Die Tragikomödie „Un Poeta“ zeigt ein Kolumbien ohne Narco-Terror und politische Gewalt.
Bei dem Dichter Óscar Restrepo reimt sich das Wort Poesie vor allem auf Peinlichkeiten. Vor vielen Jahren galt er einmal als großes Talent, zwei Bände sind damals erschienen, er war auf dem Weg zu Ruhm und Ehre. Doch seither ist nicht mehr viel passiert. Er lebt immer noch bei seiner Mutter, fährt mit ihrem Auto durch die Gegend, und verbreitet vor allem Pathos: Das Leben eines Dichters muss nun einmal von Melancholie gezeichnet sein, meint er. Aber muss er deswegen so gebückt herumlaufen wie Óscar, mit schiefer Brille, die Unterlippe immer leicht vorgeschoben, was ihn nicht unbedingt intelligenter aussehen lässt? Der Held des kolumbianischen Films Un Poeta von Simón Mesa Soto ist ein Dichter von der traurigen Gestalt. Er ist eine komische Figur, bei der einem das Lachen aber im Hals stecken bleibt. Denn eigentlich müsste man vor allem Mitleid haben mit Óscar, wenn er einem nicht einfach auf die Nerven geht, und man sich abwendet.
Die Familie ist sein letzter Halt, und so drängt ihn seine Schwester Yolanda, eine Stelle als Lehrer anzunehmen. Die jungen Leute finden ihn zwar auch lächerlich, wie er bombastisch seine Ideale vor ihnen geltend zu machen versucht. Aber ganz auf leeren Boden fällt sein Enthusiasmus nicht. Ein Mädchen in der Klasse lässt Óscar in ihr Heft schauen. Es ist gefüllt mit Zeichnungen, Texten und Gedichten. Yurlady könnte ein Talent sein. Und zwar eines aus einer Welt, in der Kultur keine Rolle spielt. Sie lebt mit einer vielköpfigen Familie in einer sehr kleinen Wohnung am Ende einer steilen Straße, ihren Vater kennt sie nicht, die Mutter ist nur sonntags da, weil sie während der Woche als Bedienstete bei einer Familie arbeitet. Yurlady teilt sich den Raum, das Essen, die Süßgetränke mit Schwestern, die schon Kinder haben, einer Tante, und zwei männlichen Verwandten, die es sich eher bequem machen.
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Simón Mesa Soto gibt seinem Film mit dem Porträt dieser Familie Guerrero durchaus Aspekte einer Sozialsatire. Óscar ist keineswegs der einzige, über den er sich lustig macht. Allerdings geht es wie in allen guten Komödien darum, eine peinliche Figur nach Möglichkeit zu erlösen. Mit Yurlady öffnet sich für Óscar etwas, er verlässt seine gewohnten (kurzen) Wege, die oft damit enden, dass er am Ende eines Abends, den er oft in einer Schule für Dichtung verbringt, sturzbetrunken einfach auf der Straße einschläft, wo ihn die Kamera am nächsten Morgen mit einem hektischen Zoom entdeckt. Óscar erkennt in Yurlady etwas, was ihn vielleicht seiner eigenen Tochter wieder näherbringen könnte. Daniela, die gerade vor großen Prüfungen in der Schule steht, lebt bei der Mutter und will von ihrem Vater möglichst wenig wissen. Wenn er beteuert, dass er ihr unbedingt das Studium finanzieren will, hört Daniela nur leere Versprechungen.
Ob Menschen ihr Leben wirklich ändern können, wie es so viele Selbsthilfe-Bücher, Therapiegruppen und Religionen empfehlen, darüber wird in den Sozialwissenschaften heftig diskutiert. Fest steht, dass das Gehirn eher daran arbeitet, alten Gewohnheiten zu ihrem Recht zu verhelfen. Die Menschen sind für große Reformen eigentlich nicht gemacht. Und wenn es dann doch kleine Schritte zum Positiven gibt, sind diese oft davon abhängig, dass jemand eine günstige Gelegenheit überhaupt erkennt. Im Fall von Óscar Restrepo ist Yurlady eine solche Gelegenheit. Die merkwürdige Beziehung zwischen dem älteren Dichter und der Schülerin wird von Simón Mesa Soto in ein figurenreiches soziales Feld eingebettet: Da ist Óscar mit seiner Familie, dann auf der anderen Seite die Guerreros, und dazwischen noch eine Schule für Dichtung, in der vor allem Efraín Mendoza das große Wort führt, ein eitler, aber eben erfolgreicher Poet, der all das verkörpert, was Óscar durch Ungeschick und Selbstmissverständnisse verfehlt. Eine niederländische Gönnerin, die Geld für einen Preis auslobt, ist unter den vielen Figuren vielleicht die heftigste Karikatur, eine typische Gutmenschin, für deren Betroffenheitsgeschmack dann auch die Gedichte passend gemacht werden. Mendoza ist sich nicht zu blöd, um Yurlady mit dem Zaunpfahl in die Richtung einer stärker „themenorientierten“ Poesie zu lenken. Er will einfach sozialen Kitsch.
Dass Yurlady diese Aufgabe erfüllt, und zugleich ihre Autonomie dabei bewahrt, ist eine Schlüsselszene für einen Film, der mit vielen Klischees spielt, und dabei doch immer Wert darauf legt, dass in den oft furios schnellen Dialogen, in den vielen Wendungen des Dramas, auch in einer oft dem hektischen Gewackel von Reality TV nachempfundenen Ästhetik die Würde der literarischen Berufung nicht verletzt wird. Denn um diesen Kern des Authentischen geht es in Un Poeta: Was bei Óscar nach vielen Enttäuschungen schon fast hoffnungslos verschüttet ist, kommt doch noch einmal zum Vorschein. Und Yurlady, die inmitten ihres Umfelds eine große Autonomie ausstrahlt, ist viel zu realistisch, um sich von hochfliegenden Träumen beirren zu lassen.
Die Besetzung macht bei Un Poeta einen entscheidenden Aspekt aus: Denn der gesamte Cast ist brillant gewählt, zuvorderst natürlich Ubeimar Rios, der für diese Rolle entdeckt wurde, und sie sich auf unvergessliche Weise zu eigen macht. Er spielt ein altes Kind, und wenn Óscar an einer Stelle als „wandelndes Problem“ bezeichnet wird, so hat das auch etwas mit der spukhaften Intensität zu tun, mit der Rios ihn ausstattet. Rebeca Andrade könnte nach Yurlady eine große Zukunft haben. Der dritte starke Pol ist Allison Correa, die Óscars Tochter Daniela spielt, und dabei die vielleicht anspruchsvollste Aufgabe hat, denn das Innenleben dieser Figur muss man sich als äußerst kompliziert vorstellen – Correa aber lässt davon nur ein Minimum sichtbar werden, und so wird sie zu einer echten Herausforderung für Óscar, der wohl alles dafür geben würde, diese unterkühlte Nichterwartung aus Danielas Gesicht zu vertreiben.
Das kolumbianische Kino wird meist stark mit Themen wie Drogenhandel, politischer Gewalt und sozialen Konflikten assoziiert. Auch vor diesem Hintergrund ist Un Poeta eine Bereicherung, und gibt neue Perspektiven: Denn Óscar ist zwar ein Sorgenkind, kommt aber offensichtlich aus einer vergleichsweise bürgerlichen Welt in der Großstadt Medellín. Simón Mesa Soto lässt, bei aller ironischen Zuspitzung, eine literarische Öffentlichkeit sichtbar werden, die zwar durch das kommerzielle Fernsehen unter Druck steht (Plattform-Netzwerke scheinen hingegen kaum eine Rolle zu spielen), aber durchaus Autonomie beanspruchen kann. Dass die dramatische Lösung eines Konflikts, der sich schließlich bis zu einem Missbrauchsverdacht steigert, von einem Austausch zwischen Daniela und Yurlady abhängt, kann man durchaus programmatisch nehmen. Die Bildungswege der beiden Mädchen haben sich einmal buchstäblich gekreuzt, und als Ergebnis kann Simón Mesa Soto der Kunst ihren Platz zuweisen: Sie kann tatsächlich lebensrettend sein. Nichts anderes hatte Óscar, zu allgemeiner peinlicher Berührtheit, die ganze Zeit behauptet.
