Tausend Zeilen

Tausend Zeilen

Der Fabulierer

| Jörg Schiffauer |
Ein talentierter Autor narrte mit seinen Texten Deutschlands Qualitätsmedien. Michael Herbigs Satire „Tausend Zeilen“ blickt auf einen Skandal zurück, der für gewaltiges Aufsehen sorgte.

Der Name Claas Relotius steht innerhalb der (deutschen) Medienbranche mittlerweile für eine Art Gottseibeiuns. Dabei galt Relotius noch vor wenigen Jahren als angehender Superstar der schreibenden Zunft, für seine Reportagen wurde er von allen Seiten gelobt und mehrfach ausgezeichnet. Die „Süddeutsche Zeitung“ charakterisierte seine Geschichten in einer Nachbetrachtung von „bestechender Stringenz und mit schillernden Details.“ Doch der Grund, warum diese Texte sich immer so wunderbar lesen ließen, war ebenso simpel wie unfassbar – Relotius hatte wesentliche Teile davon einfach erfunden. Als die Fälschungen 2018 schließlich aufflogen, war der Skandal perfekt, denn betroffen waren Medien, die als exemplarische Repräsentanten des Qualitätsjournalismus gelten, wie etwa die „FAZ“, „NZZ am Sonntag“, „Süddeutsche Zeitung Magazin“ und vor allem „Der Spiegel”, vom legendären Gründer und Herausgeber Rudolf Augstein durchaus zutreffend als „Sturmgeschütz der Demokratie“ bezeichnet.

Hochmut und andere Sünden
Eine zentrale Rolle bei der Aufdeckung des Skandals spielte der „Spiegel“-Reporter Juan Moreno, dem bei einer Zusammenarbeit mit Relotius eine Reihe von Ungereimtheiten in dessen Geschichte über Milizen, die die Grenzen der Vereinigten Staaten gegen illegale Übertritte aus Mexiko zu verteidigen gedachten, aufgefallen waren. Als sich diese Widersprüche schließlich nicht mehr als Schlampigkeiten oder Ungenauigkeiten abtun ließen, begann Moreno mehrere von Claas Relotius’ gefeierten Reportagen auf Faktentreue abzuklopfen. Am Ende stand einer der größten Medienskandale Deutschlands der vergangenen Jahrzehnte, den Moreno in seinem 2019 veröffentlichten Buch „Tausend Zeilen Lüge: Das System Relotius und der deutsche Journalismus“ rekapitulierte.

Michael „Bully“ Herbig hat sich nun mit Tausend Zeilen an die filmische Aufarbeitung des Falls Relotius gemacht und stützt sich dabei auf Morenos Buch. Auf so manche interpretatorische Freiheit wird jedoch gleich einmal aufmerksam gemacht: „Etliches hat sich wirklich abgespielt. Einiges haben wir erfunden. Ganz ehrlich“ verkündet ein Insert zu Beginn von Tausend Zeilen. Was gleichzeitig aber auch schon ein wenig augenzwinkernd auf die Arbeitsweise und das besagte System Relotius verweist.

Herbig setzt die auch im Rückblick eigentlich immer noch unfassbaren Geschehnisse um den begnadeten Fabulierer Relotius, dem es gelungen war, die Eliten des deutschen Journalismus mit seinen Geschichten an der Nase herumzuführen, als temporeiche, streckenweise geradezu schrille Farce in Szene. Ein wenig greift Tausend Zeilen mit Verklausulierungen, die jedoch einfach aufzudröseln sind, auf die Gepflogenheiten des Schlüsselromans zurück, Claas Relotius heißt etwa Lars Bogenius, Juan Moreno firmiert als Juan Romero – deren Darsteller Jonas Nay und Elyas M’Barek ähneln auch physiognomisch stark den realen Personen –, das Hamburger Nachrichtenmagazin, für das die beiden Protagonisten tätig sind, trägt den Titel „Chronik“. Was manche dramaturgischen Elemente wie das Durchbrechen der Vierten Wand durch einzelne Charaktere oder den oft von beißendem Sarkasmus geprägten Erzählduktus angeht, erinnert die Inszenierung immer wieder an brillante Satiren wie The Big Short und Vice, in denen Adam McKay brisante Themen wie die Finanzkrise von 2008 oder die Politik der Regierung George W. Bush ins Visier genommen hat. Keine üble Referenz also, die durchaus geeignet ist, etwaige Bedenken, ob der Regisseur Herbig ein solches Sujet zu stemmen vermag, auszuräumen. Besagte Zweifel gründen sich auf dem bisherigen Schaffens Herbigs, der sich als Mastermind und Schauspieler der TV-Comedyserie Bullyparade einen Namen machen konnte und als Regisseur sowie Drehbuchautor für erfolgreiche, aber eher brachialhumorige Komödien wie Der Schuh des Manitu oder (T)Raumschiff Surprise – Periode 1 verantwortlich zeichnete. Doch bereits Ballon (2018), in dem er die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte einer spektakulären Flucht aus der DDR aufgreift, verweist darauf, dass es der Regisseur Michael Herbig auch ernster angehen kann. Zwar bedient er sich im Fall von Tausend Zeilen des Mittels der Satire, doch die Entschlossenheit, der Komplexität der Affäre Relotius, bei der schlussendlich das Vertrauen in Medien und damit deren Fähigkeit, ihre Kontrollfunktionen als vielzitierte „Vierte Gewalt“ in demokratischen Systemen auszuüben, gerecht zu werden, steht vom ersten Kader an nicht in Zweifel.

Angesichts der von Herbig und seinem Drehbuchautor Hermann Florin gewählten Annäherung an den Fall Claas Relotius wird man unweigerlich an eine andere Fehlleistung publizistischer Natur, bei der Fälschungen ganz anderer Art eine zentrale Rolle spielten, samt der filmischen Adaption erinnert. 1983 vermeldete das Nachrichtenmagazin „Stern“ die vermeintliche Sensation des Jahrhunderts: Dem Reporter Gerd Heidemann, der sich in den sechziger Jahren als Kriegsberichterstatter einen ziemlich großen Namen gemacht hatte, sei es gelungen, die Tagebücher Adolf Hitlers aufzuspüren. „Ab sofort muss die Geschichte des Dritten Reiches in weiten Teilen neu geschrieben werden“, verkündete „Stern“-Chefredakteur Peter Koch triumphierend anlässlich einer Pressekonferenz. Doch schon wenig später entpuppte sich der Scoop als Blamage von monumentalem Ausmaß. Besagte Tagebücher erwiesen sich als Fabrikat des Malers und Kunstfälschers Konrad Kujau, der, wie er später in Interviews wiederholt durchblicken ließ, eine diebische Freude daran hatte, Heidemann und den „Stern“ hereinzulegen – und für seine dreisten Fälschungen auch noch über neun Millionen Mark zu kassieren.

Helmut Dietl, der in Fernsehserien wie Der ganz normale Wahnsinn, Monaco Franze – Der ewige Stenz und Kir Royal zielsicher Eitelkeiten aller Couleurs zu decouvrieren verstanden hat, griff die aberwitzigen Geschehnisse um die vorgeblichen Hitler-Tagebücher mit der bitterbösen Farce Schtonk! (1992) auf. Dietl nimmt dabei präzise jene verhängnisvolle Mischung aus eitler Selbstgefälligkeit und Gier nach dem Sensationscoup, die alle Beteiligten erfasst hatte, aufs Korn. Zudem übte die vor Bana-litäten nur so strotzende Sicht auf die Zeit des Nationalsozialismus, die der Fälscher Kujau herbeiphantasierte, auf die „Stern“-Redakteure ein ebenso merkwürdiges wie kaum nachvollziehbares Faszinosum aus, das offensichtlich maßgeblich dazu beigetragen hat, dass man alle journalistische Sorgfalt einfach außer Acht ließ.

Ganz so einfach stellt sich die Sache im Fall von Claas Relotius nicht dar, waren doch seine Texte per se keine derart prekäre Angelegenheit wie die Tagebücher Hitlers. Was jedoch die psychologische Seite angeht, lassen sich durchaus Ähnlichkeiten erkennen. Vor allem der nachlässige Umgang mit der Causa, als durch die Hinweise von Romero/Moreno bereits alle Alarmglocken hätten laut schrillen müssen, weist konsternierende Parallelen mit jenem Skandal auf, der dem „Stern“ zum Verhängnis wurde. In Herbigs Inszenierung verkörpern Jörg Hartmann und Michael Maertens kongenial jene leitenden Redakteure, die sich in ihrem als Führungskräfte eines Leitmediums selbst zugeschriebenem Elitarismus so verfangen haben, dass sie die Möglichkeit, einem journalistischen Betrug aufgesessen zu sein, erst ernsthaft ins Auge fassen, als es längst zu spät ist. Der von Maertens gespielte Rainer M. Habicht, verantwortlich für das Ressort Reportage, wirft im Verlauf einer Redaktionssitzung den Satz „Wir gießen die Wirklichkeit in Geschichten“ in den Raum, fast schon eine vorweggenommene Rechtfertigung für den weichen Umgang mit Fakten. Und hätte Juan Moreno nicht eine Hartnäckigkeit sondergleichen an den Tag gelegt – auch das spricht Tausend Zeilen an – wer weiß, wie lange Relotius mit seinen so wunderbar klingenden Erzählungen noch durchgekommen wäre.

Lügner und Gralsritter
Erstaunlicherweise hat sich etwa zwei Jahrzehnte davor in den Vereinigten Staaten eine Affäre zugetragen, die den Fall Claas Relotius wie eine Doublette erscheinen lässt. Mitte der neunziger Jahre hatte sich Stephen Glass mit seinen Reportagen, die in dem Politik- und Kulturmagazin „The New Republic“ veröffentlicht worden waren, einen Namen gemacht. Glass galt ganz ähnlich wie Relotius als großes journalistisches Talent, der stets spannende, relevante Themen aufzugreifen verstand, die er besonders griffig aufzubereiten wusste. Als schließlich durch Recherchen einer anderen Zeitschrift aufflog, dass Glass seine Texte nicht nur abseits mancher Fakten aufpoliert, sondern manche einfach frei erfunden hatte, war die Bestürzung groß (am Schluss stellten sich von den 41 Artikeln, die Glass verfasst hatte, 27 als teilweise oder komplette Fälschungen heraus). Denn „The New Republic“ hatte immer auf sein engmaschiges Kontrollsystem, in dessen Verlauf Artikel einem mehrstufigen Faktencheck vor der Veröffentlichung unterzogen wurden, hingewiesen. Dass dieses System fundamental umgangen werden konnte, war für die Macher von „The New Republic“, die stolz darauf zu verweisen pflegten, dass ihr Magazin zur Lektüre an Bord von Air Force One, dem Flugzeug des US-Präsidenten, zählt, unvorstellbar gewesen.

Auch wenn man konzedieren muss, dass sowohl bei Stephen Glass als auch bei Claas Relotius ein Kontrollversagen auf mehreren Ebenen Platz gegriffen hat, liegt beiden Fällen ein tiefer sitzendes Problem zugrunde, dass sich entscheidend um Berufsethik und charakterliche Eigenschaften dreht. In Tausend Zeilen bringt das ein Mitarbeiter aus der Abteilung Dokumentation, der Relotius’ Texte durchgeht, auf den Punkt: Er könne nur die in dem Artikel vorkommenden Fakten auf ihre Richtigkeit überprüfen; dass ein Journalist darüber schreibt, was er bei seinen Recherchen vor Ort vorfindet und Dinge nicht einfach erfindet – soviel Vertrauen müsse schon vorhanden sein. Im Kern eine durchaus nachvollziehbare Annahme, doch wenn einzelne Vertreter ihres Berufsstandes wie Relotius oder Glass alle ethischen Grundsätze – die individuelle Motivation sei einmal dahingestellt – über Bord werfen, droht das ganze System zu kippen. Bei Claas Relotius dürfte das Problem im Umgang mit der Wahrheit eher pathologischer Natur sein, log er doch nicht nur in seinem Beruf, sondern auch persönliche Angelegenheiten betreffend – so erfand er wiederholt eine an Krebs erkrankte Schwester. Herbigs Inszenierung versucht nicht, sich der Person Relotius/Bogenius psychologisch anzunähern – was bei einem solch undurchschaubaren Charakter ohnehin mit Spekulation verbunden wäre – sondern belässt es auf der behavioristischen Ebene.

Die Affäre um Stephen Glass wurde bereits 2003 von Billy Ray unter dem Titel Shattered Glass verfilmt, in dem präzisen True-Event-Drama, das bis in die Nebenrollen mit Peter Sarsgaard, Chloë Sevigny, Rosario Dawson, Melanie Lynskey und Hank Azaria großartig besetzt ist, verkörpert Hayden Christensen den jungen Aufsteiger, der tief fallen sollte – eine weitere Parallele zu Relotius. Der hemmungslose Texterfinder Glass repräsentiert die Antithese zu jenem Journalistentypus, der seit den siebziger Jahren – genauer seit All the President’s Men – bevorzugt auf die Leinwand gebracht wurde. Die Recherchen der „Washington Post“-Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein, die maßgeblich zur Aufdeckung des „Watergate“-Skandals und schlussendlich zum Rücktritt von Richard Nixon vom Amt des US-Präsidenten beitrugen, stehen im Mittelpunkt von Alan J. Pakulas All the President’s Men (1976). Die von Robert Redford und Dustin Hoffman gespielten Protagonisten repräsentieren mustergültig jene Journalisten, die gegen alle Widerstände die Suche nach der Wahrheit betreiben, um so der Funktion als „Watchdog“, der gesellschaftliche Missstände aufzeigt, gerecht zu werden. Steven Spielberg würdigte die Arbeit der „Washington Post“ und ihre legendäre Besitzerin und Herausgeberin Katherine Graham mit The Post (2017), im Fokus steht dabei die Veröffentlichung der brisanten Pentagon-Papiere, die die Zeitung auf direkten Konfrontationskurs mit der Nixon-Regierung brachte.

Um klare Haltungen geht es auch in Roger Spottiswoodes Under Fire (1983). „I don’t take sides, I take pictures“, merkt zu Beginn der von Nick Nolte gespielte Fotoreporter Russel Price an, der schon von zahlreichen Kriegsschauplätzen berichtet hat. Doch im Verlauf seines Einsatzes in den finalen Tagen der Nicaraguanischen Revolution von 1979 muss Price erkennen, dass es Geschehnisse gibt, denen man mit neutraler Äquidistanz einfach nicht gerecht wird. Obwohl der Plot fiktional ist, greift Under Fire neben der zentralen Handlung um die Arbeit von Journalisten in Krisengebieten den politisch brisanten Themenkomplex um das US-amerikanische Engagement in Lateinamerika auf. Auf realen Personen basieren zwei Charaktere, die von Cate Blanchett gewohnt souverän verkörpert wurden. In Veronica Guerin (2003; Regie: Joel Schumacher) spielt sie die titelgebende Journalistin, die wegen ihrer brisanten Veröffentlichungen über den Drogenhandel in Dublin einem Mordanschlag zum Opfer fiel, den das organisierte Verbrechen in Auftrag gegeben hatte. In James Vanderbilts Truth (2015) übernahm Blanchett die Rolle von Mary Mapes, die – wie ihr prominenter Kollege Dan Rather, der von Robert Redford gespielt wird – aufgrund ihrer Recherchen um die Glaubwürdigkeit von George W. Bush bezüglich seiner Zeit in der Nationalgarde in Konflikt mit ihrem Arbeitgeber CBS geriet. Spotlight (2015; Regie: Tom McCarthy) wiederum beleuchtet, ebenfalls auf realen Ereignissen basierend, die investigative Arbeit jener Journalisten des „Boston Globe“, die die systematische Vertuschung von sexuellem Missbrauch durch die Erzdiözese Boston aufdeckten.

„Die Wahrheit. Sonst nichts“ prangt in Tausend Zeilen in großen Lettern an der Wand des Redaktionsgebäudes der „Chronik“. Ein Motto, das für Journalisten wie Woodward und Bernstein bis hin zu den angesprochenen Reportern des „Boston Globe“ ein unverrückbares Credo ist. Was Claas Relotius/Jan Bogenius betrifft, kann man dabei nur mehr das Hohnlachen vernehmen.