Das Diagonale-Programm im Überblick
In den letzten Jahren hat die Diagonale immer wieder einen Blick auf die österreichische Nachkriegsgeschichte geworfen, mit Programmen wie „Österreich: zum vergessen“ die Waldheim-Jahre thematisiert oder mit der Nöstlinger-Adaption Maikäfer flieg einen Eröffnungsfilm angesetzt, der das Ende des Zweiten Weltkriegs aus kindlicher Sicht zeigt. Auch 2018 setzt man mit filmischer Betrachtung der Zweiten Republik fort: Eröffnet wird heuer mit Christian Froschs Gerichtsfilm Murer – Anatomie eines Prozesses. Regisseur und Drehbuchautor Frosch will Murer dabei dezidiert als politischen Film verstanden wissen: „Mich interessierte beim Murer-Kriegsverbrecherprozess weniger, zum wiederholten Male die Verbrechen des NS-Regimes nachzuerzählen, sondern genau hinzusehen und zu verstehen, wie sich die vom Wesen her grundsätzlich verschiedenen Gruppen (Täter, Opfer und Zusehende) in der Republik Österreich darstell(t)en.“ Einen ausführlichen Text zum Film finden Sie auf Seite xx.
Ebenfalls einen Blick in die Vergangenheit unternimmt der von Österreichischem Filmmuseum, Filmarchiv Austria und ORF-Archiv gestellte Schwerpunkt „Kein schöner Land – Blicke in die Provinz, Blicke aus der Provinz“. In drei Programmen will man Österreich abseits der Bundeshauptstadt Wien betrachten. Programm 1, „Das ist der Zauber der Saison“ (Filmarchiv, Kurator: Florian Widegger) widmet sich eskapistischen Heimat- und Touristenfilmen wie Rendezvous im Salzkammergut (Alfred Stöger, 1948), Im weißen Rössl (Werner Jacobs, 1960), Perfekt in allen Stellungen (Frits Fronz, 1971) oder Wer zuletzt lacht (Harald Reinl, 1971) und lädt zu einer kritischen Re-Lektüre einer zumindest im Kino heilen Welt ein. Programm 2, „Provinz unter Spannung“ (Filmmuseum, Kurator: Alejandro Bachmann) vereint Wiederentdeckungen, selten Aufgeführtes und private Amateurfilmminiaturen. Gezeigt werden Filme wie Fritz Lehners Innerhofer-Verfilmung Schöne Tage (1981) oder Egon Humers Postadresse: 2640 Schlöglmühl (1990). In Programm 3, „Perlen aus dem ORF-Archiv“, das in Zusammenarbeit mit Camillo Foramitti entstand, werden drei Fernsehkunst-Fundstücke der Sendereihen „Impulse“ und „Metternichgasse 12“ gezeigt. Im Mittelpunkt stehen Komponist Werner Pirchner und Avantgardist Dieter Feichtner, die sich stets am Provinziellen rieben. Zu sehen gibt es etwa die Tirol-Satire Der Untergang des Alpenlandes (Werner Pirchner, Christian Berger, 1974).
Weiters gibt es einen Themencluster namens „Outlaws“: Dazu gehört der im Wettbewerb laufende Der Minusmann – Die Doku von Sladjana Krsteska und Alban Bekic, ein Porträt des ehemaligen Zuhälters Heinz Sobota, dem 1978 mit seiner Autobiografie ein skandalumwitterter Bestseller gelungen war. Der Film stellt den im Vorjahr verstorbenen Sobota, dessen Leben von Aggression und manipulativem Talent geprägt war, mehreren seiner Ex-Frauen gegenüber. Ebenfalls in diesem Cluster läuft der Dokumentarfilm I’m a Bad Guy von Susanne Freund, der vom Leben des mittlerweile achtzigjährigen Stein-Ausbrechers und Karlau-Geiselnehmers Adolf Schandl erzählt.
Der Große Schauspielpreis der Diagonale geht diesmal an die 86-jährige Ingrid Burkhard, die mit der Rolle der Toni in der Fernsehserie Ein echter Wiener geht nicht unter Bekanntheit erlangte, am Burgtheater ebenso wie in der Josefstadt auftrat und gegenwärtig in Die Einsiedler im Kino zu sehen ist.
Selbstredend wird es auch, wie jedes Jahr, einen Querschnitt jener Dokumentar- und Spielfilme geben, die im vergangenen Jahr im Kino zu sehen waren.
Und auch abseits von Kinosälen und Branchentreffen finden Veranstaltungen statt: Noch bis 22. April zeigt das Künstlerhaus Graz in Kooperation mit Diagonale und Filmmuseum im Rahmen der Reihe „In Referenz“ die Ausstellung „Was vom Kino übrig blieb“. Hier präsentieren Kunstschaffende Installationen und bildnerische Werke. Zu sehen sind etwa Arbeiten von John Baldessari, Erica Baum oder Joseph Beuys. Ebenfalls unter den Beiträgern vertreten ist der deutsche Filmemacher und langjährige „ray“-Kolumnist Jörg Buttgereit (Nekromantik).
