Zwischen halluzinogenem Rausch und utopischer Zivilisationskritik: „La Planète sauvage“ (1973), ein Klassiker des phantastischen Films, ist endlich wieder greifbar.
Die Draag sind blaue Riesen mit roten Augen und Kiemenohren, und die winzigen Om heißen so, weil das klingt wie das französische Wort „homme“, Mensch – und so sehen sie auch aus. Zwergenhafte Menschlein also strampeln sich ab auf dem farbenfrohen sowie außerordentlich transformationsfreudigen Planeten der Draag; es gibt sie in wilder und in domestizierter Form. So ähnlich wie der Mensch sich eine Maus (oder gar eine Ratte?) halten mag als Haustier, so hält sich in René Laloux’ La Planète sauvage aus dem Jahr 1973 das Draag-Mädchen Tiwa den Om Terr (frz. „terre“, Erde, aber auch: „terroriste“, da der Bursche zu Beginn seiner Gefangenschaft seiner Halterin mehrfach zu entkommen trachtet). Frei lebende Om gelten hingegen, vor allem wenn sie in größeren Mengen auftreten und weil sie sich an den Vorräten der Draag zu vergreifen pflegen, als Schädlinge. Auch das kennen wir von unserem eigenen Blick auf eben die Mäuse und erst recht die Ratten.
Es ist durchaus erstaunlich, mit welcher Mühelosigkeit einem die Verhältnisse auf diesem Planeten einleuchten und wie leicht man nicht nur die Umkehrung der Machtverteilung nachvollziehen, sondern sich auch mit beiden Seiten gleichermaßen identifizieren kann: In den Draag erkennen wir unseren Blick auf die Tiere, und in den Om verstehen wir, was wir diesen antun.
Die Draag sind eine hoch entwickelte Zivilisation, die die Meditation als Kulturtechnik pflegt; die Om sind auch nicht auf den Kopf gefallen – so kommt es schließlich zur Machtprobe. Nicht zuletzt weil Terr, wie seinerzeit Prometheus den Göttern das Feuer, seinem Draag-Mädchen den Unterrichts-Kopfhörer stiehlt. Mit seiner Beute schließt er sich einem frei lebenden Om-Stamm an; nunmehr können auch die Nichtdomestizierten sich mithilfe von Herrschaftswissen in den Strukturen ihrer Welt besser zurechtfinden. Was natürlich den Draag nicht geheuer ist, woraufhin es zu Kampfhandlungen kommt.
La Planète sauvage – bei den Filmfestspielen in Cannes 1973 mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet – ist eine recht freie Adaption des 1957 erschienenen Romans „Oms en série“ von Stefan Wul und entwirft eine zivilisationskritische Dystopie mit sozialutopischer Stoßrichtung, ohne dabei propagandistisch zu sein. Die Designs wurden vom französischen Künstler-Enfant-terrible Roland Topor geschaffen; der psychedelisch jazzige Score stammt von Alain Goraguer, der unter anderem für Boris Vian arbeitete. René Laloux wiederum begann seine leider überschaubar bleibende Karriere als Animationsfilmemacher als eine Art Kunsttherapeut an einer psychiatrischen Klinik. Les Dents du singe (1961), sein erstes vielbeachtetes Werk, entstand als Gemeinschaftsarbeit mit von ihm betreuten Patienten. Der faszinierend opake Kurzfilm findet sich ebenso wie der meisterhafte Les Escargots (1966) im Bonusmaterial der nunmehr vorliegenden, liebevoll gestalteten Edition, die den lange vergriffenen Animationsfilmklassiker in restaurierter Fassung wieder zugänglich macht.
In Laloux Sauvage, einem Interviewfilm aus dem Jahr 2001, kommt zudem der 2004 verstorbene Filmemacher selbst zu Wort und erzählt ebenso abgeklärt wie gut gelaunt von Werdegang und Motivation, während das 1995 entstandene Künstlerporträt Topors Träume Einblicke in die seltsame Welt des visuellen Masterminds von La Planète sauvage gewährt. Dazu gesellt sich ein hübsch bebildertes Booklet mit einem kundigen Essay von Marcus Stiglegger – und fertig ist ein Schmuckstück, das in keiner Om- und Draag-Bibliothek fehlen sollte.
