Der Geschmack von Rost und Knochen

| Walter Gasperi |

Kraftvolles Melodram um einen Boxer und eine beinamputierte Wal-Trainerin

Es gibt Filme, die den Zuschauer langsam in ihre Welt hineinziehen, andere packen vom ersten Bild an. Jacques Audiards lose von den Kurzgeschichten „Rust and Bone“ des Kanadiers Craig Davidson inspiriertes Drama gehört fraglos zur zweiten Sorte. Ohne Umschweife setzt die Handlung ein, mittendrin ist man schon, wenn Ali mit seinem fünfjährigen Sohn Sam im Norden Frankreichs autostoppt, dann im Zug Speisereste sammelt, um ihren Hunger zu stillen. Audiard erklärt nicht, er beschreibt seine Figuren durch ihre Taten. An der Côte d’Azur findet Ali Unterschlupf bei seiner Schwester, die in einem Supermarkt arbeitet. Er selbst schlägt sich als Nachtwächter und später als Boxer bei illegalen Straßenkämpfen durch. Statt der sonnigen Urlaubsregion zeigt Audiard Menschen am Rand der Gesellschaft.

Gegenpol zu Ali ist die Waltrainerin Stéphanie. Perfekt besetzt sind die Rollen mit dem bulligen Matthias Schoenaerts und der zierlichen Marion Cotillard, die intensiv und mit großem Körpereinsatz spielen. Der Harte trifft zunächst zufällig auf die Zarte, nichts haben sie gemein, und doch entwickelt sich zwischen den beiden nach einem Arbeitsunfall, bei dem Stéphanie beide Beine verliert, eine Beziehung.

Jacques Audiard packt in seine Mischung aus Vater-Sohn-Geschichte, Sozialdrama, Liebes- und Boxerfilm Stoff für mindestens fünf Filme. Leicht hätte das ein rührseliges Melodram werden können, doch Audiard inszeniert unsentimental und ohne falsches Mitleid, ungemein direkt und extrem körperlich, stets vorwärts drängend und damit Dichte und Dringlichkeit entwickelnd. Das ist kein Problemfilm, sondern mitreißendes, physisches und extrem kraftvolles Kino, das gleichwohl in einer beiläufig eingefangenen sozialen Realität geerdet ist.

Großen Drive entwickelt De rouille et d’os durch dynamischen Schnitt und den Wechsel zwischen der nah geführten Handkamera und wenigen Halbtotalen, die einen Überblick vermitteln und für etwas Ruhe sorgen. Hier arbeitet einer konsequent mit filmischen Mitteln, macht durch die Lichtführung spürbar, wie sich für Stéph beim ersten Verlassen der Wohnung das Leben plötzlich wieder anfühlt, evoziert mitreißend durch Schnitt und Musikeinsatz die Stimmung bei einer Orca-Show oder in einer Disco. Einwände, die zahlreichen Wendungen seien unglaubwürdig, spült der Film mit seiner nervösen Energie und der stets aufregenden Inszenierung locker weg.