Jason Segel spricht über passiv-aggressive Bärte und darüber, warum er selbst in für ihn nachteiligen Situationen daran denkt, wie komisch das in einem Film wirken würde.
Die Gewalttour von vier Städten in vier Tagen (Hamburg, Wien, Dublin, London) kann Jason Segels Charme nicht wirklich etwas anhaben. Sogar nach dem obligaten Riesenradbesuch samt Käsekrainer-Verzehr wirkt der 32jährige Serien – und Filmstar (How I Met Your Mother, Forgetting Sarah Marshall, The Muppets) noch so, als könnte er es kaum erwarten, die Fragen der Journalistenrunden zu beantworten. Er wirkt nicht einmal gelangweilt, als er gefragt wird, ob er gerne kocht (Kochen ist für ihn ein vorrangig ein Mittel, um zu essen, was er leidenschaftlich gerne tut) oder ob ihm Deutschland oder Österreich besser gefällt. In seinen Filmen kommt er oft wie ein überdimensionaler Teddybär rüber, ein sensibler Frauenversteher, mit dem auch die Jungs gerne auf ein Bier gehen. Der Autor, Schauspieler und Musiker strahlt in Persona auf jeden Fall mehr Selbstbewusstsein und -ironie aus als viele seiner Figuren, dennoch kann man sich gut vorstellen, dass etliche peinliche Situationen in seinem Leben Eingang in seine Drehbücher gefunden haben.
Auch in seiner neuesten, von seinem Mentor Judd Apatow produzierten romantischen Komödie The Five Year Long Engagement (Fast verheiratet) schreckt er nicht davor zurück, seinen Charakter in Situationen zu bringen, in denen er nicht nur optisch (mit einem der hässlichsten Backenbärte der Filmgeschichte) nicht gut wegkommt. Anfangs ist alles eitel Wonne zwischen Tom, dem Sous-Chef in einem angesagten Restaurant in San Francisco und Violet, einer frisch gebackenen Psychologie-Doktorandin. Die Hochzeit ist schon geplant, als ein lang ersehntes Jobangebot für Violet ihre Pläne durcheinander bringt. Die Stelle als Universitätsassistentin führt sie ins verschneite Michigan, aber Tom begleitet sie ohne zu zögern, kochen kann er ja schließlich überall.
Ein folgenschwerer Trugschluss, denn mit guten Restaurants ist man in Ann Arbour nicht gerade gesegnet, einzig ein jüdischer Fast-Food-Laden stellt den krass überqualifizieren Tom ein. Während er sich beim Belegen von koscheren Sandwiches langweilt, stürzt sich Violet unter den Ägiden ihres attraktiven Professors in ihre Arbeit, die Ausarbeitung von – liebevoll persiflierten – psychologischen Experimenten. Die einzige Abwechslung für Tom besteht darin, sich von anderen Akademikerinnengatten in selbst gestrickten Pullovermonstern gewickelt zur Hirschjagd mitnehmen zu lassen. Durch die Sublimierung seiner Männlichkeit leidet natürlich die Beziehung, auch und gerade in sexueller Hinsicht. Als Tom davon erfährt, dass Violet ihren Professor geküsst hat, ist der absolute Tiefpunkt seines ohnehin kaum mehr vorhandenen Selbstvertrauens erreicht. Wie Segel mit Schmollmiene vergeblich einen Orgasmus vorzutäuschen versucht, gehört zu den liebenswertesten Szenen des Films. Viele manchmal etwas zu skurrile Nebenfiguren, klug eingestreute Slapstickel-Emente und unzählige gut beobachtete Beziehungsdetails lassen die fast zwei Stunden im Kinosaal im Flug vergehen. Trotz des warmherzigen, humorigen Grundtons der Geschichte bietet der Film aber auch durchaus Stoff zum Nachdenken über das Wesen von Beziehungen im Allgemeinen. Die Ernsthaftigkeit dieses Ansatzes hebt ihn deutlich von der Massenware der Hollywood Fließband-Romantic-Comedikes ab.
Was war der Ausgangspunkt für diese Geschichte einer langen Verlobung?
Der erste Gedanke war, einen Film darüber zu machen, wie sich Beziehungen im Lauf von einigen Jahren verändern. Viele Leute, die heutzutage „Ja, ich will“ zu jemandem sagen, meinen das für diesen Moment so, unter den gerade herrschenden Umständen. Und das ist ein Fehler. Sie sind nicht bereit dafür, wenn sich z.B. die Machtstrukturen ändern oder die gegenseitige Anziehungskraft nicht unbedingt gleichzeitig stärker oder schwächer wird. Was man eigentlich auswählt oder zumindest sollte, ist ein Partner für eine lange und schwierige Reise. Für eine solche Partnerschaft, die es wert ist, würde ich auch alles aufgeben, was man von mir verlangt, wie meine Filmfigur. Aber die Gefahr daran ist, dass man soviel von sich selbst opfert, dass man für den anderen uninteressant wird. Wenn man dann beinahe zu einem Assistenten des erfolgreicheren Partners wird anstatt einer geliebten Person, ist das für beide nicht mehr erstrebenswert. So eine lange Verlobung ist sowieso gefährlich, da hat der andere viel zu viel Zeit herauszufinden, wer man wirklich ist. Am besten hat man das erste Date am Freitag, verlobt sich am Samstag und heiratet am Sonntag.
Machen Sie beim Schreiben viele Gedanken über den für eine romantische Komödie so wichtigen Ton der Geschichte?
Ich wollte einen ehrlichen Film schreiben. Ich mache mir nicht so viele Gedanken darüber, wie viele Lacher pro Minute ich generieren kann. Ich wollte nicht den Ton von z.B. Hangover imitieren, mein Ziel waren eher Annie Hall oder When Harry Met Sally, langsame, auch trotz des Humors ernsthafte Untersuchungen von Beziehungen eben. Außerdem mag ich es gerne, wenn sich etwas trotz aller Abgedrehtheit im Kern realistisch anfühlt. Das sollte auch das Casting betreffen. Oft werden einfach zwei Schauspieler zusammengespannt, die letztes Jahr beide erfolgreiche Komödien gedreht haben. Und wir sollen mit ihnen mitfühlen. Aber das ist schwierig, weil sie so überhaupt nichts füreinander empfinden. Hier hoffe ich, dass man merkt, dass Emily Blunt und ich auch im wirklichen Leben befreundet sind. Judd Apatow hat mir übrigens vor Beginn der Dreharbeiten dringend nahe gelegt, dass ich abnehmen soll. Wenn ich in einem Film mit Emily zusammen kommen soll, muss es zumindest irgendwie glaubwürdig sein, dass wir Sex miteinander haben. Dann gab er mir die Telefonnummer eines Fitnesstrainers.
Eine meiner liebsten Szenen ist der All-Night-Fight, der Streit im Schlafzimmer. Der ist absichtlich so geschrieben und am Set verfeinert worden, dass es eben nicht so klingt wie ein perfekt geschriebener Dialog. Ich kann nicht verstehen, warum in Filmen die Streitenden meist so wohlklingende Sätze von sich geben. In der Realität ist man zu aufgeregt, um wirklich kohärent zu sein. Wenn Tom also sagt, „Ich will allein sein“ und sie aufsteht, um ins Nebenzimmer zu gehen, worauf es aus ihm heraus bricht, „Ich will mit dir zusammen hier allein sein“, dann erinnert mich das daran, wie echte Menschen streiten, sehr oft irrational.
Wurde am Set noch viel improvisiert?
Wir improvisierten ständig. Das Skript ist eine wichtige, starke Blaupause und wir drehten auch danach, aber ich bin nicht zu stolz, auch anzuerkennen, wenn jemand etwas besser in eigenen Worten ausdrücken kann, als es im Buch steht. Schließlich lässt es am Ende mich besser dastehen, weil in den Credits noch immer „geschrieben von Jason Segel“ steht. Bei einem Film ist generell alles immer im Fluss. Beim Drehen ändern sich Dinge, und im Schneideraum entscheidet sich dann noch, ob Szenen nachgedreht werden müssen, welche Szenen den Leuten gefallen und welche nicht. Dort kann man wirklich noch sehr viel herausholen, vor allem wenn man die Szenen aus allen möglichen Perspektiven dreht und sich viele Möglichkeiten für Anschlüsse, Blicke etc. offen lässt. Manchmal dreht man auch zwei verschiedene Enden wie bei den Muppets. Da gab es ein Ende, wo sie die Million Dollar aufgetrieben haben, also als Sieger auf der ganzen Linie dastanden. Wir fanden es aber viel stärker, gerade auch als Lektion für Kinder, dass sie am Schluss verlieren, aber es fühlt sich immer noch okay an, weil sie es zumindest versucht haben und zwar zusammen.
Wie sind Sie denn zur Schauspielerei gekommen?
Ich habe nie daran gedacht, professioneller Schauspieler zu werden. Mit 17 versuchte ich mich an der Schule in einem Zwei-Personen-Stück von Edward Albee. Eine Frau im Zuschauerraum war die Verantwortliche für das Casting bei Paramount und frage mich, ob ich in einem Film mitspielen wollte. Und dieser Zufall hat mein Leben verändert. Es war einfach Glück, und es ist eine traurige Wahrheit, dass in diesem Business wohl die Hälfte rein vom Glück abhängt. Meine gesamte Karriere war immer eine Gratwanderung zwischen charming und creepy. Am Ende lande ich immer auf der charmanten Seite, aber ich bin durchaus auch bereit für die dunkle Seite. Diese Gary-Oldman-Bösewichte z.B. sind oft extrem charmant und anziehend. Ich glaube, in diesem Bereich wäre ich auch nicht schlecht.
In weniger erfolgreichen Phasen meines Lebens habe ich mir auch diese wilden Bärte – passiv-aggressives Gesichtshaar – wachsen lassen, wenn ich mit meiner Freundin gestritten habe oder eine Rolle nicht bekommen habe, um der Umwelt zu signalisieren. Schaut her, mir ist alles so was von egal. Ganz im Gegensatz zu diesem Prachtstück hier. (Er streicht sich über das gepflegte kurze Bärtchen) Das ist ein eindeutig ein fescher Bart, der signalisieren soll, wie sexuell attraktiv ich für die Damenwelt bin.
Auch in diesem Film gibt es wieder eine Nacktszene mit Ihnen. Warum schreiben Sie sich selber solche Szenen in Ihre Filme?
Ich habe kein Problem damit, nackt zu sein, auch nicht vor der Kamera. Stolz oder Scham sind nicht meine hervorstechendsten Eigenschaften. Die Nacktszene in Forgetting Sarah Marshall war übrigens so weit ich weiß die erste Full Frontal Nudity des Hauptdarstellers in einer Komödie. Für mich war sie dramaturgisch gesehen notwendig. Diese Sequenz am Anfang war eigentlich eine klassische dramatische Szene, und ich wollte nicht eine Komödie auf diese Weise beginnen. Der Schnitt auf eine Totale, in der man alles sieht, wenn es zu dramatisch wird, bringt die Leute zum Lachen und stimmt sie ein auf einen hoffentlich komischen Film. Außerdem ist mir diese Szene wirklich passiert: Es war einer der besten Momente meines Lebens. Ich war schon sechs Jahre mit einer Frau zusammen, und sie rief mich vom Flughafen aus an, als sie nach einer Reise wieder in New York ankam, um mir zu sagen, dass sie mich dringend sehen müsse. Mein männliches Gehirn deutete das natürlich als erotisches Angebot. Als sie dann bei der Tür hereinkam, lag ich unter der Decke nackt in einer sexy Pose auf der Couch und sagte, dass ich eine Überraschung für sie hätte. Sie meinte, sie hätte auch eine und dann machte sie mit mir Schluss. Es war perfekt. Und mein Problem ist, dass ich während der ganzen Zeit immer daran dachte, dass das eine wahnsinnig komische Szene in einem Film wäre. Wenn mich die Leute auf der Straße erkennen, nennen sie mich entweder Marshall (der Name seiner Figur in How I Met Your Mother) oder schreien „Zeig uns deinen Schwanz“. Mir ist Marshall schon lieber, weil die anderen haben vielleicht nicht einmal einen Film von mir gesehen, möglicherweise ist das ihre Idee von Spaß und sie rufen das jedem Dahergelaufenem hinterher. Ich persönlich mag keinen bösen Humor auf Kosten von anderen. Das ist zu einfach. Mein Beruf verschafft mir die Möglichkeit, die Welt ein klein wenig besser zu machen auf meine eigene Art und Weise. Möglicherweise sind die Charaktere deshalb meist grundsätzlich nett. Aber vielleicht sollte ich ja etwas ganz anderes machen. Model wäre doch was. Aber ich will es nicht allein meines guten Aussehens wegen schaffen.
Was machen sie privat am liebsten?
Ich habe leider nicht viel Zeit für Privatleben. Von August bis April bin ich bei ich How I Met Your Mother engagiert. Dazwischen schreibe ich Drehbücher, und im Sommer drehe ich einen Film. Was ich am meisten vermisse, ist Musik zu schreiben. Ich liebe Musik. „Astral Weeks“ von Van Morrisson ist mein absolutes Lieblingsalbum und „Sweet Thing“, das im Film in verschiedenen Versionen vorkommt, ist wohl einer der schönsten Songs alle Zeiten. Auch live auftreten – u.a. habe ich für Maroon 5 eröffnet oder mit Swell Season zusammengespielt – gibt dir einen ganz besonderen Kick, man bekommt eine sofortige Rückmeldung vom Publikum, anders als bei einem Film. Wir haben diesen Film vor einem Jahr fertig gedreht und jetzt erst reden wir darüber. Aber das Rockstar-Leben wäre nichts für mich. Ich lasse es lieber ruhig angehen. Aber ich verstehe, dass viele Musiker leicht überdreht werden. Weil man alles tun kann, was man will. Für acht Stunden nach dem Ende des Konzerts fühlt man sich, als hätte man die ganze Welt in der Hand.
