Der Fall Richard Jewell / Richard Jewell

Filmkritik

Der Fall Richard Jewell

| Pamela Jahn |
Solides Drama von Kinoveteran Clint Eastwood

Helden haben es nicht immer leicht. Das weiß das Kino nur zu gut – und Clint Eastwood erst recht. Vor allem diejenigen ehrenwerten US-Amerikaner haben es ihm angetan, die zuerst von der Öffentlichkeit gefeiert und dann von den Behörden, den Medien oder dem eigenen Gewissen in die Mangel genommen werden. Immer wieder porträtiert er sie neuerdings in seinen eigenen Regiearbeiten, angefangen mit American Sniper, in dem er einem Elite-Scharfschützen des US-Militärs ein polarisierendes Denkmal setzte. Sully, Eastwoods Film um jenen Flugkapitän, der im Winter 2009 ein vollbesetztes Passagierflugzeug sicher auf dem Hudson River notlandete, bot im Gegensatz zu dem Vorgänger zwar weniger Angriffsfläche, dafür jedoch mehr nuanciertes, klug inszeniertes Drama, an dessen Glaubhaftigkeit nicht zuletzt Tom Hanks in der Titelrolle entscheidenden Anteil trug.

Richard Jewell, ein Drama über jenen Wachmann, der im Sommer 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta ein Bombenattentat verhinderte und anschließend selbst als Terrorist verkannt wurde, liegt da irgendwo dazwischen. Belebt von einer aufrichtigen Darstellung Paul Walter Hausers als dem tragischen Opfer einer falschen Anklage und dem darauf folgenden medialen Fegefeuer, macht es sich Eastwood streckenweise zu einfach, wenn es um die Fakten und einige von Drehbuchautor Billy Ray eingebaute Fiktionen geht. Vor allem das Verhältnis zwischen dem FBI und der Presse sowie die Charakterisierung der skrupellosen Reporterin (Olivia Wilde) wirken so unglaubwürdig wie klischeehaft. Und doch gelingt es Eastwood in seiner favorisierten, formal reduzierten Art, das Unglück eines Mannes darzulegen, der alles dafür geben würde, im Dienst des Staates für Recht und Ordnung sorgen zu dürfen, der jedoch aufgrund seiner Statur und Eigenheiten nach Ansicht des FBI viel eher ins Profil des Täters passt.

Dass Jewell am Ende dennoch unbescholten davonkommt, hat er in erster Linie seinem Anwalt Watson Bryant (Sam Rockwell) zu verdanken, der alles daran setzt, seinen Klienten aus den Klauen des Gesetzes zu befreien. Rockwell spielt den legeren, aber mitfühlenden Juristen mit Esprit, während Hauser Jewells fast schon haarsträubende Naivität mit einer angemessen stoischen Gelassenheit verkörpert. Die Zwiegespräche zwischen ihnen und Jewells Unfähigkeit, Bryants Verteidigungstaktiken auch nur annähernd zu befolgen, gehören zu den stärksten Momenten des Films. Eastwood gelingt es, selbst im Alter von 89 Jahren solides, sehenswertes Kino zu machen, wenn ihm auch die Schärfe und Brillanz seiner früheren Werke heute abzugehen scheint.