Ein mysteriöser Fremder erweckt eine Familie aus ihrer emotionalen Lähmung.
In Houchang Allahyaris neuem Film passiert Folgendes: Ein junger Mann südländischen Aussehens (Mehmet Sözer), mit dunklen Locken und Dreitagesbart, taucht eines hellen Sommertages der Gegenwart wie aus dem Nichts in der Einfahrt einer Wiener Vorstadtvilla auf. Er ist gekommen, um ein wenig zu bleiben und in diesem Haus sowie in seinen Bewohnern Verschüttetes zutage zu fördern.
Den Schmerz in der Hausherrin (Karina Sarkissova) zum Beispiel, der sich in ihrem Knöchel manifestiert und die Balletttänzerin daran hindert, weiterhin Pirouetten zu drehen. Enstanden ist er, weil ihr Sohn seit einem Unfall querschnittgelähmt und darob entfremdet ist und ihr Ehemann, ein Politiker (Gregor Bloéb, mit homoerotischer Seite), derart gefühlskalt wurde, dass es wahrlich einem Wunder gleichkommt, als sie eines Tages feststellt, schwanger zu sein. Ein Kind, das zuerst niemand will, das der fremde junge Mann, der mittlerweile im Haus wohnt, aber vor dem Tod bewahrt. Tatsächlich einem Engel gleich, lässt Allahyari den jungen Fremden durch den Film wandeln, da und dort erscheinen und die individuellen Schicksale seiner Bewohner in neue Bahnen lenken. Mit der einsamen Tochter flaniert der Fremde durch den Garten und steckt seinen Kopf in den tümpelden Brunnen, um ihn dann lachend und spritzend wieder herauszuziehen. Ein bildhafter Moment, der die Tochter derart euphorisiert, dass sie wenig später zu einer tödlichen Tat schreitet. Aber auch die tiefreligiöse Krankenschwester (Doina Weber) des gelähmten Sohnes kann sich der sexuellen Aura des Fremden nicht erwehren, weshalb sie sich zuerst selbst geißeln muss, sich dann aber doch mit dem Gärtner – im Garten – dem Sündenfall hingibt.
Der Gast ist in spannungsarmem Schwarz-Weiß gestaltet (in Farbe gedreht) – wohl um das Versteinertsein des Hauses und seiner Bewohner zu unterstreichen – und bemerkenswert schlecht gespielt, abwechselnd erratisch und gestelzt kadriert und ausdruckslos montiert. Was genau Allahyari durch die Figur des fremden Mannes thematisieren will, bleibt vage.
Allein die stets mies gelaunte Großmutter (Erni Mangold), die den jungen Fremden mit allen Mitteln loswerden will, bildet einen dramaturgischen Kontrast – was vermuten lässt, der Film habe die Intention, ein Plädoyer für Vorurteilsfreiheit und liebevolle Offenheit zu sein. Die letzte Szene, in der man den geschichts- und heimatlosen Ankömmling mit anderen Flüchtlingen aus einem Boot steigen sieht, beweist: Das ist gut gemeint, nicht gut gemacht.
