Bettina Leidl, seit November 2011 Geschäftsführerin von departure, der Kreativagentur der Stadt Wien, über positive Clusterbildung, den neuen Wiener Kunst-Herbst und die Bestrebungen, Kreativunternehmen und klassische Wirtschaft zusammenzubringen.
Jedes sechste Wiener Unternehmen wird mittlerweile dem Kreativbereich zugerechnet. Rund 14.000 sind es derzeit, und sie bieten Arbeit für nicht weniger als 57.400 Beschäftigte. Seit 2003 fördert die Stadt Wien mit ihrer Kreativagentur departure innovative Projekte und Firmengründungen in diesem Bereich. In den neun Jahren seither konnten 360 solcher Projekte unterstützt und rund 1.500 neue Arbeitsplätze geschaffen werden.
2012 steht die Fördertätigkeit von departure ganz im Zeichen der Kooperation – nämlich der Zusammenführung und Vernetzung von Kreativwirtschaft und „klassischer“ Wirtschaft. Das griffige Motto lautet: Get Together – Create Together – Work Together. Weitere Schwerpunkte will die Stadt im Bereich der Kreativcluster setzen: Die Konzentration von kreativem Potenzial in einzelnen Stadtgebieten erhalte und stärke die Lebensqualität und internationale Attraktivität des Standortes Wien, heißt es. Und schließlich sollen kreative Produkte und Dienstleistungen verstärkt die Chance erhalten, sich international zu präsentieren und Vertriebsmöglichkeiten zu finden. Diese schönen Schlagworte mit Inhalt und Leben zu erfüllen, das ist Aufgabe der neuen Geschäftsführerin Bettina Leidl, die vom Film kommt (von 1993 bis 1997 war sie Filmreferentin der Kunstsektion des Bundeskanzleramtes) und vierzehn Jahre lang Geschäftsführerin der Kunsthalle Wien war.
Eine Frage, die sich aufdrängt, wenn man die Förderaktivitäten von departure beobachtet, ist die nach der Entwicklung der einzelnen Projekte. Anders gefragt: Gegründet ist eine Firma schnell, aber wer schaut darauf, was aus diesen Projekten wird? Gibt es Untersuchungen dazu, wie sich die nach ein paar Jahren entwickeln?
Natürlich beobachten wir das genau. Es gibt sehr viele Firmen in der Kreativwirtschaft, die sich in den letzten Jahren großartig positioniert haben und heute wesentliche Arbeitgeber sind. Als Beispiel: Nousguide wurde von departure, der Kreativagentur der Stadt Wien, für die Entwicklung eines multimedialen Museumsguides gefördert, die Firma hat heute knapp 20 Mitarbeiter und ist in fast allen österreichischen Museen und Ausstellungshäusern vertreten. Jetzt stehen sie vor der Herausforderung: Wie kann sich das Produkt international positionieren? Ebenso zu nennen ist die Zone Media GmbH, die sich auch zu einem wichtigen Player in der Stadt entwickelt hat.
Abgesehen von Erfolgsgeschichten gab es natürlich Projekte, die es nicht geschafft haben, sich auf dem Markt zu etablieren – aber eine Kultur des Scheiterns darf und muss es auch geben. Man schöpft aus solchen Projekten ja trotzdem Erfahrungen, hat ein Netzwerk aufgebaut, in das man ein neues Projekt einbringen kann. Nicht jede kreative Persönlichkeit ist zum Unternehmer geboren, nicht aus jeder guten Idee muss gleich eine Firma entstehen. Wir bieten verstärkt Beratung an und stellen Kontakte zu Kreativen und Firmen her, um Projektideen eine gemeinsame Umsetzung zu ermöglichen. Es muss ja nicht so sein, dass jemand alles können muss: vom Entwickler und Ideenproduzenten über die Administration bis hin zur Buchhaltung und zum Vertrieb.
Sie wollen Kreativwirtschaft und „klassische“ Wirtschaft miteinander vernetzen. Wer könnte zwischen diesen beiden Instanzen vermitteln?
Erfolgreiche Kooperationen mit der klassischen Wirtschaft sind nach wie vor selten, obwohl unbestritten ist, dass neue kreative Leistungen zur Attraktivität von Produkten beitragen und Geschäftsprozesse verbessern. Der Zugang zur klassischen Wirtschaft ist für Kreative meist aufgrund fehlender Kontakte schwierig, aber auch Wirtschaftsunternehmen fällt es schwer, die richtigen Partner in der Kreativwirtschaft zu finden. Mit dem focus-Call „Kooperationen“ versuchen wir, den Mehrwert einer Zusammenarbeit zu vermitteln und Hemmnisse aus dem Weg zu räumen. Dafür setzen wir erstmals so genannte Door-Opener ein. Deren Aufgabe wird es sein, Projekte und Projektideen der Kreativen mit den Produktions- und Vertriebsmöglichkeiten der Wirtschaft zusammenzuführen.
Ich bin da skeptisch. Ich glaube schon, dass es gute Absichten seitens der Unternehmer gibt, aber gerade neue, kreative Lösungen sind doch viel teurer als herkömmliche. Wird man sich nicht in Zeiten, in denen Sparen das neue Credo ist, auf Bewährtes verlassen?
Das muss nicht sein. Aber die Kosten sind natürlich oft ein Killerargument. Es ist mir gelungen, für den diesjährigen Themencall „Kooperationen“ eine zusätzliche halbe Million Euro für Unternehmen der klassischen Wirtschaft, die sich am Call beteiligen, aufzutreiben. Dieses Geld wird von der Wirtschaftsagentur Wien bereitgestellt. Investitionen sind nun einmal nötig, um ein neues Produkt zu entwickeln. Ziel ist, die Vorteile der Zusammenarbeit hervorzuheben, aber auch die Rechteabgeltung und den Wert von Kreativleistungen anzusprechen.
Die Internationalisierung der Kreativszene ist ebenfalls ein wichtiges Stichwort. Wie kann departure da eingreifen und helfen?
Um ein Produkt oder eine Dienstleistung international zu etablieren, reicht es meist nicht, damit auf eine Messe zu fahren. Strategisch ausgesuchte, richtige Partner sind wichtig, um einen neuen Markt zu finden und sich dort zu positionieren. Für kreative Produkte und Dienstleistungen braucht es den persönlichen Zugang, das Gespräch und eine Partnerschaft. Da reicht es nicht, etwas ins Regal zu stellen, wie z.B. eine Kaffeetasse, und auf Käufer zu hoffen. Mir ist wichtig, dass man bereits bei der Planung und Konzeption mitdenkt, wie das Produkt international positioniert werden kann. Hier wird die Förderung von departure verstärkt Impulse setzten. Internationale Koproduktionen sind sehr aufwändig und kosten Zeit und Geld. Doch die Vorarbeit lohnt sich, weil man dann die Trends und Nischen kennt und besser als Produzent am internationalen Markt reüssieren kann.
Sie haben auch von Kreativclustern in der Stadt gesprochen. Was ist da genau geplant?
Es gibt viele Initiativen in diesem Bereich, departure soll verstärkt eine Koordinierungsfunktion für die Kreativwirtschaft zukommen: Es geht um die Themen Leerstände in den Erdgeschosszonen, um Stadtentwicklung sowie um Zwischennutzungen. Wir haben z.B. einen sehr guten Kreativcluster im siebenten Bezirk. Nehmen Sie das Fox-House in der Westbahnstraße. Regelmäßige Ausstellungen, wechselnde Designer im Fashion Store und ein vielfältiges Programm von Kunstaktionen, Symposien und Ausstellungsevents bieten die Möglichkeit für Austausch und Interaktion. Das ist ein tolles Beispiel für eine gelungene temporäre Nutzung: Kaum eröffnet, ist es bereits ein Super-Erfolg.
Ich möchte das Bewusstsein in der Stadt dafür schärfen, wie wichtig diese Kreativ-Grätzel sind. Sie heben die Lebensqualität und das Image einer Stadt. Kreativunternehmen in seiner Wohnstraße zu haben, ist schöner, als vier Nagelstudios und zwei Wettbüros.
Wie steht es mit der Gefahr, dass die Bewohner eines solchen Viertels vertrieben werden oder sich vergrault fühlen?
Das hab ich noch nie gehört, dass jemand wegen eines Kreativ-unternehmens absiedelt, ich kenne das eher umgekehrt. Ein bekanntes Beispiel ist das Hamburger Gängeviertel, das in den achtziger Jahren durch Künstler und Kreative aufgewertet wurde. Es wurde so hip und beliebt, dass Immobilieninvestoren es aufgekauft und saniert haben. So steigen automatisch die Mieten, was leider den Kreativen – also denjenigen, die für den Aufschwung gesorgt haben – auf den Kopf fällt. Aber die Hamburger Künstler haben sich erfolgreich gewehrt.
Was mir an der Wiener Kreativszene auffällt, ist die Zusammenballung von Veranstaltungen im Herbst. Da gibt es Blickfang, die Fashion Week, die Art Week, die Viennale und so einiges andere. Nun wird auch die ViennaFair noch in den Herbst wandern.
Die ViennaFair geht ja nicht in den Herbst, weil ihr der Frühling zu langweilig war, sondern sie orientiert sich am internationalen Messekalender. Im Frühjahr sind zwei neue Messen, die Frieze New York und Art Basel Hongkong, dazugekommen, und somit war man bei der ViennaFair der Meinung, sich in dieser Zeit international nicht gut positionieren zu können. Darum ist sie auf September ausgewichen.
curated by_ wurde von departure zur Stärkung des Kunststandorts Wien konzipiert und um den Messestandort Wien attraktiver zu machen. Das Konzept von curated by_ sieht vor, dass ein Thema von 22 Wiener Galerien und departure gemeinsam erarbeitet wird.
Ich habe Kuratorin Eva-Maria Stadler eingeladen, das diesjährige Thema für curated by_ zu entwickeln, wir werden uns verstärkt den Rahmenbedingungen des Kunstbetriebs widmen, und da zeichnet der Titel „Kunst oder Leben“ bereits die Richtungen vor, in die sich das Thema entwickeln kann. Die Galerien ihrerseits laden internationale Kuratoren aus internationalen Museen oder freie Kuratoren ein, sich mit dem Thema und der Kunst dieser Stadt auseinanderzusetzen und den Kunstdiskurs anzuregen. Für den internationalen Messebesucher und Sammler ist curated by_ ein wesentlicher zusätzlicher Attraktivitätsfaktor, die ViennaFair zu besuchen, die sich speziell mit ihrem Osteuropa-Schwerpunkt international positioniert hat.
Ist das nicht ein Overkill? Wer soll sich denn das alles anschauen? Die Zielgruppe ist doch begrenzt.
Ich finde es großartig, wenn so viel los ist und man diesen geballten Herbst auch international kommunizieren kann: also eben einen „Kunst-Herbst Wien“, angefangen mit curated by_, ViennaFair, Vienna Design Week, Waves Vienna, Viennale und als Abschluss die Vienna Art Week im November. Alle großen Museen, Kunsthallen und Künstlervereine eröffnen ihre großen Herbstausstellungen. Das ist doch eine Bereicherung und kein Overkill. Vor einigen Jahren nahmen wir noch darauf Rücksicht, Eröffnungen verschiedener Häuser nicht gemeinsam anzusetzen, damit man sich nicht gegenseitig die Besucher wegnimmt. Mittlerweile legt man bewusst Eröffnungstermine zusammen, zumindest im Museumsquartier, in der Kunsthalle und im Mumok, und am besten gibt es noch eine Galerieneröffnung in der Eschenbachgasse oder in der Schleifmühlgasse! Da sind dann die kunstinteressierten Leute unterwegs. Sie gehen zuerst in die Galerien, kommen gegen 20 Uhr in die Kunsthalle, gehen dann rüber ins Mumok und kommen wieder in die Kunsthalle, weil dort noch ein Konzert um 22 Uhr stattfindet. Hier die Aufmerksamkeit zu bündeln, bringt allen etwas. Konkurrenz im besten Sinne.
Was bei den focus-Calls der letzten Jahre auffällt: Es gab solche in allen Sparten, zum Teil auch mehrmals, aber noch nie gab es einen Call zum Thema Film. Ist da in nächster Zeit etwas geplant?
Ich komme ja aus dem Filmbereich, habe einige Jahre in der Filmförderung gearbeitet, bin im Kuratorium des Filmfonds Wien und im Fernsehbeirat der RTR. Nun habe ich wieder die Möglichkeit, für den österreichischen Film etwas zu tun, habe auch schon erste Gespräche mit den Vertreterinnen der Filmförderungen BMUKK, MA7, ÖFI und FFW geführt. Die Förderung von departure im audiovisuellen Bereich muss sich jedoch ganz klar von den bestehenden Förderinstrumenten abgrenzen. Was departure sicher nicht macht, ist reine Filmförderung. Ansatzmöglichkeiten gibt es, vor allem im Cross-Media-Bereich und in allen Formaten, die sich mit neuen, innovativen Vertriebswegen auseinandersetzen. Es geht um neue Formate und auch um Interdisziplinarität. Die Kompetenz der Filmschaffenden wäre für viele andere Sparten der Kreativwirtschaft wesentlich. Heutzutage glaubt jeder, er kann mit seiner Handykamera Filme machen. Da gibt es aber noch Dramaturgie, Licht, Schnitt – und nur damit wird wirklich filmisch eine Geschichte erzählt. Diese Filmkunst und das filmische Handwerk zu propagieren und hier Verbindungen zu schaffen, das interessiert mich.
Bei den departure-Calls gehen wir gemeinsam mit Vertretern der Branche auf die Besonderheiten des audiovisuellen Bereichs ein, machen eine Bestandsaufnahme und haben die Möglichkeit zu experimentieren, weiterzudenken, zu entwickeln. Ich werde sicherlich etwas im audiovisuellen Bereich machen, das Innovation, Professionalität und filmisches Denken fördert.
