Mit „Bridge of Spies“ rekapituliert Steven Spielberg eine einschneidende Episode des Kalten Krieges als großes Kino mit klarer Haltung.
Am 21. Juni 1957 erzielte das FBI einen spektakulären Fahndungserfolg. Am frühen Morgen dieses Tages gelang es, mit Rudolf Abel eines Topagenten der Sowjetunion habhaft zu werden. Getarnt als Photograf und Maler hatte Abel seit Ende der vierziger Jahre einen höchst erfolgreich operierenden Spionagering aufgebaut, dabei war es ihm etwa gelungen, geheime Informationen über das US-amerikanische Atomforschungsprogramm in Los Alamos zu übermitteln. Am frühen Morgen besagten Tages– hier setzt Bridge of Spies ein – stürmen Beamten des FBI nach einer schwierigen Observierung des Verdächtigen das Zimmer eines billigen Hotels in New York und verhaften Rudolf Iwanowitsch Abel (Mark Rylance), Oberst des KGB. Doch trotz erdrückender Beweislast verweigert Abel jede Kooperation mit den amerikanischen Behörden, selbst die vorteilhaftesten Angebote können ihn nicht umstimmen. Eine Standhaftigkeit, die mitten im Kalten Krieg, wo die Stimmung in den Vereinigten Staaten zu diesem Zeitpunkt noch von den Nachwehen der Kampfrhetorik des berüchtigten Kommunistenjägers Joseph McCarthy geprägt war, riskant ist. Denn im so unvermeidlichen Prozess droht Rudolf Abel angesichts der Schwere der Anschuldigung sogar die Todesstrafe. Doch die Regierung will dafür Sorge tragen, dass sogar ein Staatsfeind wie Abel einen fairen Prozess bekommt, der den Regeln eines demokratischen Systems entspricht. Also tritt man an James Donovan (Tom Hanks) heran, ob er bereit wäre Rudolf Abel als Verteidiger zu vertreten. Donovan hat zwar zunächst Bedenken ob er als Spezialist für Rechtsfragen in Versicherungsfällen dafür kompetent ist, doch seine Berufsethik verlangt von ihm sich des Falls anzunehmen und Richard Abel nach bestem Wissen und Gewissen zu verteidigen. Als er das erste Mal seinen Mandanten trifft, erlebt er eine Überraschung. Denn ihm gegenüber sitzt jemand, der nicht dem Klischeebild des smarten Superagenten entspricht. Stattdessen begegnet Donovan einem hageren Herrn, der mit leiser, doch akzentuierter Stimme spricht und so gar nicht ins sorgsam gepflegte Feinbild vom fanatischen Bolschewiken passt. Abel ist ein Mann, der meint, einfach für die richtige Sache zu arbeiten und auch bereit ist, im Kampf für seine Überzeugungen und Ideale alle Konsequenzen – inklusive dem Risiko als Spion hingerichtet zu werden – in Kauf zu nehmen. Mehrfach fragt Anwalt Donovan angesichts der geradezu stoischen Gelassenheit, mit der Abel selbst in höchst prekären Situationen seinem Schicksal begegnet: „Are you never worried?“ Worauf sein Mandat stets völlig ruhig, beinahe resignativ, mit einer Gegenfrage antwortet: „Would it help?“
Trotz aller Bemühungen des geschickt agierenden Donovan muss er jedoch befürchten, dass auch unter dem Druck der öffentlichen Meinung der Prozess den ungünstigsten Verlauf nimmt und seinem Klient der Tod auf dem elektrischen Stuhl droht. Also entschließt sich Donovan als Anwalt, der seiner Aufgabe pflichbewusst nachgeht und alles versucht, um seinem Mandanten optimal zu vertreten, zu einem ungewöhnlichen Schritt. Er sucht ganz gegen alle Regeln den Richter vor der Urteilsverkündigung heimlich auf und macht ihn auf einen nichtjuristischen Aspekt des Verfahrens aufmerksam. Die Verhängung der Todessstrafe gegen Rudolf Abel wäre aus strategischen Überlegungen nicht im Sinn der USA. Denn wenn die Sowjets im Kalten Krieg einen Amerikaner in die Hände bekämen, was angesichts der angespannten weltpolitischen Lage nur eine Frage der Zeit sei, wäre ein Spion vom Kaliber Abels für einen Gefangenaustausch das ideale Faustpfand. Tatsächlich geht Donovans riskanter Poker um das Leben seines Klienten auf, Rudolf Abel wird „nur“ zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt, was in weiten Teilen der Öffentlichkeit Empörung über das vermeintlich milde Urteil auslöst. Ein Zorn, den auch James Donovan zu spüren bekommt: als Anwalt eines sowjetischen Spions wird er nun als Verräter betrachtet, die Anfeindungen denen er sich ausgesetzt sieht, reichen bis zur Bedrohungen physischer Natur.
Doch Donovans Gedankenspiele sollten sich bald als reale Option erweisen. Am 1. Mai 1960 wurde eine Maschine der US-Air Force vom Typ U-2 bei einem geheimen Aufklärungsflug über der Sowjetunion abgeschossen, der Pilot Francis Gary Powers gefangen genommen und wegen Spionage verurteilt. Bald wird James Donovan durch einen Brief, der vermeintlich von Rudolf Abels Familie stammt, kontaktiert. Schon bald ist klar, dass es sich dabei um eine Kontaktaufnahme von höchster sowjetischer Stelle handelt, um in Sachen Gefangenaustausch vorzufühlen. Weil die höchst angespannte Weltlage direkte Kontakte in so einer heiklen Angelegenheit zwischen den USA und der Sowjetunion undenkbar macht, muss das Ganze auf geheimen, nichtoffiziellen Kanälen ablaufen. Auch die amerikanischen Behörden nehmen nur zu gerne die Dienste des gewieften Verhandlers Donovan in Anspruch. Zwar im Auftrag seiner Regierung, doch vor Ort weitgehend auf sich allein gestellt, muss der Anwalt nach Ostberlin reisen, um die Bedingungen für den Austausch auszuhandeln. Dass gerade zu diesem Zeitpunkt, die Berliner Mauer hochgezogen wird, macht die ohnehin komplizierte Angelegenheit noch schwieriger. Obwohl James Donovan im Verlauf der Verhandlungen immer wieder mit der absurden Logik des kalten Krieges – und zwar auf beiden Seiten – konfrontiert wird, lässt er nicht locker, um die Sache einer Lösung zuzuführen.
Steven Spielberg hat die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte im Stil großen Hollywoodkinos klassischen Zuschnitts in Szene gesetzt. Was Dramaturgie, Charaktere, Ausstattung und Bildgestaltung angeht erweist sich Bridge of Spies als perfekte, in jedem Kader höchst stimmige Referenz an Klassiker aus der Hochblüte Hollywoods der vierziger und fünfziger Jahre. Steven Spielberg, der seit seinen Anfängen in den Zeiten New Hollywoods es immer wieder verstanden hat, neben kreativer Erneuerung das klassische Erbe des US-amerikanischen Kinos zu pflegen, meistert diese Übung natürlich mit jener Souveränität, die man von einem Regisseur seiner Güteklasse – nämlich der allerhöchsten – erwartet. Ein wenig mehr mag da schon überraschen, dass Joel und Ethan Coen als Ko-Drehbuchautoren völlig auf die in ihren eigenen Regiearbeiten so bewährte Hinterfotzigkeiten verzichten und ein Skript verfasst haben, dass mit seiner Geradlinigkeit genau jenen narrativen Zug aufweist, dem im klassischen Hollywood zentrale Bedeutung zukommt. Bridge of Spies ist dabei jedoch nicht nur Referenz und kongeniale Rückbesinnung auf eine große Kinotradition, sondern belebt auch jenen in damaligen Zeiten in unzähligen Filmen vorgetragenen „spirit“ atmosphärisch ungemein dicht wieder. James Donovan etwa repräsentiert dabei genau die Ideale des wirklich aufrechten Amerikaners, der die in der Verfassung seines Landes festgeschriebenen Ideen und Werte tatsächlich ernst nimmt und als Prinzip seines Handelns hochhält. Es fällt nicht schwer sich Schauspieler wie James Stewart, Henry Fonda und Gregory Peck, die in jenen Jahren wiederholt solche Charaktere gespielt haben, in der Rolle des engagierten Anwalts Donovan vorzustellen. Donovans Verantwortungsgefühl gegenüber Richard Abel entwickelt sich im Verlauf von Bridge of Spies zu einem fast freundschaftlichen Verhältnis, weil der Anwalt seinen Mandanten entgegen der vorherrschenden Meinung nicht als „Feind“ sondern auch – und vor allem – als durchaus aufrechten Charakter kennen lernt, der sich eigentlich anständiger verhält als so mancher amerikanische Landsmann. In diesem Gefühl für Fairness und Humanität, das James Donovan über starre ideologisch geprägte Grenzen hinwegblicken lässt, kann man auch den Geist von Lyndon B. Johnsons „Great Society“ wieder finden, jener Idee, die in den sechziger Jahren entscheidend zum Erfolg der Bürgerrechtsbewegung und zu einem Umbruch der US-amerikanischen Gesellschaft beigetragen hat. Bridge of Spies erweist sich nicht nur als präzises „Period Piece“ mit idealistischen Wertvorstellungen, die bei etwas schlechtem Willen auch als Naivität missverstanden werden könnten, sondern das ernsthafte Bestreben des liberalen Hollywood, ein Gegenmodell des Bilds vom „hässlichen Amerikaner“, das seit der Präsidentschaft von George W. Bush neue Dimensionen bekommen hat, zu propagieren. Dass dies gelungen ist, ohne aufdringlich oder plakativ zu erscheinen und glaubwürdig in einen ungemein packenden Plot integriert worden ist, spricht für Spielbergs Regiekonzept und seine kongeniale Umsetzung. Einen ganz wesentlichen Beitrag hat dabei ein großartiges Ensemble geleistet, allen voran Tom Hanks, der in dieser Rolle den Vergleich mit den erwähnten Größen des klassischen Hollywood nicht zu scheuen braucht und im fortgeschrittenen Verlauf immer besser wird. Und vor allem Mark Rylance, der Richard Abel ein so nuanciertes und ungewöhnliches Profil verleiht, das einem noch lange in Erinnerung bleiben wird.
