Filmfestival

Der Leuchtturm auf der Filminsel

| Günter Pscheider |
Seit 2004 lockt das Filmfestival Kino Otok im pittoresken Städtchen Izola an der slowenischen Küste Filmfreaks mit einer seltenen Mischung aus Arthouseprogramm und Open Air Locations an.

Auch wenn Izola nicht auf einer Insel liegt, sondern sich die mittelalterliche Altstadt auf einer Landzunge ins Meer ausdehnt und der Leuchtturm am Ende dieser Halbinsel eher einem Türmchen gleicht, das soziale Zentrum des Festivals mit der Lighthouse Late Night Bar und der Open-Air-Leinwand, auf der jeden Tag gratis ein Kurzfilmprogramm zu sehen ist, vermittelt fast direkt am Strand veritables Inselfeeling inklusive Meerblick. Dort findet auch immer ein reger Austausch zwischen den nationalen und internationalen Filmgästen, dem Team und dem Publikum in zwangloser Atmosphäre statt. Dieser kommunikative Aspekt ist den Festivalmachern sehr wichtig und wird von allen Beteiligten dementsprechend honoriert.

Das von Varja Mocnik und ihrem Team kompetent kuratierte Programm (diesmal von 25. bis 29. August) sorgt auch für jede Menge Gesprächsstoff: Fans von Klassikern kamen etwa bei Hitchcocks Stummfilm-Meisterwerk The Lodger – mit Live-Musik-Vertonung auf der zweiten großen Open-Air-Leinwand – oder dem von einer Jugendjury ausgewählten, noch immer sehr aktuell wirkendem Sans toît ni loi von Agnes Varda voll auf ihre Rechnung. Bei den aktuellen Filmen gab es zwei starke wiederkehrende Motive: die Programmschiene “Old Age In Step with the Time” erkundete etwa in der slowenischen Premiere von San Remo den Prozess des Alterns auf amüsante bis tragische Weise. Außerdem befassten sich – als wohl unbewusst programmierte Verbindungslinie – viele Werke sehr stark mit den unterschiedlichsten Formen der Erinnerung. In The Witches of the Orient lassen die Mitglieder des seinerzeit so genannten legendären japanischen Volleyballteams der sechziger Jahre ihre Erfolge formal unkonventionell Revue passieren, Regisseur Julien Faraut wird den Film auch auf der Viennale präsentieren. Once Upon a Youth von Ivan Ramljak ist die sehr persönliche Spurensuche nach einem Freund des Regisseurs, dessen kurzes tragisches Leben als Fotograf und VJ an Hand von Erinnerungen des Regisseurs und anderen rekonstruiert wird. Diese Form von Oral History ist weit verbreitet im Dokumentarfilmbereich, das Besondere an diesem Werk ist, dass die Bildebene ausschließlich aus Fotos und kurzen Videos des Freundes besteht.

An Hand von Tagebuchaufzeichnungen rekonstruiert Mimmo Verdesca das filmische und vor allem private Leben der italienischen Schauspielikone Alida Valli, die nach einer kurzen Hollywood-Periode, deren Höhepunkt wohl The Third Man war, unter anderem mit Antonioni und Bertolucci drehte, bevor sie sich in fortgeschrittenem Alter stärker dem Theater widmete. Obwohl das (Rahmen-) Programm heuer auf Grund von Budgetkürzungen etwas eingeschränkt war, ist Kino Otok für Freunde des gehobenen Arthouse-Kinos à la Crossing Europe, die auch den intellektuellen Austausch nach den Screenings lieben und auch nichts gegen gutes Essen und eine kurze Abkühlung im Meer haben, auf jeden Fall eine Reise wert.

kinootok.org/en/info