Der Spielberg-Moment

| Roman Scheiber |

Wohl nicht der beste Film von Jeff Nichols, doch entschieden sehenswert: „Midnight Special“, ein Familiendrama mit Schlagseite zum Science-Fiction-Thriller.

Es gab Podcasts, in denen stundenlang über das offene Ende von Take Shelter (2011) diskutiert wurde. Wie auch immer man es auslegen wollte, einig war man sich, dass kaum ein anderes zeitgenössisches Apokalypsenszenario mit so sparsam dosierten Spezialeffekten einen derart starken Eindruck zu hinterlassen vermochte. Die Parallelen zur aktuellen Arbeit des außergewöhnlichen US-Regie-Auteurs Jeff Nichols sind evident. Wieder geht es um eine Familie, die durch übersinnliches Empfinden eines Protagonisten aus der Balance gerät. Wieder wird ein Südstaaten-Soziotop gerade aus paranoider Sicht besonders klar und deutlich. Und wieder verdankt sich ein großer Teil der Wirkung zwei Stammkräften, die an allen nunmehr vier Langfilmen Nichols‘ beteiligt waren: Kameramann Adam Stone und Schauspieler Michael Shannon.

Noch bevor wir etwas sehen, hören wir aus Fernsehnachrichten, dass ein achtjähriger Bub namens Alton Meyer (Jaeden Lieberher) aus San Angelo, Texas, von einem gewissen Roy Tomlin (Shannon) entführt wurde. Was wir dann in einem Motelzimmer sehen, widerspricht dieser Darstellung. Roy ist Altons leiblicher Vater, und gemeinsam mit einem weiteren Mann (Joel Edgerton) begleitet er den Sohn auf einer Reise, die zugleich eine Flucht ist und ein noch unbestimmtes Ziel hat. Ein beträchtlicher Teil der Spannung von Midnight Special speist sich daraus, dass zunächst weder die Zuschauenden noch die Protagonisten selbst wissen, welches Schicksal am Ende der Odyssee auf Alton wartet. Dass er stark lichtempfindlich ist und eine kobaltblaue Schutzbrille trägt, ist nur der erste von mehreren Hinweisen darauf, dass es sich um einen mit besonderen Fähigkeiten versehenen Knaben handelt. Bald stellt sich heraus, dass neben der lokalen Polizei auch Altons Adoptivvater, ein Sektenführer (Sam Shepard), und ein Haufen Regierungsbeamte hinter ihm her sind.

Nach Mud (2012), einer wunderschönen, wenn auch eher konventionell erzählten Ersatzvater-Sohn-Geschichte in den Sümpfen Mississippis, rückt Nichols noch stärker ein Kind in den Mittelpunkt. Mehr noch: Als Kern seines Films schält sich eine Variation vom „Drama des hochbegabten Kindes“ heraus. Nur dass es hier nicht die Eltern sind, die sich die Gabe des Wunderkinds zunutze machen wollen, sondern Staat und Kirche. Der Vater ist schuldbewusst, weil er Alton einst einer Sekte anvertraut hat, die Mutter (Kirsten Dunst) leidet hingebungsvoll an den zehrenden Ausbrüchen ihres überempfindlichen Sohnes. So zieht sich eine gewisse Melancholie als Grundkonstante durch den Film. Niemand weiß richtig umzugehen mit dem verwundbaren kleinen Superhelden. Nichols spielt denn auch weniger mit Mystery-Elementen als sie gezielt zur Überhöhung einzusetzen – wie um durch ein Brennglas sichtbar zu machen, dass die US-amerikanische Provinzgesellschaft zwischen Wunderglauben, gefühlskaltem Pragmatismus und Sicherheitsdenken wenig kennt. Eine der berückendsten Szenen in Midnight Special ist jene, in der Alton – zwischenzeitig in den Fängen der Staatsgewalt – auf eigenen Wunsch von einem nerdigen NSA-Agenten (Adam Driver) verhört wird. In der Begegnung, im Blickaustausch und im Dialog mit einem Kind muss ein Wissenschafter erfahren, wie eng die Grenzen seines rationalen Weltbilds sind – und dann passiert etwas, das einer ganz eigenen Logik folgt.

Der zurückhaltende Gestus der Inszenierung, allseits großartiges Schauspiel (inklusive Kirsten Dunst als Altons Mutter) vor allem in den emotional intensiven Szenen und ein elaborierter Elektronik-Score (David Wingo) fügen sich in Midnight Special zu einem unaufdringlich humanistischen Ganzen. Der Titel bezieht sich auf einen Song von Creedence Clearwater Revival, der schon das von Steven Spielberg produzierte Leinwand-Spinoff der TV-Serie The Twilight Zone (1983) eröffnete. Referenzen an das US-Genrekino um 1980 sind evident: Ein US-Kritiker fühlte sich thematisch und im Erzähltempo an den melancholischen Starman (John Carpenter, 1984) erinnert, ein anderer nannte den Film eine Art bescheidenere, verrätselte Version von Spielbergs Close Encounters of the Third Kind (1977). Letzteres wird besonders deutlich in einer Schlüsselszene im Finale von Midnight Special, als wir aus der Perspektive des kleinen Alton eine eigentümliche Erscheinung wahrnehmen. Den als Jugendlichen durch Spielberg-Filme geprägten Zuschauer mag diese Einstellung an den naiven, Staunen machenden „Spielberg-Wunderblick“ erinnern. Genau diese visuelle Überdeutlichkeit ist es aber, die in Nichols‘ erster Major-Produktion seine bisherige Independent-Note schwinden lässt und eher ein Studiofilmgefühl aufkommen lässt. Demgegenüber ließ Last Shelter mehr offen, was sich erst in der Vorstellung des Zuschauers zusammenfügen konnte. Wieder kann man über das Ende trefflich diskutieren; dieses Mal leider nicht über dessen faszinierende Mehrdeutigkeit.

bannerKinoprogramm