ein träumerisch montiertes, launiges Meisterwerk mit Tiefgang – ganz ohne Seelenschmalz.
