Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi und die Diagonale-Leiter Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber im Gespräch über die Rolle des Dokumentarfilms, ihr Verständnis von dessen Bedeutung und über den Umgang mit Dokumentarfilm seitens ihrer Festivals.
Die Viennale hat unter Ihrer Leitung die programmatische Trennung von Fiction und Non-Fiction aufgehoben. Warum halten Sie dies für wichtig, und welche Rolle nimmt Dokumentarfilm in der Planung Ihres Programms ein?
Eva Sangiorgi: Ich halte die Trennung von Fiction und Non-Fiction für nicht mehr relevant, aber ich interessiere mich für Filme, die einen Standpunkt vertreten, eine Perspektive markieren. Unabhängig davon, welcher Mittel sie sich dabei bedienen. Die Intention, diese Kategorien zu überwinden und damit auch die konzeptuelle Trennung innerhalb des Autorenkinos, das sein Publikum im Voraus festlegt. Im Programm der Viennale werden die verschiedenen cineastischen Sprachen des zeitgenössischen Kinos ebenso repräsentiert wie Arbeiten, die sich produktionstechnisch davon unterscheiden. Beidem wird selbstverständlich die gleiche Bedeutung beigemessen, um so eine repräsentative Balance zu schaffen.
Die Diagonale 2020 hätte mit „Der schönste Platz auf Erden“ einen Dokumentarfilm als Eröffnungsfilm präsentiert. Ist es derzeit besonders wichtig, gerade dokumentarische Arbeit dieser offen politischen Art in den Vordergrund zu rücken? Welche Rolle nimmt Dokumentarfilm generell in der Planung Ihres Programms ein?
Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber: Es ist nicht nur derzeit besonders wichtig, den Dokumentarfilm in den Vordergrund zu rücken, sondern generell unausweichlich, dokumentarische Formen als essenziellen Teil der österreichischen Filmkultur zu begreifen und zu positionieren. Was sich gegenwärtig möglicherweise nochmals zugespitzter aufdrängt, ist darüber hinaus die generelle Frage, wie Film Politik verhandelt und macht. Inhaltlich wie auch formal.
Wie gehen Sie mit der formalen Vielfalt um, wie Dokumentarfilm gemacht wird — nüchtern mit Talking Heads, mit Archivmaterial und vielen Texteinblendungen, oder aber experimentell, bewusst mit der Grenze zum Fiktionalen und des Mediums Film arbeitend…?
Höglinger und Schernhuber: Offen gestanden sehr pragmatisch, jedoch alles andere als beliebig. Unser Anliegen ist es, den Dokumentarfilm in all seinen Ausdrucksformen sicht- und erfahrbar zu machen. Dass in Österreich traditionell ein sehr breites Spektrum an dokumentarischen filmischen Ausdrucksformen präsent ist, ist ein Qualitätsmerkmal der hiesigen Produktionslandschaft – und trägt damit auch zur Qualität des Festivals bei. Bei der Diagonale sind die Dokumentarfilme noch immer Aushängeschild und oft erste Wahl bei der Zusammenstellung des persönlichen Festivalstundenplans. Der Reiz dabei liegt insbesondere im selbstverständlichen Nebeneinander von essayistischen, experimentelleren oder auch aktivistisch motivierten oder formal konventionelleren Arbeiten. Diesbezügliche Überraschungen zuzulassen, ist eine Kernaufgabe der Festivalprogrammierung.
Sangiorgi: Ich persönlich interessiere mich nicht besonders für Arbeiten, die für das Fernsehen gemacht sind oder eine allzu klar demonstrative Haltung einnehmen. Alles, was darüber hinausgeht, hat mein Interesse und meine Aufmerksamkeit, die gesamte Bandbreite der verschiedenen Möglichkeiten und Spielarten des Mediums.
Was macht für Sie Dokumentarfilm zu einem essenziellen Instrument künstlerischer Kritik?
Sangiorgi: Ich denke, dadurch, dass der Dokumentarfilm in vielen Fällen eine sehr persönliche Ausdrucksform darstellt, herrscht eine Art Intimität zwischen Autorin oder Autor und ihrem oder seinem Instrument, die ihn zu einer effektiven Ressource für Kritik macht.
Höglinger und Schernhuber: Wie alle Kunstformen eignet sich natürlich auch der Dokumentarfilm, um über unsere Welt nachzudenken, um es verkürzt zu formulieren. Vielleicht hat das Kino sogar einen gewissen Vorteil gegenüber anderen Medien, gegenüber dem echtzeitorientierten Tagesjournalismus, aber auch der Flut an Web-2.0-Postings. Film – insbesondere der Kinofilm – kann es sich erlauben, Phänomenen länger nachzuspüren, seine Themen größer zu fassen, Gedanken reifen zu lassen und schließlich Bilder für komplexe Zusammenhänge zu finden. Ob sich dokumentarische Formen besser eigenen als beispielsweise Spielfilme, möchten wir zumindest in Frage stellen. Vielleicht suggerieren sie das, etwa dann, wenn Dokumentarfilme eine Nähe zum journalistischen Arbeiten aufweisen, für sich selbst den Anspruch erheben, tatsächlich „nur zu dokumentieren“. Genau das ist aber auch zugleich der Punkt, an dem sie zu Propaganda werden können. Als Instrument der Kritik eignet er sich so gesehen zuvorderst dann, wenn er diese Kritik immer auch gegen sich selbst in Stellung bringt. Dass es dafür gerade auch in Österreich hervorragende Beispiele gibt, steht außer Frage.
Dokumentarfilme sind seit jeher auch sehr politische Filme. Wie setzen Sie als Festival österreichische oder westliche Arbeiten mit anderen Perspektiven in Dialog?
Höglinger und Schernhuber: Filmbilder sind stets politische Dokumente, nicht zuletzt jene von denen man das vordergründig am wenigsten vermutet. Das ist eine Binsenweisheit, die zugleich der Einstieg in interessante Auseinandersetzungen sein kann. Der österreichische Dokumentarfilm hat traditionell eine Schlagseite, die sehr stark von politischen Themen angetrieben ist, mitunter explizit politische Agenden verfolgt und oder gar in soziale Diskurse einzugreifen versucht. Die gewählten dokumentarischen Formen sind dabei höchst unterschiedlich – von persönlichen und essayistischen Dokumentarfilmen, über klassischere, von Talking Heads und Protagonistinnen und Protagonisten getragene Arbeiten bis hin zu jenen in Österreich traditionell sehr starken Filmen, die sich für eine strenge Form der Beobachtung entscheiden. In allen Fällen – und gerade, weil in den letzten Jahren die Rede von fluiden, zunehmend aufweichenden und verschwimmenden filmischen Formen sehr präsent war –, erscheint es uns sinnvoll, (Dokumentar-)Filme in ihrer Absicht und jeweiligen Machart zu befragen. Welchen Anspruch verfolgt ein Film? Was ist sein kultureller Hintergrund oder Produktionshintergrund? Bei einem Festival kann es schließlich gelingen, die unterschiedlichen Formen des Dokumentarischen in ein Spannungsverhältnis zu setzen und so den Blick zu schärfen – formen-, länder- und traditionenübergreifend. Wobei es dabei nicht immer nur um Fragen nach der kulturellen Identität eines Films geht. Wir sprechen im Kontext des Diagonale-Programms gerne von mehr oder weniger deutlich sichtbaren – und benannten – roten Fäden, die sich durch das Programm ziehen, verknoten oder auch mal verlieren.
Sangiorgi: Allgemein gesprochen, ziehen mich vor allem Arbeiten an, deren Sprache eine gewisse Universalität und dementsprechend ein erweiterter Nutzen oder Wert zukommt, die aber trotzdem genuinem Interesse an ihrem Gegenstand, dem sie sich annähern sowie der Fähigkeit, diesen zu verstehen, entspringen – sei dieser eine reale oder fiktionale Situation. Auf diese Weise sind die Filme, die ich auswähle, verbunden, stehen in Dialog zueinander oder rufen diese Querverbindungen hervor. Realität und Zeit, in der aktuelle Filmproduktionen stattfinden, sind ohnehin unvermeidlich in einem internationalen Rahmen vernetzt.
