Ein weiteres düsteres Meisterwerk von Diao Yinan
Diao Yinan, geboren 1969 in Xian, machte sich zunächst als Drehbuchautor einen Namen. Nach zwei ersten eigenen Filmen landete er 2014 mit Black Coal, Thin Ice (wörtlicher Titel: „Feuerwerk am helllichten Tage“) den großen Coup: Der grimmige Neo-Noir-Polizeithriller wurde bei der Berlinale als bester Film ausgezeichnet, Liao Fan als bester Hauptdarsteller. Ein desillusionierter (Ex-)Polizist in der frostigen nordöstlichen Provinz Dongbei greift in dem Film nach Jahren eine ungelöste Mordserie wieder auf.
Diaos aktueller Film, der 2019 in Cannes Premiere feierte (und den wörtlichen Titel „Treffen am Südbahnhof“ trägt), spielt in der zuletzt wegen Covid-19 berühmt gewordenen Großstadt Wuhan und ist im selben forschen und lakonischen Duktus gehalten wie der Vorgänger. Zhou Zenong, ein Gangster, der eher irrtümlich einen Polizisten erschossen hat und auf dessen Ergreifung eine hohe Prämie ausgesetzt ist, will mit Hilfe der jungen Prostituierten Aiai, die ihn an die Polizei verraten soll, an das Geld kommen. Aiai soll es dann an seine Frau Shujun und seinen kleinen Sohn weitergeben, die er vor Jahren im Stich gelassen hat. Was einfach klingt, stellt sich in der Durchführung als wesentlich schwieriger heraus, zumal auch einige seiner Gangsterkollegen und -rivalen auf das Geld scharf sind und außerdem die Polizei (als leitender Kommissar ist wieder Liao Fan zu sehen) seine Frau überwacht.
Diao Yinans große Stärken sind nicht unbedingt Handlungsführung oder Figurenzeichnung – hier bedient er sich eher am klassischen Noir-Fundus –, sondern ein unnachahmliches Gespür für Atmosphäre und für Schauplätze. Die Hinterhöfe, die kleinen schäbigen Imbisslokale, die düsteren Straßen und labyrinthischen Gassen Wuhans, ein heruntergekommenes Hotel und den Tierpark am „Wild Goose Lake“ (siehe deutscher Titel) – all das nützt er zu maximaler Wirkung. Hier verlieren sich Polizisten und Gangster gleichermaßen, wirken geradezu wie Fremde. Zudem hat Diao eine Hand für handfeste Gewalt, deren verstörende „Schönheit“ (Stichwort: Regenschirm) umso schockierender ist. Es sind – in beiden Filmen – jeweils nur zwei, drei flash-artige Gewaltexplosionen, die sich aber ins Gedächtnis einbrennen. Visuell herausragend ist auch eine Szene in einem abgefuckten Spiegelkabinett, in dem sich Zhou Zenong zu verirren droht. Außerdem ist Diao ein Meister einer leisen, verqueren Komik, die das düstere Geschehen immer wieder konterkariert: Als die Polizisten einmal auf einem belebten Markt ausschwärmen, um Zhou (vermeintlich) festzunehmen, haben sie alle Schuhe mit Leuchtsohlen an, weil sie einander zum Teil gar nicht kennen – damit sie sich nicht gegenseitig über den Haufen schießen. Um sich die Wartezeit zu verkürzen, tanzen sie (ein tatsächliches allabendliches Ritual in chinesischen Städten) bei einem Gruppentanz mit – und das ausgerechnet zu „Rasputin“ und „Dschingis Khan“ („Er zeugte sieben Kinder in einer Nacht, und über seine Feinde hat er nur gelacht – ha hu ha!“).
Neben dem Hauptdarsteller, Mandarin-Popstar Hu Ge, ragen die beiden Frauen (Gwei Lun-mei als Aiai und Wan Qian als Shujun) aus einem starken und großen Ensemble heraus. Und unbedingt herauszuheben ist – siehe oben – Kameramann Dong Jingsong, der mit dem Regisseur schon seit dessen Erstlingsfilm Uniform (2003) zusammenarbeitet.
