Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse

Filmstart

Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse

| Pamela Jahn |
Kein letzter großer Wurf

Mit einer Lüge fängt es an. 30 Jahre nach dem Mauerfall betreibt Michael Hartung (Charly Hübner) eine Videothek im Berliner Prenzlauer Berg, aber das Geschäft läuft schlecht. Also erzählt er dem Journalisten Alexander Landmann (Leon Ullrich) für ein paar tausend Euro, was der hören will: Dass Hartung es war, der in der Nacht zum 22. Juni 1984 eine S-Bahn durch eine verstellte Weiche von Ost- nach Westberlin umgeleitet hat. Als junger Mann war er stellvertretender Stellwerksmeister am Bahnhof, mit seiner Tat verhalf er 127 Passagieren zur Flucht. Dafür sei er von der Stasi verhaftet, verhört und verurteilt worden. Und gänzlich erfunden ist die Geschichte auch nicht. Nur dass es in Wirklichkeit eine dumme Panne und keine ausgeklügelte Rettungsaktion war, verrät Hartung dem Reporter nicht.

Der Chefredakteur des Nachrichtenmagazins, für das Landmann schreibt, sieht in dem unscheinbaren Wendeverlierer jedoch längst einen „ostdeutschen  Oskar Schindler“ – und eine Titelgeschichte, die bald weite Kreise zieht. Talkshows, Werbeangebote und sogar ein Abendessen beim Bundespräsidenten sorgen dafür, dass Hartung an seiner Geschichte festhält, nicht zuletzt, weil er dadurch auch bei den Frauen wieder punkten kann. So wie bei der Staatsanwältin Paula Kurz (Christiane Paul), die an jenem schicksalhaften Tag gemeinsam mit ihrem Vater im Abteil saß. Für sie wird Hartung erst zum Helden, dann zum Liebhaber und schließlich zum Hochstapler.

Von vertrackten Lebenslügen hat Wolfgang Becker immer am liebsten und besten erzählt: Filme wie Goodbye, Lenin!, Das Leben ist eine Baustelle oder Ich und Kaminski verdrehen, spiegeln und verheimlichen die Wahrheit jeweils auf ihre eigene Weise, stets mit einem speziellen komödiantischen Charme. Auch sein letztes Werk lässt Versatzstücke jener Kunst erkennen. Hübner setzt die Pointen, die ihm das Drehbuch vorgibt, mit Verve und Präzision. Sein Hartung weiß nur zu gut, dass die Realität der Illusion früher oder später in die Quere kommen wird.

Dass der Film selbst sein Versprechen eines angemessenen Abschlusswerks nicht ganz einzulösen vermag, ist sicherlich auch – oder vor allem – den traurigen Umständen seiner Entstehung verschuldet. Becker, schon lange schwer krank, verstarb kurz nach Beendigung der Dreharbeiten im Dezember 2024. Dennoch ist Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße eine liebevolle Komödie mit dem Anschein einer echten Verlierergeschichte und mehr als eine letzte Fußnote mit bedingtem Unterhaltungswert.