Derek Jarman – Eine Austellung

„It has snowed since you were here, and your tracks are covered“

| Martin Frey |

Die Ausstellung „Derek Jarman. Brutal Beauty“  in der Kunsthalle Wien bietet einen vielschichtigen Einblick in das facettenreiche Werk des britischen Künstlers.

Am Ende steht Blue: 74 Minuten tiefblaue, auf die Fläche einer Leinwand projizierte Farbe. Der britische Maler, Filmemacher, Schriftsteller, Aktivist und leidenschaftliche Gärtner Derek Jarman war radikal persönlich, radikal kompromisslos, radikal universell. Blue erschien ihm zu jenem Zeitpunkt als einzige noch mögliche, adäquate Umsetzung, um über sich, sein Leben, sein Sterben zu berichten. 1994 an den Folgen von Aids verstorben, ist er vielen von uns vor allem mit Filmen wie The Tempest, Caravaggio oder Edward II in Erinnerung geblieben, der unmittelbarste Ausdruck seiner Lebenserfahrung war jedoch stets die Malerei. Er betrachtete sie als seine „Lebenslinie“, aber auch als seinen „geheimen Garten“, der ihm immer wieder Zuflucht gewähren sollte. Seine Super-8-Filme, Home Movies und Spielfilme stellten für ihn lediglich eine Erweiterung auf ein anderes Medium dar. Als er sich in den Siebziger Jahren aus den fremdbestimmten Konventionen der Malerei jener Zeit zu befreien versuchte, war die Super-8-Kamera das ideale Mittel dazu: Die Kosten waren gering, sie war leicht zu bedienen und spontan und flexibel einsetzbar. Sie wurde zum Pinsel, das Licht trat an die Stelle der Farbe, und die Leinwand wurde durch das Super-8-Filmmaterial ersetzt. Deutlich wird dies nicht nur in den sich schrittweise verschiebenden oder ineinander übergehenden Bildern seiner Super-8-Filme, sondern auch in der Bildsprache vieler seiner Spielfilme. In Blue, seiner letzten Regiearbeit, findet er schließlich zu jenem vollkommenen Ausdruck des Bildhaften und zugleich Assoziativen, nach welchem er als Maler in vielen seiner Filme gesucht hat: zu einer einzigen Farbe, dem leuchtenden Blau des französischen Malers Yves Klein, auf der weißen Leinwand des Kinos.

Der totale Künstler

Kunst als Leben, Leben als Kunst: Für Jarman war dies eine untrennbare Einheit. Gleichgültig, ob es sich um seine Bilder, Filme oder Texte handelt, die persönliche, oft autobiografische Auseinandersetzung mit seiner Umgebung rückt immer mehr in den Mittelpunkt. Schon seit den frühen Super-8-Filmen verstand er es, eine kreative Umgebung zu schaffen, die eine gemeinsame Arbeit an einem Filmprojekt ermöglichte: „Parties mit Freunden“, wie er gelungene Dreharbeiten zu bezeichnen pflegte. Das Auftreten von Aids, die Diskriminierung Homosexueller während der Ära Thatcher und die eigene HIV-Infektion ließen ihn jedoch nicht zögern, das Persönliche öffentlich zu machen und zu einem kämpferischen Aktivisten gegen die Ungleichbehandlung und Unterdrückung Homosexueller und an Aids erkrankter Menschen zu werden. In den letzten Jahren sind Jarmans Arbeiten etwas in den Hintergrund geraten, es ist ruhig geworden, viel zu ruhig. Oder wie es seine langjährige Schauspielerin und Wegbegleiterin Tilda Swinton in einem 2002 posthum an Jarman verfassten Brief, ihrem Letter to an Angel, ausdrückt: „It has snowed since you were here, and your tracks are covered.“

Vierzehn Jahre nach Jarmans Tod ist es nun Isaac Julien gelungen, diese dünne Schneedecke zum Schmelzen zu bringen und mit der biografischen Filmdokumentation Derek und der von ihm kuratierten Ausstellung Derek Jarman. Brutal Beauty nicht nur die Person in vielschichtigen biografischen
Facetten zum Vorschein zu bringen, sondern auch zum Teil noch nie gezeigte Super-8-Filme, Gemälde und Assemblagen von ihm freizulegen. Der Film Derek ist integraler Bestandteil der Ausstellung, die erstmals ab Februar 2008 in der Serpentine Gallery in London präsentiert wurde. Den narrativen Leitfaden bilden eben jener Letter to an Angel, den Tilda Swinton vorträgt, während sie durch das London der Gegenwart geht, als auch ein vom Filmproduzenten Colin MacCabe 1990 aufgenommenes Gespräch mit Jarman in dessen berühmten Haus Prospect Cottage, in dem der Künstler über zahlreiche Stationen und Details seines Lebens berichtet. Vergangenheit und Gegenwart verbinden sich, collageartig verwoben mit selten gezeigtem Home-Movie-Material von Jarman und seiner Familie, mit Auszügen aus zahlreichen seiner Super-8- und Spielfilmen sowie Medienberichten aus der damaligen Zeit. Isaac Juliens Film ist eine subtile und zugleich auch präzise Annäherung an die Biografie Jarmans und gibt nicht nur Einblicke in dessen Leben und Arbeit, sondern auch in das ihn umgebende England der Sechziger bis Neunziger Jahre. Als Zentrum und Ausgangspunkt der Ausstellung bietet er neuen, auf Jarman neugierigen Betrachtern ein informatives, abgerundetes Bild und seinen Kennern noch zahlreiche bislang unbekannte Bilder und Informationen.

Julien will die Ausstellung weniger als Werkschau denn vielmehr als eine Art Environment verstanden wissen. Jarmans Arbeiten, die in unterschiedlichsten zeitlichen und kontextuellen Rahmen verwurzelt sind, sollen durch bedacht selektive Zusammenstellung auch für eine Generation, die noch nie von ihm gehört hat, aktualisiert und aufbereitet werden. Als Brücke zur Gegenwart bringt Isaac Julien eigene Arbeiten in Form von vier fotografischen Leuchtkästen ein. Diese gewähren in intensiven, lebendigen Farben Einblicke in Jarmans Prospect Cottage in Dungeness und in den Garten, den er in den letzten Jahren seines Lebens inmitten einer Gerölllandschaft angelegt hat. Die Aufnahmen führen den Betrachter von einer Außenansicht des Hauses ins Innere, wo sie ihm – wie Julien es nennt – die „Mise-en-scène“ der von Jarman gefundenen Objekte zeigen.

Weit reichender Einfluss

Von Jarman selbst ist eine Auswahl von zum Teil noch nie gezeigten Bildern aus dem Zeitraum 1986 bis 1993 zu sehen: Zum einen handelt es sich um in Prospect Cottage entstandene Arbeiten der Black&Gold Paintings der späten Achtziger Jahre. Jarman erfährt in dieser Zeit von seiner HIV-Infektion und vermittelt in diesen Combines aus Treibholz, verrottetem Strandgut und dick aufgetragenen schwarzen Farb- und Teerschichten die Transformation von Materie und Material, Verfall und Vergänglichkeit. Ende der Achtziger Jahre werden die Bezüge zu Aids in den Combines und Assemblagen immer konkreter. Sie scheinen die durch Krankheiten hervorgerufenen Verfallszustände, die voranschreitende Zerstörung und zugleich Machtlosigkeit des eigenen Körpers widerzuspiegeln, weisen aber auch immer wieder ironische Brüche auf: in einem eigenen Raum sind drei Assemblagen aus der Serie seiner Bed Paintings ausgestellt, die erstmals 1989 im Rahmen einer Installation in Glasgow gezeigt wurden. Hier treffen in aufgewühlten, mit Teer befleckten Betten Werke von Plato und Christopher Marlowe auf erregende Szenen aus einem schwulen Pornomagazin. Ganz anders dann seine letzten, großformatigen Bilder, wie Dead Angels oder Fuck Me Blind, das im selben Jahr wie Blue entstanden ist. Jarman, der zu diesem Zeitpunkt von seiner Krankheit schon schwer gezeichnet ist, trägt die expressiven, kräftigen Farben unter anderem in Form von Übermalungen mit dem Pinsel oder der Hand auf vielfach kopierte Titelseiten von Boulevardzeitungen und deren menschenverachtende Schlagzeilen zum Thema Aids und Homosexualität auf. Es entstehen Botschaften, die keinen Platz mehr für distanziertes Betrachten lassen wollen.

Von Jarmans filmischem Werk wird sowohl Blue als auch in einem eigenen Raum in Form einer Installation eine Auswahl aus seinen Super-8-Filmen präsentiert. Neben bekannten Filmen wie Studio Bankside, Sloane Square oder T.G.: Psychic Rally in Heaven sind auch kaum gezeigte Filme wie Ashden‘s walk on Møn oder Stolen Apples for Karen Blixen zu sehen. Aus dem Blickwinkel des Malers hat Jarman die unterschiedlichsten Techniken der Aufnahme, Weiter- und Nachbearbeitung erprobt und wollte schließlich in seinem Kino der kleinen Gesten mit Super-8-Filmen in Kinofilmlänge (z.B. In the Shadow of the Sun) den Versuch unternehmen, das Medium Super-8 als ein den „kommerziellen Formaten“ gleichwertiges Medium zu etablieren.

Bereits in den Achtziger Jahren hatten seine Arbeiten beachtlichen Einfluss auf die neue Generation der New Romantics und Künstler wie John Maybury, Michael Kostiff, Cerith Wyn Evans, Richard Heslop oder Steven Chivers. Der Einfluss Jarmans auf diese Gruppe ist aber nicht nur durch seine Arbeiten, sondern auch durch persönliche Freundschaften und einige gemeinsame Projekte erkennbar. Gemeinsam mit Wyn Evans, Maybury und Kostiff wurde so der Kurzfilm The Dream Machine realisiert. Es ist dies ein assoziatives und meditatives Kurzfilmprojekt über Leben und Werk von William S. Burroughs und Brion Gysin, zu dem jeder der Beteiligten einen eigenen kurzen filmischen Beitrag beigesteuert hat. Genau wie Jarman, waren die New- RomanticFilmemacher nicht an filmtheoretischen Konstrukten interessiert, sondern am Filmen per se. Jarmans Arbeitsweise wird auf der Ebene des Improvisatorischen von dieser neuen Generation von Filmemachern aufgegriffen und fortgeführt. Sie ist aber vor allem auch in ästhetischen und thematischen Bezügen inhärent: Assoziative Bildfolgen mit intensiven visuellen Effekten dringen an die Oberfläche, sexuelle Fantasien und homosexuelles Begehren werden zu zentralen Themen und in oftmals ironisch-theatralen Szenarien umgesetzt.

Und heute? Die Zeit der New Romantics ist Geschichte, das New Queer Cinema hat sich in der Theorie verflüchtigt, doch ein Blick auf YouTube – es wäre jetzt wohl das perfekte Medium für Jarman, um sein Kino der kleinen Gesten fortzuschreiben – offenbart in der unendlichen Fülle von filmischem Material doch die eine oder andere jarmanesque Perle: den deutschen Videokünstler Lars Nagler mit A Distant View zum Beispiel, den britischen Filmemacher William Dew mit seinem Kurzfilm Aap, oder den neunzehnjährigen Whammy Alcazaren mit dem wunderschönen, durch Jarmans Glitterbug inspirierten, phi-lippinischen Kurzfilm The Leviathan, um nur drei zu nennen. Anläßlich der Ausstellung Brutal Beauty wurde heuer auch der mit 20.000 Pfund dotierte Jarman Award ins Leben gerufen und erstmals an die britischen Künstler Duncan Campbell, Luke Fowler, Andrew Kötting und Emily Wardill vergeben. Wenngleich auf England beschränkt, will dieser Award Künstler aufspüren und auszeichnen, „die heute das sein könnten, was Jarman zu seiner Zeit war“. Die dünne Schneedecke ist im Schmelzen begriffen. Was sie uns freilegen wird, ist voller Überraschungen …

Martin Frey:
Derek Jarman – Bewegte Bilder eines Malers.
Home Movies, Super-8-Filme und andere kleine Gesten.
Bod – Books on Demand GmbH
Norderstedt 2008.

www.derekjarman-filmbuch.info