Filmstart

Der Gesang der Flusskrebse

| Lina Reisinger |
Olivia Newmans Adaption des Bestselleromans schafft es gerade noch, den Gender-Klischees ein Fragezeichen anzuhängen.

Der als Mystery-Thriller angepriesene Film schwächelt stark, was die tatsächlichen Thriller-Elemente betrifft, schafft es aber immerhin, das Frau-Sein an sich als Bedrohung zu porträtieren. Im Mittelpunkt der Geschichte, die in den fünfziger Jahren angesiedelt ist, steht Kaya (Daisy Edgar-Jones), eine junge Frau, die, von der Gesellschaft und von ihrer eigenen Familie verstoßen, seit ihrer Kindheit alleine im Sumpfland von North Carolina lebt und überlebt. Mit dieser geografischen und historischen Ausrichtung sind dem Film und dessen diegetischen sozialen Normen ziemlich klare Rahmen gesteckt und vielleicht etwas zu sehr die Hände gebunden. Es wird nicht nur versucht, die alleinstehende junge Außenseiterin, die es sehr gut schafft, allein in der Wildnis zu überleben, durch verschiedene Love Interests zu zähmen und ihr in weiterer Folge ihre Unabhängigkeit abzusprechen, es gibt auch klare Klassenunterschiede sowie ethnische Darstellungen, die heute schon als eher überholt gelten sollten.

Die Geschichte Kayas wird anhand von Rückblenden beleuchtet, während sie in der Gegenwart wegen des Verdachts, ihren Exfreund ermordet zu haben, in einem wenig spannenden Gerichtsverfahren feststeckt. Der Erzählstrang der wilden Ausgestoßenen reduziert sich aufgrund des Naturbezugs der Protagonistin immer wieder auf ein Pocahontas-Image. So wird Kaya beispielsweise durch den blonden Tate (Taylor John Smith) im Lesen geschult und vom späteren Mordopfer Chase (Harris Dickinson) auf einen Besuch ins Motel ausgeführt und dabei scheinbar gesellschaftstauglicher gemacht. Ja, selbst der Hexen-Archetyp wird wegen ihrer Begeisterung für die Natur und das Sammeln von Federn und Muscheln, sowie wegen einer Katze, die sich in ihre Gefängniszelle schleicht, immer wieder bemüht. Das Männerbild ist ähnlich karg und bedient sich hauptsächlich der gewaltvollen Darstellung toxischer Männlichkeit, die durch Alkohol, Gruppendynamik und schlichter Brutalität zumeist in körperlicher Übergriffigkeit endet.

Die Simplizität, in der sich die narrativen Stränge und Charakterentwicklungen verlieren, bedient sich leider in den ersten zwei Dritteln des Films großteils soziokultureller Klischees, die dramaturgisch sehr viel interessanter und vor allem kritischer angegangen hätten werden können. Visuell erinnert der Film durch den Sumpf, die Boote und die aufsteigenden Silhouetten der Vögel sehr oft an die romantische Naivität Nick Cassavetes‘ The Notebook. Interessant wird es erst, als sich die Protagonistin selber aus ihrer Opferrolle befreit und endlich das ihr zugeschriebene weibliche Rollenbild überwindet. Sozusagen in letzter Minute wird doch noch versucht, eine starke Frauenfigur zu schaffen und das soziale Narrativ auf den Kopf zu stellen. Ob das gelungen ist, sei dahingestellt.