Michael Pilz

Diagonale

Solitary Man

| Mark Stöhr |

Michael Pilz hat seit Mitte der Sechziger Jahre als Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann, Cutter, Tonmeister und Produzent eine Vielzahl von Dokumentar-, Spiel-, Experimental- und Fernsehfilmen erstellt. Der eingeschworene Einzelgänger hat im Laufe der Jahre dabei zu seiner ganz eigenen, radikal persönlichen Handschrift gefunden und macht seine Filme mittlerweile weitgehend autonom. Die ihm gewidmete Retrospektive ist der Höhepunkt der diesjährigen Diagonale.

Ein Kind hat seinen Koffer gepackt. Es läuft eine menschenleere Straße entlang, frühmorgens in einem italenischen Seebad. Entfernt sich, kommt wieder zurück, bewegt sich ganz unbefangen vor der Kamera. Der Mann hinter der Apparatur scheint gar nicht da zu sein, vielleicht kennen sie sich auch zu gut. Der Mann ist der Vater des Kindes, Michael Pilz. Die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1987. Der österreichische Filmemacher und seine damalige Frau machten mit ihren beiden kleinen Kindern Urlaub an der Adria. Es zieht eine leise Wehmut durch die Bilder. Eine Armee geschlossener Sonnenschirme stemmt sich gegen den Wind, der schon vom Herbst herüber weht. Die Saison ist vorbei. Das Glück der Familie scheint vergangen, noch bevor es wirklich begonnen hat.

Das Kind mit dem Koffer steht am Anfang von Michael Pilz’ jüngstem Film A Prima Vista (2008). Es markiert den Ausgangspunkt einer Reise durch sein privates Filmarchiv, das Material von den Sechziger bis in die Neunziger Jahre hinein umfasst. Ein Sonntag im Wiener Prater 1964 etwa. Die Besucher haben ihre Festtagskleidung angezogen und fliegen durch die Lüfte. Ein Betrunkener schwankt durch die Menge und zieht die halb belustigten, halb empörten Blicke der anderen auf sich. Pilz ist schon damals, am Beginn seiner Karriere, der staunende Beobachter, der dem Impuls seiner Intuition folgt. Doch noch ist sein Blick ambitioniert und gefällt sich in außergewöhnlichen Kadrierungen. Andere Sequenzen zeigen Kameraexperimente im Zuge verschiedener Symposien und Workshops. Die Auf- und Abblendautomatik einer Bolex lässt Gesichter aufflackern und wieder verschwinden und überlässt die filmische Wahrnehmung dem mechanischen Rhythmus des 16mm-Apparats. Insofern ist A Prima Vista nicht nur ein persönliches Skizzenbuch, sondern auch ein eindrückliches Dokument des Ausprobierens und der Selbstfindung Pilz’ als Filmemacher.

Bei der Montage des disparaten Materials ist der 64-Jährige jedoch ganz bei sich. Wie in den meisten seiner fast 60 Arbeiten zuvor verzichtet er auf lineare erzählerische Dramaturgien, springt stattdessen zwischen den Zeiten und setzt die Bilder in einen mehr gefühlten als gedachten Zusammenhang. Der Monteur als Musiker, der bei seinen Kompositionen dem Unbewussten vertraut und dabei doch streng konkret bleibt. Pilz nennt dieses Verfahren „organisches Filmen“: Jede Szene oder Sequenz sucht sich ihren Platz im Arrangement. Das gilt auch für den Prozess des Drehens selbst. Schon Mitte der Sechziger Jahre – damals noch auf 8mm – begann Pilz, seine Filme im Moment der Aufnahme zu schneiden und entwickelte dieses ästhetische und perzeptive Programm über die Jahre immer weiter. Pilz ist da und irgendwie auch weg, ein Spannungsfeld der totalen Hingabe an das Objekt und zugleich der totalen Präsenz. Er hat diesen Vorgang einmal in einem Interview mit dem deutschen Dokumentarfilmer Christoph Hübner schön beschrieben – auf die Frage, wie er, der nie ein Stativ benutze, es schaffe, die Kamera so ruhig zu halten: „Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, man kommt den Dingen so nahe, äußerlich und innerlich, und vollzieht die Bewegung der Objekte nach, und dadurch verwackelt man die Bilder nicht. Das kann so intensiv sein, da denke ich an nichts. Da schaue ich nur oder ich höre nur oder ich bin nur. Und nicht einmal das weiß ich. Da weiß ich gar nichts […] In diese Freiheit zu kommen, ist schön. Nicht mehr denken. Und nicht einmal mehr tun, sondern tun lassen, eben: nicht tun.“

Spätestens seit 1978 hat sich Michael Pilz in seinen Filmen nicht mehr um die Formatvorgaben und Wettbewerbsbedingungen des Marktes gekümmert. Davor arbeitete Pilz vornehmlich für den ORF, kämpfte aber zur gleichen Zeit als Mitbegründer des Syndikats der Filmschaffenden für ein österreichisches Filmförderungsgesetz, das 1980 dann tatsächlich in Kraft trat und zu einem wichtigen Stützpfeiler von Pilz’ eigenen Projekten wurde. Zum Bruch mit dem Fernsehen kam es im Verlauf der Arbeiten zu Franz Grimus (1977), dem Porträt eines Bauern, für das ihm die Redaktion gerade einmal vier Dreh- und vier Schnitt-Tage einräumen wollte – für Pilz ein skandalös geringes Pensum für eine Person, die einer viel längeren Beschäftigung wert gewesen wäre. Seine Antwort folgte 1982: Himmel und Erde, ein fünfstündiges Opus über das Leben eines Bergbauerndorfes in der Steiermark, an dem er fast ein Jahr drehte und zwei weitere Jahre schnitt. Als programmatisches Motto für sein offenes dokumentarisches Konzept, das er hier erstmals in vollem Umfang umsetzte und bis heute konsequent verfolgt, hat er dem Film einen Spruch von Laotse vorangestellt: „Nimm das, was vor dir ist, so, wie es ist, wünsch es nicht anders, sei einfach da.“

Michael Pilz ist seither viel herumgekommen in der Welt, hat Reisen u. a. nach Russland, Indien und Afrika unternommen und sich dabei eine nie versiegende Neugierde und Achtsamkeit bewahrt. In Filmen wie Siberian Diary – Days at  Apanas (1994/2003), Indian Diary (2000) oder Gwenyambira Simon Mashoko (2002) erklärt und katalogisiert er das Vorgefundene nicht im Stile eines Ethnografen, sondern lässt das Fremde fremd sein. Er muss selber erst einmal sehen und hören. Sei es in dem sibirischen Dorf Apanas, wo er das zähe Verstreichen der Zeit, die dampfige Luft in den verrauchten Räumen, das beschwerliche Stapfen durch den meterdicken Schnee zur fast körperlichen filmischen Erfahrung macht. Sei es in der südindischen Kleinstadt Changanacherry, wo er zur Kur war und Schritt für Schritt mit der Kamera die Umgebung erkundete. Es sind wunderbare Wahrnehmungsexpeditionen, zu denen uns Pilz mitnimmt und bei denen er unser eigenes Sehen und Hören vor immer neue Herausforderungen stellt.

Viele seiner Filme sind Works-in-Progress. Bild- und Ton-dokumente, die im Zusammenhang mit eigenen Projekten entstanden sind, tauchen in neuen Arrangements wieder auf. Windows, Dogs and Horses (2005) etwa führt Ereignisse und Begegnungen zwischen 1994 und 2003 und Trouvaillen von Pilz’ Reisen in aller Herren Länder in einem assoziativen Ensemble zusammen, das zurückspiegelt auf die verschiedenen Phasen seiner Arbeit. Wie kaum ein anderer gewährt Pilz dabei Zutritt zu seinem privaten Leben, dem inneren wie dem äußeren. Personen werden zu alten Bekannten wie der Malerfreund Josef Schützenhöfer, der in A Prima Vista einen Kurz-auftritt hat und noch aus The Bridge to Monticello (1999) in guter Erinnerung ist. Als bärbeißiger Räsonneur, der mit der kulturellen Mentalität seiner damaligen Wahlheimat Amerika hadert. Auch hier richtet Pilz wie damals an der Adria seine Kamera minutenlang auf ein Kind, wie es mit großen Augen auf das Objektiv zukriecht. Das Kind und der Filmemacher bestaunen einander gegenseitig. „Misstraue dem, der genau weiß, was er will“, schrieb Pilz jüngst in einem Essay, „denn er will meist das, was er weiß: zu wenig.“