Joseph Gordon-Levitt im Gespräch über seine Rolle und die Zusammenarbeit mit Regisseur Patrick Vollrath an dessen Cockpit-Thriller „7500“.
Er kennt sich aus im Filmgeschäft, immerhin ist Joseph Gordon-Levitt bereits seit Kindertagen dabei, zunächst als Darsteller, der sich übers Fernsehen auf die Kinoleinwand gespielt hat, und seit seinem Langfilmdebüt Don Jon (2013) zudem selbst als Regisseur. Aber auch als Unternehmensgründer hat sich der sich der 1981 geborene Kalifornier über die Jahre einen Namen gemacht. Seine Firma HitRecord produziert kollaborativ entstandene Kurzfilme, Musik, Theaterstücke und Live-Shows, die über eine Online-Plattform zugänglich sind. Die kreative Vielfalt gibt ihm die Möglichkeit, bis heute gekonnt zwischen Indie- und Mainstream-Kino zu changieren, sämtlichen Hollywood-Schubladen zu entgehen und stets den eigenen Horizont zu erweitern. Für seine Rolle in Patrick Vollraths 7500, in dem er einen Ko-Piloten spielt, der Entscheidungen mit schrecklichen Konsequenzen treffen muss, hat er gelernt, ein Flugzeug zu steuern. Doch seine primäre Motivation ist stets eine andere: Gordon-Levitt arbeitet immer mit anderen, nicht für sie, wirft sich in die Projekte, die sein Herz begeistern, gibt alles, geht tief in sich und taucht danach nur noch sympathischer und beeindruckender wieder auf. Brenzlige Situationen sind für ihn kein Grund zur Panik, sondern ein Lernprozess – egal, ob im Film oder im wahren Leben.
Mr. Gordon-Levitt, was haben Sie gedacht, als Sie nach dem Dreh zu 7500 zum ersten Mal wieder in ein Flugzeug stiegen?
Joseph Gordon-Levitt: Wir waren alle so sehr darauf fixiert, den Film so echt wie möglich wirken zu lassen, da habe ich während des Drehs ziemlich viel über die Arbeit von Piloten gelernt. Und das hat mich im Nachhinein beim Fliegen nur noch sicherer fühlen lassen, weil ich jetzt nachempfinden kann, wie sehr sich die Piloten Mühe geben, noch auf das kleinste Detail zu achten. Außerdem denke ich, geht es in dem Film nicht wirklich um Flugzeuge oder das Fliegen an sich. Es geht um die Menschen in dem einen Flugzeug in dieser ganz besonderen Situation. Der Schauplatz dient lediglich als Hintergrund, um eine menschliche Geschichte zu erzählen.
Ihr Schauspielkollege im Cockpit, Carlo Kitzlinger, war viele Jahre lang tatsächlich Flugkapitän. Inwieweit hat das die Dynamik zwischen Ihnen gefördert?
Joseph Gordon-Levitt: Ich habe unheimlich viel von Carlo gelernt. Er ist ein toller Schauspieler, und er war der perfekte Man für die Rolle. Er ist jahrelang für Lufthansa geflogen. Das heißt, er war nicht nur mein Schauspielpartner, sondern auch mein Coach, was die ganzen technischen Einzelheiten anging. Er ging bis ins kleinste Detail und erklärte mir viel mehr als nötig, beispielsweise wie die Aerodynamik funktioniert. Das hat mich sehr interessiert. Und vieles davon ist auch in den Film eingeflossen, eben weil Patrick so sehr auf Realismus bedacht war.
Wie schwer war es, auf so engem Raum zu spielen? Macht das die Sache schwieriger als auf einem regulären Set?
Joseph Gordon-Levitt: Nicht wirklich. Es gibt ein paar Hitchcock-Filme, die auch nur an einem bestimmten, extrem limitierten Handlungsort stattfinden. Rope ist einer davon, Lifeboat ein anderer. Für mich ist 7500 ein weiteres Exempel dieser Tradition. Zudem denke ich, steckt eine große Metapher dahinter, was die Klaustrophobie angeht, die in diesem engen Raum entsteht. Es ist ein Film über verschiedene Menschen mit verschiedenen Ansichten, die aus verschiedenen Kulturen und Orten in diesem einen engen Raum des Cockpits zusammenkommen. Und für mich lässt sich das ziemlich gut mit der Welt vergleichen, in der wir heute leben. Denn die Welt wird immer kleiner und kleiner, nicht physisch, aber es fühlt sich so an, allein aufgrund der technischen Entwicklungen und angesichts der Tatsache, dass immer mehr Leute reisen, flüchten, ihre Heimat wechseln, und so weiter. Die Welt wird immer mehr zu einem großen Hafen, vor allem in den USA. Aber auch in Europa, überall. Es ist ein menschlicher Impuls, dass viele einfach nur noch wegwollen, ausbrechen, fliehen. Aber dieser eine Impuls geht mit einem anderen einher, nämlich mit der Tatsache, dass die Menschen untereinander Nähe suchen, und das ist auch das Faszinierende an der Geschichte, die wir im Film erzählen. Dass in einer derart extremen Situation am Ende zwei Menschen übrig sind, die sich auf einer rein menschlichen Ebene treffen und verstehen, nicht bloß als Symbole oder Kategorien oder Archetypen. Ich denke, das ist es, worum es in dem Film geht, um Mitgefühl und Verständnis und Gemeinschaft. Und ich hatte das Gefühl, es steckt eine positive Story dahinter, die zu erzählen im Moment sehr wichtig scheint. Denn vielleicht würde es uns allen guttun, und ich schließe mich hier ein, wenn wir zukünftig ein bisschen mehr Zeit im direkten Gegenüber mit Menschen verbringen würden, die anders sind als wir.
Auf einer persönlichen Ebene, was macht das mit Ihnen als Mensch, ein Terror-Szenario wie dieses durchzuspielen? Wie schafft man es, tatsächlich die eigenen Gedanken, Gefühle und Emotionen außen vor zu lassen, die einem in einer extremen Situation wie dieser durch den Kopf gehen.
Joseph Gordon-Levitt: Das klingt jetzt vielleicht übertrieben, aber das war der schwerste Job, den ich in meiner Karriere als Schauspieler bisher zu meistern hatte. Das hat damit zu tun, was Sie gerade gesagt haben. Es ist die Kombination: einerseits diese unheimlich bestürzende, brutal tragische Situation und zum anderen Patricks extrem realistische Herangehensweise in der Umsetzung, die ich so noch nicht erlebt habe. Das Drehbuch diente uns gewissermaßen nur als Sprungbrett, und das allein ist schon recht unkonventionell. Meistens dreht man die Szenen ja, wie sie geschrieben sind, vielleicht mit ein bisschen Improvisation hier und da, aber dann ist die Szene irgendwann vorbei, und man fängt von vorne an und dreht dieselbe Szene nochmal. Und nochmals. Und nochmals. Aber bei Patrick war das anders. So wie er arbeitet, so wie er auch seinen Kurzfilm Alles wird gut gedreht hat, bedeutet das, dass man große Teile der Geschichte in einem Take abdreht, so dass die Kamera manchmal 20, 30, 40 Minuten am Stück läuft. Und das erlaubt es den Darstellern, sich tief in die Situation einzufühlen und die Emotionen wirklich am eigenen Körper zu erleben, in einer Intensität, die mir bisher noch nicht untergekommen ist. Und ich bin schon eine ganze Weile im Geschäft. Aber eine solche Herangehensweise fordert ihren Tribut, und es war mitunter sehr schmerzhaft. Allerdings war es ein guter Schmerz, wenn Sie wissen, was ich meine. Es ist der Schmerz, der entsteht, wenn man kreativ herausgefordert wird, wenn man sich hineinbeißt in eine Rolle, weil man fühlt, dass etwas Sinnvolles dabei entsteht. Etwas, auf das man stolz sein kann. Und das bin ich durchaus.
Wie wirkte sich diese Intensität auf Ihre Zusammenarbeit mit Patrick Vollrath aus?
Joseph Gordon-Levitt: Verstehen Sie mich nicht falsch, es war eine sehr positive Zusammenarbeit. Es war anstrengend im Hinblick auf das Thema und die Herangehensweise. Wie gesagt, es ging mitunter um sehr bittere, rohe Gefühle. Aber ich habe es sehr an ihm geschätzt, dass er sich trotz der Tatsache, dass es sein erster Langspielfilm war, nicht davor gescheut hat, mich herauszufordern. Ich bin sehr froh, dass er hartnäckig blieb, und es gab definitiv einige Momente, wo ich nicht mehr wollte und konnte, weil der Prozess so hart und ermüdend war. Am Ende eines solchen Mamut-Takes war ich oft einfach fertig. Aber Patrick, das muss man ihm lassen, hat dann trotzdem noch einen weiteren Take verlangt.
Braucht man nach so einem Einsatz dann auch erst einmal eine Pause? Woran arbeiten Sie als nächstes?
Joseph Gordon-Levitt: Meine Firma HitRecord hat gerade in Kollaboration mit dem Rapper Logic eine Dokumentation herausgebracht, auf die ich sehr stolz bin. Ich weiß nicht, ob Ihnen der Name was sagt, aber Logic ist ein wundervoller und sehr beliebter Musiker. Für das Projekt hat er mit Leuten auf der ganzen Welt zusammengearbeitet, um einen Song zu produzieren. Und das ist es, wofür HitRecord steht. Es ist eine Online-Plattform, auf der Menschen miteinander kollaborieren, um gemeinsam etwas zu kreieren. Egal, ob aus Europa aus Afrika oder den Vereinigten Staaten, alle kommen über die Musik zusammen, um etwas zu schaffen, das insgesamt größer ist als die Summe der einzelnen Teile. Das Projekt mit Logic heißt Band Together, es war eine Produktion für YouTube Originals. Und klar, das hört sich jetzt an, als wäre das etwas ganz anderes als 7500, aber vielleicht ist es das gar nicht. Denn in beiden Fällen geht es darum, dass Menschen mit verschiedenen Hintergründen und aus unterschiedlichen Kulturen zusammenkommen. Nur entwickelt sich daraus einmal eine entsetzliche Tragödie und ein andermal entsteht eine großartige künstlerische Zusammenarbeit.
Sie haben HitRecord nicht nur gegründet, Sie leiten die Firma bis heute selbst. Sind Sie gerne Geschäftsmann? Steckt Ihnen das im Blut wie die Schauspielerei, oder mussten Sie zunächst Ihr Handwerk lernen?
Joseph Gordon-Levitt: Gute Frage. Es hört sich vielleicht komisch an, aber es gibt durchaus Elemente im Geschäftsdasein, die sich auf das Leben am Set anwenden lassen und andersherum. Ich habe mit vielen großen Regisseuren gearbeitet, mitunter auch selbst Regie geführt, und viele der Fähigkeiten und Kenntnisse, die ich dabei erworben habe, ließen sich darauf übertragen, wie man eine Firma leitet. Aber vieles ist natürlich auch komplett anders, und ich musste viel dazu lernen. Aber ich hatte das Glück, mich mit einer Menge kluger und intelligenter Leute umgeben zu können, die alle viel mehr wissen als ich.
Wenn Sie sich jemals für eine Sache entscheiden müssten, die Schauspielerei, die Regie oder Ihre Firma, was wäre Ihnen am Wichtigsten?
Joseph Gordon-Levitt: Ich hoffe, diese Entscheidung niemals treffen zu müssen. Ich liebe die Vielfalt. Ich stehe seit meinem sechsten Lebensjahr als Schauspieler vor der Kamera. Und ich liebe es, mit einem Regisseur an einem Film zu arbeiten und seine Vision zu erfüllen. Gleichzeitig bin ich selbst gerne Regisseur und Produzent, derjenige, der die Ideen vorantreibt. Dazu gehört schließlich auch, meine eigene Firma voranzutreiben und auszubauen. Und die Dinge greifen irgendwie alle ineinander, und ich bin unheimlich froh, dass ich so viele verschiedene Sachen machen kann. Es wäre schrecklich, auch nur einen Teil davon aufgeben zu müssen, und ich müsste ganz ehrlich nicht welchen.
