Diagonale 2019

Der Filmemacher als Alchemist

| Günter Pscheider |
Peter Brunners „To the Night“ ist das bildgewaltige Porträt eines Künstlers, der mit den Dämonen seiner Vergangenheit zu kämpfen hat. Der Filmemacher im Gespräch.

Peter Bunner beweist auch mit seinem dritten Langfilm, dass er ein spezielles Talent für Intensität hat. Die Hauptdarsteller seiner bisherigen Arbeiten, Christos Haas und Jana McKinnon, spielen auch in seiner Ode an die Nacht eine gewichtige Rolle, aber im Mittelpunkt steht ganz eindeutig Caleb Landry Jones (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri; Get Out), der als Installationskünstler zwischen Schatten und Licht eine beeindruckende Performance abliefert. Norman leidet auch als Erwachsener noch an den Folgen einer posttraumatischen Störung, die er erlitt, als er als Kind mitansehen musste, wie seine Eltern in einem Feuer verbrannten. Doch er hat keine Erinnerung daran und versucht verzweifelt, die Bilder des Feuers und das Gefühl, selber gleich sterben zu müssen, zu rekonstruieren, um zu so etwas wie Heilung zu gelangen. Die Sehnsucht nach der Familie, die er nie hatte, scheint sich mit seiner Freundin und seinem kleinen Sohn zu erfüllen, doch Norman, der ständig zwischen Zärtlichkeit und Wut schwankt, gefährdet mit seiner autodestruktiven Suche nach Erlösung die zwischenzeitliche Idylle.

To the Night ist ein klassischer Reisefilm, nur dass der Trip nicht in ferne Länder geht (auch wenn die ausgesucht schick-shabby Brooklyn-Locations eine große Rolle spielen), sondern ins Innere des vielschichtigen und widersprüchlichen Protagonisten. Einer stringenten Handlung gilt nicht das Hauptinteresse des Regisseurs, es sind mehr die Zustände des Protagonisten, die in einer expressiven Bildsprache, die sehr gut die Balance zwischen naturalistischen und phantastischen Elementen hält, eingefangen werden. Neben den Bildern der Nacht, des Feuers und vor allem der Gesichter der vier ausdrucksstarken Hauptfiguren bleibt vor allem die Leidenschaft, mit der der kommende Superstar Caleb Landry Jones dieser gequälten Seele einen Körper gibt, im Gedächtnis.

 

Im Interview spricht Peter Brunner über die Alchemie des Filmemachens und die Suche nach Liebe in sich und anderen.

 

Nachdem Ihre Filme nicht sehr handlungsorientiert sind, wie darf man sich das Drehbuch dazu vorstellen?

Im Fall von Mein blindes Herz und To the Night gab es klassische Stationendramen als Drehbuch-Grundlagen mit Dialog, Anfang, Midpoint, Ende und Save the Cat … Im Prinzip hat sich die „Handlung“ einerseits durch produktionstechnische Umstände, andererseits durch das Eigenleben der Figuren verändert und zu etwas Eigenem entwickelt, das ihrer Innenwelt entspricht. Es handelt sich bei diesen Filmen um introspektive Charakterstudien deren Puls etwas anderes wollte, zum Beispiel den Moment und die Widersprüchlickeit der Entscheidung der Figuren vor die Konstruktion und die Handlung zu stellen. Die Basis für Jeder der fällt hat Flügel war von Anfang an experimenteller; ein Stationen-Skelett. Es war der Versuch von einer zu „literarischen Basis“ wegzukommen und die abstrakten Ideen für einen Film anders zu erarbeiten.

 

Warum spielen die Themen Schuld, die Suche nach sich selbst oder der Umgang mit dem Tod in Ihrem Werk eine so große Rolle?

Weil all diese Themen existenzelle Fragen nach sich ziehen, die sich natürlich ergeben, wenn man nach Autonomie, Freiheit und einer Liebe in sich selbst und in dem Anderen sucht. Natürlich kommt man der Geschichte und dem Körper nicht aus. In beides ist man hineingeboren, und das bringt eine Verantwortung mit sich, der jeder Mensch auf seine eigene Weise begegnet. Bei der Recherche zu meinem neuen Film habe ich von einer Sozialarbeiterin von folgendem Fall gehört: Eine Frau wollte ein „Kind mit Handikap“ in der 38. Woche töten lassen (das ist mit dem JA einer Ethik-Kommission erlaubt). Die vorliegende Diagnose über den Zustand des Kindes im Mutterleib hat die Ethik-Kommission dazu veranlasst, die Tötung des Kindes NICHT zu befürworten. Die Diagnose stellte sich als falsch heraus. Das Kind kam mit einem lebenseinschränkenderem Handikap auf die Welt, als die Ärzte annahmen. Die Mutter hat das Kind weggegeben. Jetzt, so die Sozialarbeiterin, lebt es mit neun Jahren lebensfroh und neugierig bei einer Adoptivfamilie. Dieser Fall ist eine reale Basis, der Ideen für einen Film aufwirft, der mich interessieren würde.

 

Auch das Verhältnis Körper, Geist, Seele steht immer sehr im Mittelpunkt, aber man hat nicht das Gefühl, dass Ihr Zugang ein psychologischer ist, eher ein spiritueller?

Spiritueller … Worte sind schwierig. Ich liebe den Ansatz von John Cage, den die Einstürzenden Neubauten und andere Experimentalmusikerinnen und -musiker übernommen haben, ein professioneller Dilettant zu sein. Also alle Instrumente zu spielen, als wären sie das eine, eigene Instrument. Neue Klänge und Töne zu erzeugen, um der Klänge und des Neuen wegens, nicht wegen der Ästhetik, nicht um die Reproduktion einer Idee in klassischer Technik und Meisterschaft erlebbar zu machen. Vielleicht ist das auch ein Zeichen der Zeit, dass meine Generation die erste war, die dank neuer technologischer Möglichkeiten mit der Kamera schreiben lernen durfte. Der Prozess ist mir sehr wichtig. Immer mehr und mehr. Das Produkt wirkt dagegen oft beschränkt und beschnitten – auch wenn es das bestmögliche Destillat sein sollte. Filme machen hat etwas von Alchemie. Es gibt die Architekten und die Gärtner. Ich bin vielleicht ein Gärtnitekt.

 

Kann man so ein starkes Trauma wie das von Norman je überwinden? Ist die Kunst ein Heilmittel, oder wird dadurch, auch durch Kreativität allgemein, nicht vielleicht nicht immer wieder die Wunde geöffnet? Anders gefragt: Ist verdrängen manchmal eine Option, oder macht es alles nur noch schlimmer?

Das ist eine schwierige Frage! Ich glaube, dass jeder seine eigenen Erfahrungen machen muss, die kann man nicht weitergeben, auch wenn man will. Wenn die intelligenten Algorithmen uns alle Entscheidungen abnehmen werden, weil sie alles über uns besser wissen als wir selbst, brauchen wir dann noch Deutschland im Jahr Null von Rossellini oder „Drei Studien zu Figuren am Fuße einer Kreuzigung“ von Bacon oder die Werke und Briefe von Ingeborg Bachmann? Heilung ist auch so ein Wort, weil wo kommt man danach an – bei einem Normalzustand? In den fünfziger Jahren galt tatsächlich Lobotomie als eine Lösung für Probleme dieser Art.

 

Auffällig sind die grandiosen Leistungen der Schauspieler. Wie ist Ihr Zugang zum Casting? Sehen Sie etwas in ihnen, sodass sie weniger spielen, sondern mehr sind?

Casting ist extrem schwierig und für jede Rolle unterschiedlich. Ich verbringe gerade in der vierten Runde des Castings für meinen neuen Film den Alltag mit den drei letzten Laiendarstellerinnen, die eine wichtige Rolle spielen werden. Es ist mir wichtig zu sehen, wie sie in ihrem privaten Umfeld sind, was sie in der Arbeitspause machen, worüber sie lachen, wann sie wegsehen, etc. Was die Darstellerinnen vor der Kamera machen, hat viel damit zu tun, dass es keine Trennlinie zwischen vor und hinter der Kamera geben sollte, finde ich.