David Copperfield

David Copperfield

Dickens, verzaubert

| Pamela Jahn |
Der schottische Regisseur Armando Iannucci ist gewiss nicht der erste, der sich an Charles Dickens’ Meisterwerk „David Copperfield“ wagt, aber seine leuchtende, lebhafte Verfilmung ist die bisher mit Abstand bezauberndste.

„A Christmas Carol“, „Great Expectations“, „Oliver Twist“ – Charles Dickens macht sich nicht gerade rar im Kino. Und auch sein ihm persönlich liebster Roman „David Copperfield“ aus dem Jahre 1850 wurde seit den Anfängen des Films bereits mehrfach für die Leinwand adaptiert. Der Schotte Armando Iannucci jedoch ist der Erste, der in der abenteuerlichen und bisweilen recht düsteren Geschichte um den als Kind entwurzelten und über viele Wendungen zum Schriftsteller avancierenden Gutmenschen nicht nur die darin vorkommenden dramatischen, tragischen und romantischen Züge sieht, sondern vor allem das Absurde und Komödienhafte der Figuren an sich wie im Umgang miteinander in den Vordergrund zu rücken versteht. Es sei sein Anliegen gewesen, sagt der Regisseur selbst, „einen Film zu schaffen, der positiv stimmt, Freude macht und der zeigt, dass man auf der Insel trotz aller politischen – und neuerdings pandemischen – Ereignisse trotzdem mit voller Kraft aus dem Kreativen schöpfen kann.“ Für Iannucci selbst bedeutet dieses Herzensprojekt zudem einen temporären Perspektivwechsel weg von der Polit-Satire und hin zum großen, sozial verwurzelten Kinder- und Jugendroman, dem er jedoch mit derselben Präzision und Sorgfalt gegenübertritt, wie man es aus seinen ersten beiden Filmen In the Loop und The Death of Stalin gewohnt ist. Iannucci, im Gespräch so gewitzt und eloquent wie seine Figuren auf der Leinwand, ist ein Mann fürs Detail und für die Pointe, und an beidem mangelt es The Personal History of David Copperfield keineswegs.

Tatsächlich ist vielleicht gerade diese von den bisher insgesamt vierzehn Adaptionen des Romans für Film und Fernsehen die am ausdrücklichsten fürs Kino geeignete. Zwar waren auch George Cukors immerhin für drei Oscars nominierte Version von 1935 sowie Delbert Manns Spielfilm aus dem Jahre 1969 mit Richard Attenborough und Laurence Olivier in den Nebenrollen durchaus sehenswert, doch weiß Iannucci am ehesten den eigentlichen Zauber der etliche Haken schlagenden Erzählung eines fiktiven Autorenschicksals im Großformat herauszuarbeiten. Dafür hat der Regisseur gemeinsam mit Drehbuchautor Simon Blackwell in erster Linie den Tonfall des Originals extrem aufgehellt, ohne jedoch die im Buch zum Teil explizit geschilderten Szenen von Kindesmissbrauch sowie die damit einhergehenden Ängste des jungen David gänzlich unter den Tisch zu kehren. Und auch sonst blieb man der literarischen Vorlage, so gut es ging, treu, obgleich einige Abschnitte zugunsten der Plotstringenz stark gekürzt oder bisweilen ganz weggelassen wurden. Das schwierigste narrative Problem, nämlich die aus eigener Feder berichtende Hauptfigur im Wirrwarr der zahlreich auftretenden Personen nicht untergehen zu lassen, löst der Film gekonnt, indem er seine Handlung eingangs als von Copperfield selbst vorgetragene Bühnen-Lesung inszeniert, deren Inhalt sich alsbald in einer imaginären zweiten Realität auf der Leinwand präsentiert.

Die Entwicklung des Waisenjungen David zwischen geraubter Kindheit und Literaturkarriere ist dann zunächst einmal ein Fest der britischen Schauspielkunst – angeführt von Dev Patel, der sich mit seiner authentisch beschwingten, lebensbejahenden, aber in den richtigen Momenten ebenso glaubhaft ernsten und nachdenklichen Darstellung einmal mehr als einer der talentiertesten und zugleich sympathischsten Schauspieler seiner Generation erweist. Mit seiner charmant-englischen Art läuft er schließlich sogar Daniel Radcliffe den Rang ab, der den jungen Copperfield in der von Adrian Hodges adaptierten BBC-Verfilmung von 1999 im zarten Alter von neun Jahren an der Seite von Maggie Smith und Bob Hoskins eindrucksvoll mimte. Vor allem aber gelingt es Patel, in dem regelrechten Zirkus voller schräger Charaktere um ihn herum die Überhand nicht zu verlieren, selbst wenn Tilda Swinton als Betsey Trotwood (Davids Großtante väterlicherseits) in ihrer gesamten schauspielerischen Brillanz und Wandlungsfähigkeit ungeniert alles daransetzt, das komplette Ensemble an die Wand zu spielen. Darüber hinaus überbietet sich auch Ben Whishaw als intriganter Uriah Heep, während der Doctor-Who-Star Peter Capaldi als gutherziger Gentleman Mr Micawber vielleicht am wenigsten zum Gelingen dieser risikofreudigen Darstellerkonstellation beiträgt, was daran liegen mag, dass W. C. Fields, der die Rolle in Cukors Adaption verkörpert hatte, einen extrem langen Schatten geworfen hat. Dafür darf Hugh Laurie wiederum einen herrlich überfliegenden Mr. Dick zum Besten geben, was ihm hoffentlich demnächst auch international zu mehr Aufmerksamkeit verhilft. Wie der junge Copperfield selbst bringt auch der wunderliche Untermieter der Tante seine oftmals den Kopf belastenden Gedanken gerne zu Papier, was sie am Ende nur noch schwerer macht, bis er sie auf Davids Anregung hin an einem Drachen angeheftet fliegen lässt, um sich auf diese Weise wieder Luft im Gehirn zu schaffen.

Die ebenso schillernde wie abenteuerliche bildliche Umsetzung des durchaus autobiografisch zu verstehenden Dickens-Romans mag im Vergleich dazu auf den ersten Blick weniger originell erscheinen, erst recht, wenn man sich beispielsweise Michael Winterbottoms „Tristram Shandy“-Verfilmung A Cock & Bull Story vor Augen führt, in der Iannuccis britischer Kollege ähnlich innovativ und kreativ an die Adaption einer großen Lebenserzählung herangeht. Aber auch visuell versteht der Schotte in den richtigen Momenten zu Punkten: Mit etlichen surreal anmutenden Szenen in bester Terry-Gilliam-Manier, wie etwa zu Besuch im umgedrehten Boot-Haus der Familie seiner geliebten Haushälterin Peggotty (Daisy May Cooper) in Yarmouth, wo der junge David einen kurzen, aber magischen Glücksmoment erlebt, bevor er in die Wirklichkeit zurückkehrt, die ihn später zum Schreiben inspirieren wird: eine Kindheit, in der Liebe und Schmerz stets eng beieinander liegen.

Trotz des spielerischen und verspielten Ansatzes von Iannuccis Interpretation sollte man vorsichtig sein, in The Personal History of David Copperfield einen allzu großen Wendepunkt im Schaffen des Regisseurs zu sehen. Ein Kostümdrama mag sein Film sein, aber ganz sicher kein eingestaubtes. Mit Fernsehserien wie I’m Alan Partridge hat der in Glasgow geborene
Iannucci zudem längst bewiesen, dass sich sein mitunter pechschwarzer Humor nicht zwangsweise nur auf politischem Boden nährt. Sein David Copperfield ist eine aktuelle, respekt- und liebevoll illustrierte Hommage an den großen Schriftsteller Charles Dickens, inszeniert als Menagerie skurriler Figuren, die die fiktive Romanwelt auf der Leinwand bisweilen als groteskes Panoptikum menschlicher Unzulänglichkeit und Niedertracht erscheinen lassen.

Wie von einem Satiriker zu erwarten, konzentriert er sich vordergründig auf das Absurde in der Lektüre, jedoch weder auf Kosten der Figuren noch ohne eine gewisse Wut im Bauch auf diejenigen, die David im Laufe des Erwachsenwerdens immer wieder das Leben zur Hölle machen. Und vielleicht lässt sich Dickens genau so, wie Iannucci ihn sieht, sogar am besten lesen: Als einer der feinsten und feinsinnigsten Komödianten, den die britische Literatur jemals hervorgebracht hat.