Der Nasse Fisch

Berlin Alexanderstraße

| Oliver Stangl |
Volker Kutschers in der Weimarer Republik angesiedelter Kriminalzyklus um Kommissar Gereon Rath hat die Bestsellerlisten erkommen – und sich als multimedialer Tausendsassa erwiesen. Anlässlich des Starts der TV-Adaption „Babylon Berlin“ als Sky-Serie wirft „ray“ einen Blick auf Arne Jyschs grandiosen Schwarzweiß-Comic „Der nasse Fisch“, der auf dem ersten Roman der Reihe basiert.

Dem in Köln lebenden Schriftsteller und Journalisten Volker Kutscher ist mit seinem auf acht Teile angelegten Romanyklus um Kommissar Gereon Rath (bisher sind sechs Romane erschienen) ebenso eigenständige wie packende Genrekost Made in Germany geglückt. Eine Leistung, der keineswegs als Selbstverständlichkeit zu werten ist. Als Hintergrund hat der Autor einen der spannendsten Abschnitte der deutschen Geschichte gewählt: Die „Goldenen Zwanziger“ und Dreißiger in der Weimarer Republik, in der politische und soziale Zerrissenheit auf dekadentes Nachtleben traf. Am sprichwörtlichen „Tanz auf dem Vulkan“ nimmt auch Gereon Rath teil, ein junger Ermittler aus der Rheinprovinz, den es im ersten, 1929 spielenden Roman „Der nasse Fisch“ (Kiepenheuer & Witsch, 2007) aufgrund eines tragischen Zwischenfalls im Dienst in die pulsierende Metropole Berlin verschlägt. Zunächst bei der Sitte abgestellt, mischt sich der ehrgeizige Rath auf eigene Faust in einen brutalen Mordfall ein – und bekommt es mit politischen Auseinandersetzungen zwischen Links und Rechts, Ganoven, Pornoringen, dubiosen Nachtclubbesitzern, zwielichtigen Kollegen und dem legendären Goldschatz von Exilrussen zu tun. Besonders hinter letzterem sind alle möglichen Parteien her, sodass Rath zwischen die Fronten gerät – und schließlich in Lebensgefahr. Dazu kommt noch eine komplizierte Liebesgeschichte mit Charlotte Ritter, Stenotypistin in der Mordkommission an der Alexanderstraße und Prototyp der neuen, modernen Frau. Kutschers Roman ist sorgfältig recherchiert, bietet jede Menge Zeitkolorit und einen dichten Plot. Neben den gut gezeichneten fiktiven kommen auch historische Figuren vor, darunter der legendäre Leiter der Mordkommission Ernst Gennat (das Vorbild für Kommissar Lohmann in Fritz Langs M), der ebenso für seine modernen Ermittlungsmethoden – bereits 1938 initiierte er die erste Fernsehfahndung – wie für seine imposante Leibesfülle bekannt war.

Der Roman war also die perfekte Vorlage für die demnächst anlaufende, von ARD und Sky ko-produzierte 16-teilige TV-Adaption „Berlin Babylon“ („ray“ präsentiert am 2. Oktober gemeinsam mit Sky Österreich den Pilotfilm als Kinopremiere in der Urania), für die die Regisseure Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten verantwortlich zeichnen. Und eine mindestens ebenso perfekte Basis für die Graphic Novel „Der nasse Fisch“ von Arne Jysch, in der sich literarische mit filmischen Qualitäten paaren.

Der 1973 in Bremen geborene Jysch, der auch Storyboards für Werbeclips und Spielfilme entwirft, machte sich den Stoff gekonnt zu eigen: So entschlackte er den umfangreichen Plot, ließ einige Figuren weg, schraubte an der Chronologie und machte Rath zum Ich-Erzähler. Das Ergebnis ist ein packender „Comic noir“, der der Essenz des Romans trotz aller Änderungen treu bleibt – und vor Zeitkolorit geradezu strotzt. Nach zwei Jahren Arbeit am Text machte Jysch sich 2015 ans illustratorische Werk, und den Tuschzeichnungen, die am Computer nachbearbeitet wurden, sieht man die akribische Recherche in Sachen Mode und Architektur auf jeder Seite an. Wenn Rath etwa einen als Wilhelm II. verkleideten Ganoven durch die Straßen Berlins verfolgt, kann man nicht nur historische Gebäude identifizieren, sondern auch Details wie Werbetafeln und Verkehrsmittel aus der Zeit betrachten. Ach ja, der Titel ist übrigens Polizeijargon für einen ungeklärten Mordfall.

Sehen Sie auf den nächsten Seiten Auszüge aus der Graphic Novel.