Ein meisterhaftes Lehrstück des politischen Kinos: Jafar Panahis „No Bears“.
No Bears ist ein Film, der auf traurige Weise zur passenden Zeit kommt, wenige Wochen, nachdem der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof, ein enger Freund und langjähriger Mitstreiter Jafar Panahis, von der Justiz in Teheran zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde (und sich mittlerweile im Exil befindet). Rasoulof, der 2020 den Goldenen Bären der Berlinale für seinen Film Es gibt kein Böses (Sheytan vojud nadarad) erhalten hatte, ist ein erbitterter Gegner des Regimes in Teheran. Trotz Berufsverbots schaffte er es immer wieder, Filme zu machen – so wie sein Freund Panahi, der schon im Jahr 2010 zu sechs Jahren Gefängnis und einem 20-jährigen Berufs-, Reise- und Interviewverbot verurteilt worden war. Die Vorwürfe gegen die beiden (und andere iranische Filmschaffende) sind immer dieselben: Propaganda gegen das Regime, Vorbereitung zum Aufruhr und dergleichen mehr. Panahi selbst hatte bereits 2010 drei Monate im berüchtigten Evin-Gefängnis verbracht und war nach einem Hungerstreik und nach Solidaritätskundgebungen aus aller Welt gegen Zahlung einer Kaution freigelassen worden. Ähnliches wiederholte sich Mitte 2022, kurz nachdem Panahi No Bears (Khers nist) fertiggestellt hatte, der in jenem Jahr bei den Filmfestspielen in Venedig uraufgeführt und mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde. Diesmal war der Filmemacher für sieben Monate inhaftiert, ehe er im Februar 2023, wieder gegen Kaution, „freigelassen“ wurde.
Weltgeltung
Jafar Panahi, 1960 in der Provinz Ost-Aserbaidschan geboren, etablierte sich ab Mitte der neunziger Jahre als großer Humanist und als einer der bemerkenswertesten Filmemacher des an kinematografischen Talenten nicht eben armen Landes. Zuvor hatte er unter anderem als Assistent des Meisters Abbas Kiarostami gearbeitet. 1995 gelang Panahi schon mit seinem Langfilmdebüt, dem zutiefst berührenden Der weiße Ballon (Badkonake sefid), nach einem Drehbuch Kiarostamis, ein großer Wurf und internationaler Erfolg. Alle seine folgenden Filme wie Der Spiegel (Ayneh, 1997), Der Kreis (Dayereh, 2000), Crimson Gold (Talaye sorkh, 2003) und Offside (2006) räumten bei den großen Festivals Preise ab, ehe es 2010 zum schon erwähnten Eklat kam. Die Kritik am Regime, mal deutlicher, mal subtiler geäußert – ein Markenzeichen des iranischen Kinos angesichts der allgegenwärtigen Zensur –, blieb den Behörden natürlich nicht verborgen. Als Musterbeispiel mag der famose Film Offside gelten: Einige junge Frauen und Mädchen versuchen, als Jungen verkleidet zu einem entscheidenden Spiel der iranischen Fußball-Nationalmannschaft ins Stadion zu gelangen, was Frauen damals (und auch noch lange Zeit danach) verboten war. Sie werden festgenommen. Das allein wäre noch nicht so brisant, aber die Frauen und die Soldaten, die sie bewachen, beginnen in der Folge, über allerlei heikle Themen zu diskutieren, wie man das im iranischen Kino noch kaum gesehen hatte. Der Film, bei der Berlinale 2006 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet, wurde „natürlich“ verboten und im Iran nicht gezeigt. Ähnliches war dem Regisseur schon im Jahr 2000 mit dem international vielfach ausgezeichneten Der Kreis widerfahren, in dem Panahi episodenhaft die diskriminierende Gesetzeslage anhand von sechs Frauen schildert, die sich am Ende des Films allesamt, wegen unterschiedlicher Delikte, im Gefängnis wiederfinden.
Dieses Schicksal ereilte auch den Filmemacher, der sich in Red, White & The Green (2009), einem Dokumentarfilm des Fotojournalisten Nader Davoodi, kein Blatt vor den Mund genommen hatte, und der unter anderem die oppositionelle „Grüne Bewegung“ bei den Präsidentenwahlen im Jahr 2009 offen unterstützt hatte. Der Schock darüber, dass das Regime in Teheran tatsächlich massiv gegen international hoch geschätzte Intellektuelle und Kulturschaffende vorging, rief weltweit große Empörung hervor und gipfelte in zahlreichen, unter anderem von Steven Spielberg und Robert Redford unterstützten Aufrufen, Jafar Panahi und andere kritische Stimmen nicht weiter zu unterdrücken.
Hit the Road
Doch wer gedacht hatte, Jafar Panahi würde sich angesichts der Schikanen unterkriegen lassen, hatte sich getäuscht. Schon 2011 erschien der vielsagend betitelte This Is Not a Film (In film nist), den Panahi gemeinsam mit Mojtaba Mirtahmasb fertigstellte und der beim Filmfestival in Cannes seine Uraufführung feierte. In schlanken 75 Minuten dokumentiert der Film einen Tag im Leben Panahis, während er auf das Berufungsverfahren gegen das 2010 gegen ihn erlassene Urteil wartet. Die beiden Männer sprechen über die bisherigen Filme des Regisseurs und über ein nicht realisiertes Drehbuch, das ebenfalls der iranischen Zensur zum Opfer gefallen war. In regelmäßigen Abständen folgten die Spielfilme Closed Curtain (Pardé, 2013, Silberner Bär für das beste Drehbuch in Berlin), Taxi (2015, Goldener Bär als bester Film in Berlin) und Drei Gesichter (Se rokh, 2018, Preis für das beste Drehbuch in Cannes), die alle ganz unmissverständlich Panahis jeweils aktuelle Situation zum Thema haben und in denen er sich selbst spielt bzw. in denen er „er selbst“ ist.
Nicht vergessen darf man auch, dass der Filmemacher im Jahr 2021 das überaus gelungene und weltweit gefeierte Regiedebüt seines Sohnes Panah Panahi mitproduzierte: Hit the Road (Jaddeh khaki) ist auf den ersten Blick eine – gemessen an dem, was man sonst an iranischen Filmen im Westen zu sehen bekommt – recht flotte Komödie um eine Familie (Eltern und zwei Söhne), die in ihrem Auto unterwegs ist. Der kleine Sohn ist lustig und frech, der große hingegen sehr schweigsam. Allmählich stellt sich heraus, dass das Ganze so heiter nicht ist, denn der Junge hat vor, die Grenze zur Türkei illegal zu überqueren und den Iran zu verlassen. Panah Panahi, dessen Mutter übrigens auch die Mutter im Film spielt, ließ in einem Interview diesbezüglich keine Frage offen: „In fast jeder Familie gibt es jemanden, der auf diesem Weg das Land verlassen hat. Auch zwei meiner engsten Freunde sind illegal aus ihrer Heimat geflohen. Das heißt, Hit the Road greift kein Thema auf, das hier fremd ist. Es liegt in der Luft, weil es für viele keine Perspektive, keine Hoffnung mehr gibt. (…) Man braucht sich nichts vorzumachen: Sogar die Machthaber im Iran, die Politikerschicht, schicken ihre Kinder ins Ausland. Selbst sie wissen also, dass es für die junge Generation keine Perspektiven gibt.“
Beschwichtigung
Schon Vater Panahi war mit Drei Gesichter in seine Heimatprovinz Ost-Aserbaidschan im Nordwesten des Landes zurückgekehrt. Von dort ist es nicht mehr allzu weit zur iranisch-türkischen Grenze. Mit No Bears, der nun endlich in die österreichischen Kinos kommt, ist er nun ganz nahe an diese Grenze herangerückt. Der ein wenig rätselhafte Titel entstammt einer Beschwichtigungsformel. „Es gibt keine Bären“ soll heißen: Es besteht keine Gefahr. Für den Protagonisten des Films ist das so eine Sache …
Ein Filmemacher aus Teheran – er heißt Herr Panahi und wird von Jafar Panahi gespielt – hat sich in einem kleinen Dorf einquartiert und nimmt von dort aus Kontakt mit seinem Regieassistenten Reza auf, der in der Türkei Szenen eines Films dreht. In diesem Film-im-Film geht es um ein Paar, das mit Hilfe gestohlener Pässe nach Europa gelangen will – scheinbar gespielt von „realen“ Personen nach einer „realen“ Geschichte. Doch die junge Frau will plötzlich nichts mehr von der Flucht bzw. von der Darstellung ihrer Geschichte wissen, und die Dreharbeiten, die ohnehin schwierig genug sind, drohen zu scheitern. Zudem kämpft „Herr Panahi“ im Dorf mit technischen Schwierigkeiten, weil das Internet kaum funktioniert – man fühlt sich zu Recht an entsprechende Szenen aus Abbas Kiarostamis Meisterwerk Der Geschmack von Kirschen (Tame gilas, 1997) erinnert.
In einer dramatischen nächtlichen Schlüsselszene kommt Reza, der Assistent, der legal in die Türkei einreisen und wieder ausreisen darf, zurück, um dem Regisseur eine Hard Disk mit den bisher gedrehten Aufnahmen zu bringen. Er versucht, den Filmemacher zu überreden, mit Hilfe von Schleppern die Grenze zur Türkei illegal zu überqueren. Alles sei dort einfacher, meint er, auch das Filmemachen. „Herr Panahi“ scheint zu zögern und den Vorschlag ernsthaft zu bedenken, er macht sich auch auf den Weg, kehrt aber schließlich um, bleibt also im Iran. Man kann anhand dieser beklemmenden Sequenz unschwer erkennen, dass auch der echte Jafar Panahi angesichts seiner prekären Situation mit solchen Gedanken gespielt haben mag, aber letztlich dem Druck, der ihm von Seiten der Behörden auferlegt wird, nicht weichen will.
Auch um diese Schikanen darzustellen, hat der große Regisseur einen Weg gefunden, denn sein Alter Ego im Film wird von den zunächst freundlichen Dorfbewohnern – meist sind nur Männer im Bild – immer mehr gepiesackt. Aus einer scheinbaren Lappalie entwickelt sich ein großes, zusehends absurder werdendes Drama, in das er, gegen seinen Willen und seine Absichten, mehr und mehr verstrickt wird. Man unterstellt ihm, zunächst höflich und ruhig, dann immer dringlicher, ein Foto von einem jungen Paar gemacht zu haben, das nicht zusammen sein „darf“, weil das Mädchen schon bei der Geburt (!) einem anderen versprochen worden wäre. Man fühlt sich ein wenig an Kleists „Der zerbrochne Krug“ erinnert. Schließlich eskaliert das abstruse Geschehen, denn selbst als der Filmemacher zeigt, dass er kein solches Foto hat, seine Speicherkarte aus der Kamera nimmt und dem Dorfvorsteher aushändigt, ist der Sache nicht Genüge getan. Er soll, so heißt es plötzlich, in einem „traditionellen“ Raum vor dem Rat der Dorfältesten einen „traditionellen“ Schwur leisten, dass er das Foto nicht gemacht hat. Erst dann werde man entscheiden, ob man ihm glaubt. Seinem Vorschlag, er wolle stattdessen das Tribunal und seine Aussage filmen und jedem Anwesenden eine Kopie aushändigen, wird zunächst stattgegeben, aber alles endet im Chaos.
Es ist nicht schwer, in diesem vordergründig harmlosen, in Wahrheit aber immer bedrohlicher werdenden Szenario eine Metapher für Panahis Situation zu erkennen. Der Filmemacher macht auch kaum ein Hehl aus seiner Frustration und seinem Ärger mit den bornierten Dorfbewohnern, die ihn mit ihrem Aberglauben und ihrer Engstirnigkeit zusehends nerven. Und man muss, wieder einmal, Jafar Panahis Mut und Standfestigkeit bewundern, mit der er seine fatale Situation nicht nur erträgt, sondern sie auch immer wieder zum Thema macht. Seit seinen eher einfachen, linear erzählten ersten Filmen ist Panahi, auch zwangsläufig, einen weiten Weg gegangen. No Bears besteht aus mehreren Ebenen und Schichten, die er in seinem meisterlichen Drehbuch Schritt für Schritt bloßlegt: der reale Panahi, der den Film-Panahi spielt, der einen Film in der Türkei dreht, ohne anwesend sein zu können, über ein scheinbar reales Paar, das seine scheinbar eigene Geschichte spielt, aber natürlich von realen Schauspielern gespielt wird, die der reale Jafar Panahi engagiert hat. Auch unter den Dorfbewohnern sind Schauspieler, aber nicht alle, und es ist gar nicht leicht, die Profis unter den Laien zu erkennen. Und trotz dieser Vielschichtigkeit ist Panahis Botschaft an die iranischen Autoritäten und an „die Welt“ unmissverständlich: „Ich bleibe hier und ich kämpfe weiter.“
