All The Beauty And The Bloodshed

Venedig 2022 | Blog 3

Der Kampf geht weiter

| Pamela Jahn |
Laura Poitras’ Dokumentarfilm "All The Beauty And The Bloodshed" gewann bei den 79. Filmfestspielen von Venedig den Goldenen Löwen. Die Preise im Überblick.

Man hätte sich denken können, dass eine Jury unter dem Vorsitz von Julianne Moore keine halben Sachen macht. So kam es, dass bei der Preisverleihung am Samstagabend nicht einer der großen Hollywood-Favoriten, ja nicht einmal ein Spielfilm mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, sondern Laura Poitras’ All The Beauty And The Bloodshed. Die Filmemacherin dokumentiert darin die Fotografin Nan Goldin und deren unermüdliche Versuche, die für die Opioid-Krise verantwortliche US-amerikanische Pharmafamilie Sackler zu Fall zu bringen. Sie beschreibt den harten Kampf der Künstlerin und ihrer Aktivistengruppe P.A.I.N. gegen ein Imperium, der zugleich immer auch ein Kampf gegen Institutionen wie das MoMa in New York oder den Louvre in Paris ist, weil sich die Museen ihre Räumlichkeiten und Kunstwerke lange Zeit von den Sacklers finanzieren ließen und mitunter bis heute nicht mit dem Mäzen gebrochen haben. Im Film sieht man Goldin gleich zu Beginn mit den anderen Protestlern im MoMa kollabieren, sieht wie sie zu Boden fallen, sich tot stellen, umgeben von unzähligen Pillendosen, die sie zuvor in ein Wasserbecken und drum herum entleert haben.

Es sind starke Bilder, die mit der Kunst von Nan Goldin harmonieren. Denn die 1953 in Washington geborene Fotografin war schon immer eine kompromisslose, widerständige Kraft in der amerikanischen Kunstszene. Ab Mitte der siebziger Jahre aktiv, richtete sie den Blick zunächst auf ihr eigenes Leben und den engen Kreis von Außenseitern und kulturell Abtrünnigen, der sie umgab. Sie porträtierte eine Freundin nach der Brustoperation, fotografierte sich selbst beim Sex in Fetischklamotten oder, wie in „Nan nach einer schweren Misshandlung, 1984“, mit Blutergüssen im Gesicht und trotzig rot geschminkten Lippen, kurz nachdem sich ihr damaliger Freund in einem Berliner Hotelzimmer an ihr vergriffen hatte. Auch Poitras greift die Fotos in ihrem Film noch einmal auf. Aber wie All The Beauty And The Bloodshed auf fesselnde Weise zeigt, ist das, was Goldin zu einer wirklich radikalen Figur macht, nicht das transgressive Wesen ihrer Kunst, sondern vielmehr die Tatsache, dass sie heute ihre privilegierte Position im Kunstbetrieb nutzt, um genau gegen diejenigen, die sie feiern, in den Krieg zu ziehen.

Und Poitras, die selbst eine Kämpfernatur ist, rief in ihrer Dankesrede ebenfalls zum Widerstand auf: „Ich fordere uns alle auf, alles zu tun, was wir können, um Jafar Panahi freizulassen“, sagte die Regisseurin, als sie ihren Preis entgegennahm. Sie sprach damit ihre Unterstützung für den iranischen Filmemacher aus, der derzeit in seinem Heimatland inhaftiert ist, obwohl auch er sein neuestes Werk im Wettbewerb vorstellte. Panahi, der bereits in der Vergangenheit trotz eines Arbeitsverbots im Iran sowie einer Ausreisesperre mehrere Filme gedreht hatte, erhielt für No Bears den Spezialpreis der Jury.

Die französische Regisseurin Alice Diop erhielt zwei Preise für ihr Spielfilmdebüt Saint Omer – den Silbernen Löwen der Großen Jury und den Luigi De Laurentis Lion of the Future Award für den besten Debütfilm. Für ihren Dokumentarfilm Nous war sie erst im vergangenen Jahr bei der Berlinale mit dem Preis für den besten Film in der Sektion Encounters ausgezeichnet worden.

Der Lokalfavorit Luca Guadagnino wurde mit einem Silbernen Löwen für die beste Regie geehrt. Seine zarte Kannibalen-Liebesgeschichte Bones And All war eines der Highlights in diesem 79. Wettbewerb. Seine weibliche Hauptdarstellerin, die Newcomerin Taylor Russell, die im Film an der Seite von Timothée Chalamet brilliert, erhielt obendrein den Marcelo Mastroianni Best New Talent Award für ihre schauspielerische Leistung.

Als beste Schauspielerin wurde Cate Blanchett für ihre Rolle als Dirigentin in Todd Fields hervorragendem Psychodrama TÁR geehrt, und es wäre nicht mit rechten Dingen zugegangen, wenn die Jury anders entschieden hätte. Blanchett ist eine Naturgewalt in diesem Film und das dürfte auch den Mitgliedern der Academy beim nächsten Oscar-Rennen nicht entgehen. Die einzige fragwürdige Entscheidung war dagegen die Vergabe des Silbernen Löwen für den besten Schauspieler an Colin Farrell für seine Rolle in The Banshees Of Inisherin, für den der Regisseur und Autor Martin McDonagh zudem mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet wurde. Farrells Darstellung des einfältigen Pádraic, der von heute auf morgen von seinem langjährigen Freund Colm (Brandon Gleeson) verstoßen wird, ist durchaus sehenswert, doch steht Gleeson seinem Kollegen und Filmpartner hier in nichts nach. Schlüssiger und vielleicht wichtiger wäre es gewesen, etwa den großartigen Ricardo Darín für seine kraftvolle Darstellung in Santiago Mitres Argentina, 1985 zu ehren. Der Schauspieler verkörpert darin den Staatsanwalt, der den wegweisenden Prozess der Juntas, Argentiniens Abrechnung mit Jahren mörderischer Militärdiktatur, leitete. Und nicht zuletzt hätte auch Navid Mohammadzadeh aus dem zweiten iranischen Wettbewerbsbeitrag einen Preis verdient. Beyond the Wall handelt von einem Mann, dessen Leben aus den Fugen gerät, als eine flüchtige Frau in seine Welt eintritt, und Mohammadzadeh wird der paranoiden Erzählstruktur des Films unter Regie von Vahid Jalilvand in jeder Einstellung zu hundert Prozent gerecht.

Und die besten Nachrichten am Schluss: Tizza Covi & Rainer Frimmel wurden in der Orrizonti-Sektion für ihren Film Vera mit dem Preis für die beste Regie bedacht, Hauptdarstellerin Vera Gemma obendrein als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Der Preis für den besten Spielfilm in der Nebenreihe Settimana Internazionale della critica ging heuer ebenfalls an eine österreichische Produktion, David Wagners Eismayer. Der Film erzählt die wahre Coming-out-Geschichte des Bundesheer-Ausbilders Charles Eismayer und ist bereits ab dem 28. Oktober auch in den heimischen Kinos zu sehen.

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