Berührendes Drama um die Beziehung eines Zivildieners zu einer alten Frau
Houchang Allahyari hat lange als Gefängnispsychiater gearbeitet und wurde bereits in seinen frühen Arbeiten wie Borderline oder Höhenangst von realen Fällen inspiriert. Sein Herz schlägt ganz klar für Außenseiter, seien es Migranten, psychisch Kranke oder Jugendliche, die durch ihr Verhalten gesellschaftliche Tabus brechen. In Der letzte Tanz arbeitet Karl (Daniel Sträßer) als Zivildiener in der geriatrischen Abteilung eines Krankenhauses, wo er sich der 87-jährigen Julia annähert, die als Alzheimer-Patientin diagnostiziert wurde, aber eigentlich „nur“ an einer Depression leidet. Durch die Aufmerksamkeit des jungen Mannes schöpft sie neuen Lebensmut, der sich in einer behutsam inszenierten Verführungsszene Bahn bricht.
Der Film beginnt allerdings mit den Konsequenzen dieser sexuellen Handlung: Die Polizei klopft an die Tür, unter den Augen der fassungslosen Mutter wird Karl in Handschellen abgeführt. Es ist ein kluger Schachzug, dass länger nicht zur Sprache kommt, was ihm vorgeworfen wird, umso stärker wirken die Kälte und die Grausamkeit der Institution Gefängnis und später auch des Krankenhauses. Für den Zuschauer ist der Vorwurf des sexuellen Missbrauches von Anfang an klar, trotzdem fühlt man mit der überbesorgten Mutter und der neuen Freundin, mit der Karl allerdings psychisch und physisch nicht viel anfangen kann, angesichts der kafkaesken gerichtlichen Routine, die auf den bislang Unbescholtenen hereinbricht.
In einem langen Rückblick kehrt nicht nur die Farbe in den Film zurück, sondern auch in die Wangen von Julia, die eben nicht als Opfer eines Gerontophilen gezeichnet wird, sondern als selbstbestimmter Mensch, der durch Karl von den Zwängen zur Ruhigstellung ihres Körpers und Geistes befreit wird. Erni Mangold erhielt für diese Rolle zu Recht den Schauspielpreis der diesjährigen Diagonale, niemand sonst könnte die Teenagerin, die in der Uroma schlummert, so überzeugend darstellen. Aber auch Daniel Sträßer – Ensemblemitglied des Burgtheaters – liefert eine bemerkenswerte Leistung ab.
Insgesamt ist die schwierige Balance zwischen Fallstudie, Institutionskritik und Liebesgeschichte hervorragend gelungen, der letzte Schritt zum letzten Tanz wird vielleicht nicht gut genug aufgebaut. Eine sehr schöne Szene, in der Karl Julia mit dem Finger zärtlich über den Nacken streicht, reicht dafür nicht aus, aber wer einen berührenden, sowohl vom dramaturgischen Aufbau als auch von der Charakterentwicklung stimmigen Film über das Tabuthema Sex im Alter sehen will, ist mit Der letzte Tanz bestens bedient.
