Die Internationalen Filmfestspiele Berlin 2023 sind Vergangenheit und der Potsdamer Platz liegt erneut verlassen und öde da.
Erzählen wir also von den Bären, die Samstag abend im Zuge der Preisverleihung der 73. Berlinale vergeben wurden. Zumindest von einigen derselben. Denn wer hat schon immer alle der ausgezeichneten Filme gesehen? Woraus sich zumeist die Auswahl der Erwähnten quasi von selbst ergibt. Ich erinnere mich an das Jahr 2002, in dem Miyazaki Hayaos Sen to Chihiro no kamikakushi im Wettbewerb lief und die meisten Journalisten und Journalistinnen den Film ausließen, weil es sich dabei um den Zeichentrickfilm eines unbekannten Japaners handelte. „Was soll dergleichen Kinderkram im Wettbewerb?“, schienen sie sich zu fragen und schliefen aus. Als sich ausgerechnet dieser Film dann den Goldenen Bären mit dem antipodisch wirkenden Bloody Sunday von Paul Greengrass teilte (die Jury hatte sich heillos zerstritten), waren die Gesichter betreten und die Berichterstattung dürftig bis einseitig. Zeichentrickfilme laufen seither nicht mehr vor leeren Häusern, erst recht nicht im Wettbewerb. In dem in diesem Jahr gleich zwei Animationsfilme gezeigt wurden: der japanische Beitrag Suzume, in dem Makoto Shinkai das Trauma der Katastrophe in Fukushima bearbeitet („ray“ wird dem Regisseur zum Filmstart im April ein Porträt widmen), und Art College 1994, in dem der chinesische Animationsfilmemacher Liu Jian – nach 2017, wo er Hao ji le präsentierte, bereits zum zweiten Mal im Wettbewerb vertreten – von hoffnungsfrohen Kunststudenten erzählt, die in einer Zeit der Umbrüche ihre Illusionen verlieren. Und während Suzume einen veritablen Handlungsrausch entfacht, wird in Art College 1994 im Grunde genommen ununterbrochen geredet, was einen, sofern nicht des Chinesischen mächtig, zur Untertitel-Lektüre verdammt. Das geht dann leider auf Kosten der ausnehmend schön animierten Bilder – manchmal ist das Kino eben voller Widersprüche.
Wir wollten ja aber von den Preisträgern und Preisträgerinnen berichten, zumindest von einigen wenigen. Und selbstverständlich vom Chef des Rudels: Der Goldene Bär ging an Sur l’Adamant, in dem Nicolas Philibert das Leben an Bord einer Tagesklinik für Menschen mit psychischen Problemen porträtiert. Sicher eine gute Wahl, handelt es sich doch bei Philibert um einen außerordentlich verdienstreichen Dokumentarfilmer, der sein wichtiges Thema umsichtig und sensibel in Szene setzt.
Für erstaunt gehobene Augenbrauen sorgte allerdings die Entscheidung, den Preis für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle an die achtjährige Sofía Otero zu geben, die in 20.000 especies de abejas von Estibaliz Urresola Solaguren einen Jungen spielt, der sich wünscht, ein Mädchen zu sein. Ohne die Leistung der kleinen Otero schmälern zu wollen, kindliche Spielfreude und darstellerisches Talent mit erwachsener Schauspielerei in einen Topf zu werfen, zeugt nicht unbedingt von Weitsicht. Zumal auf diese Weise Thomas Schubert um diesen Preis gebracht worden ist, der in Christian Petzolds Roter Himmel unvergleichlich zartfühlend und mutig einen zeitweise verkrachten, reichlich unleidlichen Jung-Schriftsteller spielt. He’s been robbed! Wenigstens wurde Petzolds Sommerfilm, in dem die Luftigkeit und die Erdenschwere gekonnt ineinander gewoben sind, mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Ein Trost, wenn wohl auch nicht für Schubert.
Der Silberne Bär für eine herausragende künstlerische Leistung ging an die Kamerafrau Hélène Louvart, die Giacomo Abbruzzeses konventionsbefreitem Spielfilmdebüt Disco Boy sein zauberhaft-befremdliches Aussehen gab. Disco Boy handelt von Aleksei, der in der französischen Fremdenlegion seine zweite Chance wahrnehmen will und den es ins Nigerdelta verschlägt, wo er dann allerdings feststellen muss, dass er auf der falschen Seite steht.
Aleksei wird gespielt von Franz Rogowski, der bekanntlich nicht viele Worte braucht, um eine Menge auszudrücken. Er hält den Film in seinem Innersten zusammen, bildet das energetische Zentrum, an das sich eine zwischen Dröhnen, Wabern und Krachen oszillierende Soundscape des französischen Elektromusikmeisters Vitalic anlagert. Zumeist schälen sich die Konturen aus der Dunkelheit und aus den Schatten, zwischendurch aber blickt Louvarts Kamera durchs Nachtsichtgerät, unternehmen die solcherart entstehenden Wärmebilder einen Ausflug ins berauschend Experimentelle, droht die ganze Chose in einer Art Feuerwerksexplosion auseinanderzufliegen. Dann, als würde der Film einatmen, holen Großaufnahmen von Gesichtern und Augen alles wieder zusammen, verdichtet sich das betörend lose geflochtene, narrative Gespinst erneut. In seiner Dramaturgie erinnert Disco Boy an die pumpenden Bewegungen einer Qualle, die fragil und befremdlich durch geheimnisvolles Terrain schwebt – ein Bild von magnetischer Anziehungskraft und nicht ungefährlich.
Die erste postpandemische Berlinale ohne Masken-, Test- und Schachbrettmusterplatzierungs-Zwang kann wohl als Erfolg gewertet werden. Die Kinos, die mittlerweile wie mit dem Salzstreuer über die gesamte Stadt – es ist bekanntlich keine kleine – verteilt sind, erfreuten sich regen Interesses. Egal, ob es in den 1700 Plätze umfassenden Abfertigungsbetrieb Verti Music Hall ging oder in die unbequem engen Sitzreihen des Hauses der Berliner Festspiele – man kam und sah und freute sich. Jedenfalls die, die über ein Smartphone und/oder Internetzugang verfügten. Wer jedoch so wie früher und „ganz normal“ am Schalter ein Ticket erwerben wollte, musste unverrichteter Dinge durch den Berliner Regen wieder abziehen, hatten doch die Verantwortlichen beschlossen, dass alle Tickets nur noch online zu erwerben seien, mutmaßlich um Kosten zu sparen. Ein Skandal, über den sich erstaunlicherweise niemand aufregte. Wahrscheinlich, weil Filmfestivals letztlich doch nicht sooo wichtig sind. Dennoch ist diese arrogante Maßnahme einer Organisation unwürdig, die zum einen von sich behauptet, eines der weltweit größten Publikumsfestivals zu organisieren und sich zum anderen bei dessen Umsetzung die Inklusion auf die Fahnen geschrieben hat.
