Michael Pilz ist eigenwillig. Ein Grübler, der sich konsequent dem österreichischen Filmsystem verweigert. Kaum mit anderen österreichischen Filmemachern in Kontakt, straft er die Annahme Lügen, dass Filme in einem arbeitsteiligen Prozess entstehen können. Seinen Gewerbeschein als Filmproduzent hat er zwischenzeitlich abgelegt, um mit der industriellen Seite von Film nicht länger in Berührung zu kommen. Dass er ihn Anfang der Neunziger Jahre wieder aktiviert hat, hängt damit zusammen, dass die größeren Filmförderungseinrichtungen, wie das Österreichische Filminstitut oder der Wiener Filmförderungsfonds, Förderungsanträge erst nach Vorlage eines Produzentennachweises annehmen. Um seine Unabhängigkeit trotzdem weitgehend wahren zu können, produziert er bewusst bescheiden – was ihm nicht zuletzt durch technische Innovationen, wie das im Vergleich zu Zelluloid erheblich billigere Video ermöglicht wird. Das folgende Gespräch ist aus vier längeren Interviews montiert, die im Sommer und Herbst 2007 und im März 2008 in Wien stattgefunden haben.
Als Außenseiter hatten Sie bisher ein distanziertes Verhältnis zur österreichischen Öffentlichkeit. Aufmerksamkeit für Ihre Filme haben Sie eher im Ausland gefunden – in Holland, in Belgien, in Frankreich. Nun widmet Ihnen die Diagonale eine Retrospektive. Im November wird Ihr Werk dann im Filmmuseum gewürdigt. Sie werden also wiederholt im Mittelpunkt einer größeren Öffentlichkeit stehen. Freuen Sie sich darüber? Hoffen Sie, dass mehr daraus wird?
Hoffen! Dieses Prinzip hat schon Albert Camus als gefährlich entlarvt und abgelehnt, so im Sinne von „Mit Hoffen kommst du nicht wirklich weit!“ Ich hoffe nicht. Ich bin nicht sicher, was ich von dieser zunehmenden Aufmerksamkeit halten soll. Ich bin gegen größer angelegte Vermittlungsversuche. Mir ist wichtig, dass das Ganze auf einer persönlichen Ebene bleibt. Deswegen bevorzuge ich die Tagebuch-Form. Ich habe immer das Bestreben gehabt, von mir zu erzählen. Ich habe immer zutiefst gefühlt, dass es um mich geht. Dass das Leben etwas sehr Schönes und Wunderbares ist, und davon wollte ich im Grunde immer reden. Es ist schön, sich darüber auszutauschen.
Ihre Filme sind ja sehr speziell. Sie haben nicht die Tendenz, gefangen zu nehmen, sondern lassen den Zuschauern viel Freiheit, sodass in ihnen etwas Eigenes entstehen kann, quasi ein eigener Film.
Ich sehe das Ganze auch ein bisschen wie ein Spiel. Ich biete an, mit mir auf freiwilliger Basis zu spielen, sich auf meinen subjektiven Blick einzulassen. Durch die Wahrnehmung meiner Wirklichkeit der Wirklichkeit des Zuschauers etwas näher zu kommen – und vielleicht auch bewusst und frei zu werden. Die Freiheit ist mehr als die Liebe.
Denken Sie an Ihr Publikum, wenn Sie einen Film machen?
Nein. Das Publikum bin ja ich. In meinem Verständnis von Zusammengehörigsein, Einssein mache ich den Film, und dann ist er für alle. Ich war immer ein Anhänger der philosophischen Überlegungen Lao Tses, dem man Solipsismus – Ichbezogenheit – vorgeworfen hat. Ich bin der Überzeugung, alles, was wir erleben, ist in irgendeiner Form eine Projektion der eigenen Befindlichkeit – sprich: nichts ist wirklich. Natürlich weiß man aus physikalischen Untersuchungen, dass manches manifest ist, aber für mich ist nichts wirklich, alles ist eine Illusion. Daher habe ich eine gewisse Freiheit, Vorstellungen zu haben. Ich kann mir Vorstellungen machen von miserablen Zuständen, ich kann mir Vorstellungen machen von wunderschönen Zuständen. Also wenn ich die Wahl habe …
Das Streben nach Freiheit, Autonomie spielt in Ihrer Arbeit eine starke Rolle. In diesem Zusammenhang ist auch das starke Moment der Verweigerung spürbar – so lassen Sie Ihre Filme z.B. oft stundenlang dauern, wodurch sie für eine klassische Verwertung im Kino ungeeignet werden …
Meine Filme brauchen ihre eigene Schachtel, ihre Form, ihr eigenes Gesicht. Die kann man nicht einfach in ein Regal stellen. Meine Filme erzählen etwas anderes und erzählen das, was sie erzählen, auch anders. Ich war von Anfang an jemand, der sehr stark mit dem Film arbeitet – mit dem Film selbst, ohne ihn als Beschreibungsmittel zu verwenden, ohne ihn zu versklaven. Einen Film nur als Transportmittel für Inhalte zu sehen, hat mich nie interessiert. Ich war immer der Meinung, dass die Form den Inhalt ausmacht.
Dieser Mut zum Anderen – hat er nicht zu einem Gefühl von Fremdsein in der Welt geführt?
Ich habe mich schon in der Kindheit fremd gefühlt. Ich habe die Sprache der Erwachsenen, ihre Probleme nicht verstanden. Ich habe die Welt der Erwachsenen als feindlich empfunden, als ein System, in das ich mich einfügen musste, gegen das ich keinen Widerstand leisten konnte. Das schrecklichste Erlebnis meiner frühen Kindheit war immer das Schweineschlachten kurz nach Weihnachten. Auf mich kleinen Buben wurde da nie Rücksicht genommen. So bin ich immer nichtsahnend in meinem Kinderzimmer aufgewacht und hab das Geschrei des angestochenen Schweins gehört. In dieser Zeit war ich sprachlos. Ohne mich ausdrücken zu können, war ich beschränkt darauf, zu beobachten, wahrzunehmen. Das Glück aber war, dass ich schon sehr früh – mit zehn, elf Jahren – mit Fotografie und mit 8mm-Film in Berührung gekommen bin und erste Experimente machen konnte. Ich habe mir also eine Portion Interesse an mir selber nicht vernichten lassen und ein bisschen Mut behalten, etwas zu riskieren. Nach meinem Umzug nach Wien (Anm.: Michael Pilz stammt aus dem Waldviertel) habe ich die Filme des New American Cinema und der Nouvelle Vague entdeckt, deren Sprache hat mich zutiefst berührt und inspiriert. Mit der konventionellen Sprache hingegen habe ich noch lange Zeit gerungen.
In einem früheren Gespräch haben Sie einmal gemeint: „Aus dem engen Milieu, aus dem ich stamme, schöpfe ich. Das ist mein Misthaufen.“ Sehen Sie das nach wie vor so?
Daraus hatte ich eine Zeit lang geschöpft und daran hatte ich mich auch abgearbeitet, aber ich wurde dadurch auch geläutert. Nicht alles daran war von Übel, manches war sehr förderlich, wie meine Internatszeit im Stift Zwettl, als 10- bis 13-Jähriger. Das war schmerzhaft, aber auch sehr beglückend, wenn ich an die musikalische Ausbildung denke, an die damals gewonnene Nähe zur Gregorianik, zu mittelalterlichem Liedgut und an geistige Fragen. Diese Erfahrungen haben mich geprägt, dort findet sich ein wichtiger Teil des Fundaments meines künstlerischen Werdens. Es hat lange, viele Widersprüche und Umwege gebraucht, ohne die ich Film nicht so begreifen und schaffen könnte, wie es mir heute möglich ist.
