In Patrice Lecontes „Maigret“ schlüpft Gérard Depardieu in die Titelrolle – und trägt das psychologische Kammerspiel fast im Alleingang.
Die Figur des Jules Maigret gehört zu den populärsten fiktiven Ermittlern überhaupt – in 75 Romanen und 28 Erzählungen ließ der Belgier Georges Simenon (1903–1989) den Kommissar ermitteln. Im Zentrum der Bücher, die zu den meistgelesenen des 20. Jahrhunderts gehören, stehen dabei meist weniger die Kriminalfälle an sich, sondern die atmosphärisch geschilderten Pariser Milieus, in die Maigret eintaucht, und, sozusagen als Kontrast zur kühlen Analytik eines Sherlock Holmes, sein intuitives, psychologisches Herantasten an die Tatmotive. Mit einem bewusst nüchternen Stil und simpel gehaltenem Vokabular schuf Simenon Werke, die sowohl bei der Masse als auch bei Schriftstellerkollegen sehr gut ankamen (zu seinen Fans zählten u. a. Dashiell Hammett, Kurt Tucholsky, Ernest Hemingway oder Gabriel Garcia Márquez). In den meisten der Romane, die ab 1931 erschienen, gibt es zwar fixe, leicht wiedererkennbare Bausteine – Maigrets liebevolle, ihn geradezu bemutternde Frau, die ihm zuhause schwere Kost auftischt und ihn mit Rat unterstützt, wenn er nicht weiterkommt; lange, marathonartige Verhöre (ein Assistent holt dann meist Sandwiches); die Zufuhr von Cognac, Wein und Bier zur Stärkung gegen den Alltagsstress; Maigrets bedächtiges Ziehen an seiner Pfeife; triste Mietshäuser mit neugierigen, tratschenden oder skurrilen Bewohnern; geschundene Existenzen, nicht selten schwache Männer (die manchmal von übermächtigen Frauen- oder Mutterfiguren dominiert werden) –, doch Simenon variiert diese immer wieder geschickt. Zudem sind die Hintergründe, sprich die Motive der einzelnen Fälle, stets aufs Neue spannend – nicht zuletzt, weil sie an oben schon erwähnte atmosphärische Milieus geknüpft sind, von der Reichenvilla über den verruchten Nachtclub bis hin zur schmuddeligen Kneipe (eine noch wichtigere Rolle spielen Atmosphäre und Psychologie in Simenons „Non-Maigrets“). Maigret ist dabei über die Jahre zu einer Art Starermittler geworden, dessen Name in ganz Paris bekannt ist und über dessen Erfolge die Presse regelmäßig berichtet. Trotz seiner geliebten Frau und nicht wenigen Assistenz-Kommissaren erscheint Maigret dabei oftmals als Einzelgänger. In seinen härteren, Maigret-freien Werken betonte Simenon dieses Einzelgänger-Motiv noch viel stärker – verlorene, von Daseinsängsten geplagte Charaktere stehen dort im Zentrum.
Simenons kommerzieller Erfolg (mittlerweile haben sich die Bücher mehr als 500 Millionen Mal verkauft) und die Geradlinigkeit der meisten Romane und Kurzgeschichten lockten die Filmindustrie sehr schnell an – über dreißig Schauspieler haben Maigret seit 1932 bereits für Film und Fernsehen verkörpert. Zu den besonders prominenten Darstellern gehören dabei Jean Gabin, Charles Laughton, Michel Simon, Gino Cervi, Rupert Davies, Richard Harris, Michael Gambon oder – ja, tatsächlich – Heinz Rühmann. Auch mehrere sowjetische Verfilmungen und eine japanische TV-Serie existieren, und 2016 schlüpfte gar Rowan Atkinson für vier TV-Filme in die Rolle des Kommissars. Simenon selbst schätzte übrigens besonders Pierre Renoir, Simon, Gabin und Davies.
Manche der Verfilmungen waren gut, andere solide, wieder andere gingen ziemlich daneben (Letzteres lag entweder an Klischees – zu viel Gemütlichkeit, zu viel demonstratives Pfeifenziehen – oder an allzu großer Abweichung vom Quellmaterial). Zu den allerbesten Adaptionen gehört die zwischen 1991 und 2005 entstandene Fernsehserie Maigret (Frankreich, Belgien, Schweiz, Tschechien) mit einem grandiosen Bruno Cremer in der Titelrolle – hier tat man sowohl den psychologischen als auch den Krimiaspekten der Bücher genüge, dazu kam atmosphärisches Setdesign. Ein heißer Tipp abseits von Film und Fernsehen: In den frühen sechziger Jahren inszenierte Gert Westphal eine Reihe von Radiohörspielen, in denen Paul Dahlke die Rolle ganz hervorragend spielte; man meint fast, die Spuren von Cognac und Pfeifenrauch aus dessen markanter Stimme herauszuhören.
Der sanfte Riese
Regisseur Patrice Leconte ist Simenon nicht neu: Mit Monsieur Hire (Die Verlobung des Monsieur Hire, 1989), hatte er sich bereits einem Nicht-Maigret-Roman gewidmet. Die Film-Adaption – die Hauptfigur ist ein voyeuristischer, gesellschaftlich isolierter Sonderling, der fälschlich des Mordes angeklagt wird –, nahm sich dabei einige Freiheiten gegenüber der Vorlage. So verschleierte Leconte bewusst den konkreten Ort und die konkrete Zeit, in der die Handlung angesiedelt ist und gestaltete auch das Ende um. Das über weite Strecken im Studio gedrehte Kammerspiel um eine geschundene Seele überzeugte schon die zeitgenössische Kritik mit stilisierten, stimmungsvollen Bildern und einem starken Michel Blanc in der Titelrolle; auch heute noch gilt Monsieur Hire als einer der besten Filme des Regisseurs.
„Depardieus Maigret gehört zweifellos zu den besten und berührendsten, die es bislang zu sehen gab“
Für Maigret haben sich Leconte und sein Co-Drehbuchautor Jérôme Tonnerre einen der besten Simenons vorgenommen, nämlich Maigrets 45. Fall: „Maigret und die junge Tote“ (das Buch „Maigret et la jeune morte“ erschien 1954 und wurde bereits 1973 mit Jean Richard für das Fernsehen verfilmt). Wieder gibt es starke Abweichungen von der Romanvorlage und wieder dominiert ein kammerspielartiger Ton. Integriert sind hier beispielsweise Elemente aus dem Roman „Maigret stellt eine Falle“ (wenngleich mit etwas anderen Schwerpunkten), Anspielungen auf Hitchcocks Vertigo und ein sehr tragisches Ereignis aus Maigrets Familiengeschichte.
Maigret (Gérard Depardieu) ermittelt hier im Fall einer jungen weiblichen Leiche, die eines Nachts in den Straßen von Paris aufgefunden wird. Die offenbar mit Messerstichen Ermordete hat keinerlei Identifikationsmerkmale bei sich, trägt aber ein auffällig elegantes Abendkleid. Maigret, der auf ärztliches Geheiß für eine Weile auf seine geliebte Pfeife verzichten muss, kommt nur mühsam voran; etwas an diesem Fall scheint ihn, zusätzlich zu Alterserscheinungen und Stimmungstief, ganz persönlich zu belasten. Appetit- und Schlaflosigkeit nehmen zu, und auch seine Frau scheint ihn nicht aufheitern zu können. Es sind interessante Freiheiten, Auslassungen und Ergänzungen, die Leconte sich hier gönnt; dass der Film schlicht Maigret heißt, hat seinen Grund, steht doch hier ganz eindeutig der Kommissar im Mittelpunkt, der durch das reduzierte Auftreten seiner Assistenten noch eigenbrötlerischer wirkt als in den Büchern (und sich somit ganz gut unter so manche Figuren in Lecontes Werk einordnet). Zu viel über die persönlichen Aspekte des Falls zu verraten, würde Spoilergefahr bedeuten, aber dass Maigret und seine Frau, wie man aus anderen Büchern weiß, eine Tochter hatten, die kurz nach der Geburt verstarb, spielt in die Handlung hinein. Leserinnen und Leser, die mit dem Buch vertraut sind, erwartet im Film ein anderer Ausgang der Ereignisse; auch die persönlichen Hintergründe der jungen Toten, die im Buch eine wichtigere Rolle spielen, gibt es hier nicht. Stattdessen nimmt die Beziehung Maigrets zur jungen, „verlorenen“ Betty (Jade Labeste), die aus der Provinz nach Paris gekommen ist, um hier ihr Glück zu suchen, eine wichtige Rolle ein. Betty dient einerseits als Katalysator für den empathischen, intuitiven Kommissar, um sich in die Tote hineinzuversetzen, andererseits entsteht – nach anfänglicher Abneigung des Mädchens gegen den Polizisten, der sie bei einem versuchten Diebstahl erwischt – eine komplexe emotionale Bindung.
Mit den Elementen, die aus „Maigret stellt eine Falle“ übernommen wurden, gesellen sich einige Motive dazu, die sich durch Simenons Werk ziehen: die bereits erwähnten schwachen Männer, die unter dominanten Müttern leiden etwa oder unerfüllte, traurige Sexualität oder an der Realität zerschellende Träume und Ambitionen. Aus Vertigo zitiert werden das Doppelgängerinnen-Motiv und das Ende.
Kommen wir finalement zum Hauptdarsteller: Der brillante Gérard Depardieu zeigt einmal mehr, warum er einer der letzten großen europäischen Filmstars ist. Sein wuchtiger Körper scheint wie geschaffen für die Rolle des übergewichtigen Ermittlers, doch Äußerlichkeiten sind längst nicht alles. Der Franzose erweckt die Figur mit einer Mischung aus Charisma und minimalistisch-naturalistischem Spiel zum Leben; hier gibt es keine falschen Momente, keine überflüssigen Gesten – Depardieus Maigret gehört zweifellos zu den besten und berührendsten, die es bislang zu sehen gab. Wenn der Kommissar Schwierigkeiten hat, Treppen zu steigen oder zu einer Pfeifen-Attrappe greift, um zumindest das Gefühl des Rauchens zu haben (hier gibt es im Dialog eine witzige Anspielung auf Magrittes berühmtes Pfeifenbild), sieht man ihn so zerbrechlich wie nie zuvor – ein spannender Kontrast zum Leibesumfang des Darstellers. Wenn Depardieu als Maigret auf die Frage, wie er die Täter zu einem Geständnis bewegt, antwortet: „Gar nicht. Ich höre ihnen zu“, dann glaubt man ihm das. Und wenn ganz am Ende klar wird, warum er manche Dinge in der Ermittlung so tat, wie er sie tat, wenn man erahnt, welche Trauer sich in Maigret angesammelt hat, löst das sicher nicht bei wenigen Zusehern Emotionen aus. Stark gestaltet sich auch das Zusammenspiel Depardieus mit Jade Labeste; Leconte lässt den Zuseher länger darüber im Unklaren, was sich da eigentlich genau zwischen den beiden entwickelt. Sehr gut besetzt ist auch Anne Loiret als Madame Maigret.
Der Film selbst ist dabei keineswegs frei von Schwächen: Visuell hat Lecontes Maigret nicht das Flair seiner früheren Kammerspiele (wie es etwa bei Monsieur Hire der Fall war); die an manchen Stellen eingesetzte Ruckelkamera mag zwar dramaturgisch nicht ganz sinnfrei sein, schlägt sich aber mit dem oft statischen Ton des restlichen Films. Ein bisschen mehr Kinolook hätte zweifellos gut getan. Zudem geraten manche der Nebenfiguren und ein Seitenstrang, der in der Filmbranche spielt, relativ oberflächlich. In seinem Bestreben, einen „anderen“ Maigret zu zeigen und sich von „altmodischen“ Verfilmungen abzuheben, wie er in Interviews betont, ist Leconte ein bisschen übers Ziel hinausgeschossen – Krimifans, die bloß an Spannung interessiert sind, könnten hier, nicht zuletzt weil es kaum Verdächtige gibt, enttäuscht werden. Dieser Maigret ist im Wesentlichen eine Charakterstudie, die von Depardieus fragiler Melancholie getragen wird. Und dieser darstellerische Trumpf lässt einen letztlich auch über die Mängel hinwegsehen.
