Jennifer Hudson ist im Film „Respect“ Aretha Franklin und singt mit einer Kraft und Wärme, die eine Gänsehaut hinterlässt. Im Interview spricht sie über die „Queen of Soul“, Glauben und Gospel und die heilende Kraft der Musik in jeder Lebenslage.
Aretha Franklin hatte die Zügel immer gerne selbst in der Hand, bis zum Schluss. Deshalb war sie es auch, die bestimmte, wer in dem bereits lange vor ihrem Tod geplanten Biopic über ihre Person einmal die Hauptrolle übernehmen sollte. Die Wahl fiel auf Jennifer Hudson, die es einst vom siebten Platz in der US-Talenteshow American Idol mit einem einzige Film, dem Hollywood-Musical Dreamgirls, zur Oscar-Preisträgerin schaffte. Dennoch verzichtete die 1981 in Chicago geborene Sängerin im Anschluss an ihr famoses Leinwanddebüt zunächst auf die große Filmkarriere und konzentrierte sich lieber weiterhin auf die Musik. Zwar stand sie in den letzten Jahren hie und da vor der Kamera oder auf der Bühne. Aber es scheint ganz so, als hätte sie auf ihren zweiten, ihren ganz großen Auftritt im Kino geduldig gewartet – und jetzt ist der Moment gekommen.
Liesl Tommys Respect ist ganz und gar Hudsons Film. Es ist ein Biopic im klassischen Sinn, mit allen Klischees und Konflikten, die eine ehrfürchtige Hollywood-Version von Franklins bemerkenswertem und zugleich kräftezehrendem Leben auf und hinter der Showbühne erlaubt: Von ihrer Kindheit in einem streng gläubigen Haus und unter der Aufsicht ihres einflussreichen Prediger-Vaters C. L. Franklin (Forest Whitaker) über ihre Anfänge als Sängerin, die privaten Turbulenzen, ihre Bürgerrechts-Bemühungen (sie war eine Freundin und Anhängerin von Dr. Martin Luther King) bis hin zu den Hit-Alben in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren und einem Vermächtnis, das bis heute unantastbar ist. Hudson spielt die „Queen of Soul“ mit der nötigen Energie und Stimmkraft, und es sind vor allem ihre Gesangseinlagen, die den Film erhobenen Hauptes über die Zielgerade tragen. Nicht viele Künstlerinnen würden sich eine derartige Herausforderung überhaupt zutrauen. Dass Hudson die Rolle nicht nur ausfüllt, sondern vor allem musikalisch einwandfrei meistert, zeugt von ihrem unerschrockenen Talent und beweist, dass Franklin auch beim Casting für ihr eigenes Ich den richtigen Instinkt hatte.
Miss Hudson, Sie kannten Aretha Franklin persönlich. Sie wurden sogar von ihr speziell für die Rolle ausgesucht. Mit welchen Gefühlen sind Sie in die Dreharbeiten gegangen?
Jennifer Hudson: Von allem etwas. Die Tatsache, dass sie mich auserwählt hatte, machte die Sache nicht einfacher. Der Druck war enorm. Gleichzeitig war ich gespannt, begeistert, aufgeregt. Ich wollte die Rolle unbedingt gut spielen. Es war ein endlose Achterbahnfahrt an Gefühlen. Für mich ist der Film ein absolutes Herzensprojekt. Ich gebe in jeder Rolle, die ich spiele, alles. Aber dieser Film ist etwas ganz Besonderes für mich, etwas Persönliches. Aretha Franklin spielen zu dürfen war überwältigend, ein enormer Kraftakt und ein Segen zugleich.
Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie von ihr gefragt wurden, sie im Film zu verkörpern?
Ja, ich werde es nie vergessen. Jeder Augenblick in ihrer Gegenwart war stets ein Ereignis. Ich stand gerade in dem Musical „The Color Purple“ am Broadway auf der Bühne. Wir hatten uns schon Jahre zuvor einmal getroffen, aber nun war der Moment gekommen, wo sie mich anrief und sagte, sie hätte ihre finale Entscheidung getroffen und dass ich sie in ihrem Biopic verkörpern solle. Dann fügte sie hinzu: „Du darfst es niemandem sagen, auf gar keinen Fall.“ Am nächsten Tag ging sie selbst damit an die Presse. Aber sie erwähnte meinen Namen nicht, erklärte nur, dass sie ihre Entscheidung getroffen hätte und die junge Dame Bescheid wüsste. Aber damit war es quasi offiziell. Es war ein langer Prozess für sie. Wir haben uns zum ersten Mal 2007 getroffen, zum Frühstück im Ritz Carlton in New York, und heute weiß ich, dass sie bereits damals auf der Suche war und ich eine ihrer Kandidatinnen.
Hat sie Ihnen vor ihrem Tod irgendwelche Ratschläge oder Richtlinien gegeben, wie Sie an ihre Figur herangehen sollten?
Das einzige, woran ich mich erinnere, ist, dass sich mich fragte, wie ich sie spielen würde. Ich erwiderte: „Wie möchten Sie denn, dass ich Sie darstelle?“ Ich sagte, ich würde sie spielen, so wie sie sich es vorstellte, aber dass ich es für entscheidend hielte, an ihrem Glauben festzuhalten. Ein Glaube, der für mich ebenso wesentlich ist. Ich wollte sie auf keinen Fall imitieren, sondern die Einflüsse wirken lassen, die sie einerseits konkret mit ihrer Persönlichkeit auf mich ausübte. Aber andererseits auch die Einflüsse durch die Musik und ihr großes Vermächtnis insgesamt. Ich wusste, wie wichtig es ihr war, dass ihr Vermächtnis stets präsent ist, spürbar ist, einfach so, ohne große Worte.
Welcher Song hat Sie emotional am meisten berührt oder musikalisch am ehesten herausgefordert?
Jeder einzelne Song war eine Herausforderung für sich. Als Musikerin bin ich eigentlich der festen Überzeugung, dass man die Klassiker am besten sich selbst überlässt. Denn was soll ich schon dazu beitragen können, einen perfekten Song noch großartiger zu machen? Also musste ich mir überlegen, wie ich am besten an die Sache herangehen würde. „Respect“ war wahrscheinlich der Song, vor dem ich die größte Ehrfurcht hatte. Und „Amazing Grace“ und „Precious Lord“ sind zwar beides Songs, die ich aus meiner Kindheit in der Kirche kannte. Aber im Film stehen sie in einem völlig anderen Zusammenhang. Hier singt sie bei der Gedenkfeier für Dr. Martin Luther King. Diese Unterscheidung ist für die Interpretation wichtig. Aber selbst, wenn man sich dessen bewusst ist, bleibt es schwer genug.
Haben Sie vor der Kamera alles live gesungen?
Ich wollte die Musik erleben, genauso wie sie den jeweiligen Moment in ihrem Leben erlebt hat, sei es auf der Bühne, im Studio oder zu Hause am Klavier. Das heißt, alle Szenen, in denen sie live singt, habe auch ich live gesungen. Schwieriger war es bei „Ain’t No Way“. Im Film lernt sie den Song, also habe ich ihn in der Szene sozusagen mit ihr gelernt. Natürlich kenne ich das Lied, aber um die Geschichte wahrheitsgetreu zu erzählen, habe ich versucht, meine Erinnerung daran auszuschalten und völlig unvoreingenommen Stück für Stück mit ihr und dem Song mitzugehen.
Der Film zeigt Aretha Franklin über ihre Künstlerpersönlichkeit hinaus als Frau, als Mutter, als Tochter, als Aktivistin – als Mensch. Gibt es etwas, das Sie im Laufe der Zeit, in der sie sich mit ihrem Leben beschäftigten, von ihr gelernt haben?
Unendlich viele Dinge. Wie Sie bereits gesagt haben, sie war Mutter, Tochter, Ehefrau, Künstlerin, Aktivistin, sie war ein Star. Sie hat ihre Stimme in der Presse erhoben, hat für ihre eigene Sache gekämpft und für ihre Kinder. Es ist nicht einfach, das alles unter einen Hut zu bekommen. Aber es ist möglich, und sie hat es uns gezeigt. Ich hatte schon immer großen Respekt für Aretha, die Künstlerin, aber nach dem Film sind meine Bewunderung und Hochachtung für den Menschen Aretha Franklin ins Unermessliche gewachsen.
Sie haben es bereits angesprochen, ein wesentlicher Teil von Aretha Franklins Leben war ihr Glaube. Bei Ihnen ist es ähnlich. War das ein wichtiger Bezugspunkt für Sie, um sich der Figur über die Musik hinaus annähern zu können?
Ja, ich bin ebenfalls mit einem tiefen Glauben aufgewachsen. Er steckt fest in mir drin. Und Ms. Franklin und ich, wir waren stets über diesen Glauben verbunden, mindestens genauso stark wie über die Musik. Ich denke, ihr Glaube ist eines der kraftvollsten Elemente der Geschichte überhaupt. Deshalb war es für mich auch so wichtig, dass die Gospel-Elemente in jeder Phase des Films enthalten sind. Die Jazz-Standards kamen später dazu, aber ihr Fundament, das waren ihr Glaube und der Gospel-Gesang. Beides hat ihr die Kraft gegeben, ihren eigenen Weg zu gehen, ihre eigene Stimme zu finden.
Trotzdem brauchte und suchte sie immer wieder auch die Bestätigung von außen. Leute, die ihr sagten, wie gut sie ist. Wie steht es um Ihr Selbstbewusstsein?
Interessant, dass Sie das fragen. Vor allem, weil wir gerade noch über den Glauben geredet haben. Die Leute sagen oft zu mir, ich würde immer so selbstbewusst wirken, dabei verwechseln sie Selbstbewusstsein mit meinem Glauben an Gott. Es geht nicht darum, dass ich an mich selbst glaube. Aber ich glaube an die Kraft Gottes, und daraus nehme ich meine Kraft.
Heißt das, dass Sie andererseits auch wenig mit Selbstzweifeln zu kämpfen haben?
Das kann man so nicht sagen. Ich denke, dass zu viel Selbstbewusstsein dem Ego schadet. Aber ich vertraue meiner inneren Stimme, wie bei diesem Projekt. Ich war mir zunächst keineswegs sicher, dass ich es schaffen würde. Aber dann habe ich mir gesagt: Wenn Gott mich vor die Aufgabe stellt, dann habe ich keine andere Wahl, als bereit zu sein und mein Bestes zu geben. Über das Ergebnis entscheidet das Publikum.
Es ist faszinierend zu beobachten, wie Aretha im Film ihren Stil und ihre Kleidung wechselt, je nachdem, in welcher Phase ihres Lebens sie sich befindet.
Die Outfits haben mir extrem geholfen, sie noch besser zu verstehen. Aretha hatte diese phantastische Aura, sie hat nie viel gesagt, was für mich auch eine enorme Herausforderung war, weil ich persönlich das komplette Gegenteil bin. Ich rede viel und nehme kein Blatt vor den Mund. Und ich nehme eine Menge Raum ein. Aretha dagegen sprach durch ihre Mode, ihre Haare, ihr Auftreten. Wenn sie einen ihrer Pelzmäntel anzog, war sie die Königin. Und die Art und Weise, wie sich ihre Haare mit der Zeit veränderten, hat viel damit zu tun, dass sie sich in einem Prozess befand, in dem es darum ging, ihre eigene Identität, ihre eigene Stimme und damit sich selbst zu finden. So wie sie es im Film auch selbst sagt: Ich will anziehen, was ich will. Ich will singen, was ich will. Wie kann man eine Künstlerin sein, mit all dem Einfluss, aber ohne jegliche Kontrolle darüber, was man sagen, tragen oder singen darf? Das ist unmöglich. Und ich glaube, dass ihr ihre Outfits auch deshalb so wichtig waren.
Sie haben in einem anderen Interview davon gesprochen, dass Ihre Mutter auch ein sehr stiller Mensch war. Von wem haben Sie dann Ihr Temperament geerbt?
Es stimmt, meine Mutter war extrem leise, sehr in sich gekehrt, aber mit einer starken Präsenz. Ich denke, die Tatsache, dass ich so bin, wie ich bin, hat viel damit zu tun, dass ich zu einer anderen Zeit geboren wurde. Als ich Anfang der achtziger Jahre zur Welt kam, waren Frauen nicht mehr so unterdrückt, sie hatten bereits eine Stimme. Das Gleiche gilt für die schwarze Bevölkerung. Für die Generation meiner Mutter und die von Aretha Franklin sah das noch ganz anders aus. Aretha war außerdem ein Pfarrerskind, was ebenfalls mit einem gewissen Maß an Verantwortung verbunden ist, und mit einem Image, das man aufrechterhalten muss. Der Druck, der damit einhergeht, ist auch ein Teil von ihr, von ihrem Auftreten und ihrer Person. Für mich gab es diesen Druck nicht mehr, obwohl ich auch in der Kirche aufgewachsen bin. Und, oh ja, ich war auch jeden Tag im Gottesdienst. Meine Mutter war Kirchensekretärin. Meine Großmutter hat über hundert Solos im Kirchenchor gesungen. Und dann kam ich. Aber eine Pfarrerstochter zu sein, so wie Aretha, und sich als Frau und als Künstlerin in den sechziger Jahren durchsetzen zu müssen, das ist ein ganz anderes Paar Schuhe. Das prägt einen für immer.
So wie ein starker Glaube kann auch Musik ein Anker sein, eine Rettung, auch davon erzählt der Film. Würden Sie dem zustimmen?
Hundertprozentig. Ich weiß nicht, was ich ohne Musik tun würde. Und Aretha ging es ähnlich: Sie war ihre Musik. Für mich liegt darin ihre größte Kraft, deshalb kann es nur eine Aretha Franklin geben. Und auch in meinem Leben spielt Musik eine entscheidende Rolle. Sie bringt mich mit jeder nur möglichen Emotion in meinem Körper in Verbindung. Sie beruhigt mich, wenn ich mich entspannen muss, und sie zeigt mir den Weg. Musik ist meine Landkarte, meine Siri, mein Ein und Alles. Musik ist immer für mich da.
Es scheint jedoch so, als würden Sie im Moment mehr schauspielen als singen. Ihr letztes Album ist vor sieben Jahren erschienen. Ist ein neues in Aussicht?
Ich arbeite daran. Aber Sie müssen das unterscheiden. In meiner Produktionsfirma machen wir auch alles: Werbung, Fernsehen, Theater, Musik, von allem etwas. Und so ähnlich funktioniert mein ganzes Leben. Alles läuft in bestimmten Zyklen ab, doch ohne Musik geht gar nichts. Selbst wenn ich schauspiele, steuere ich einen Song zum Soundtrack bei. Oder wenn ich auf der Bühne stehe, ist es ein Song für das Stück. Egal, welche Rolle ich spiele, ich muss immer singen. Und wenn Sie mich so fragen, habe ich gerade erst eine Platte gemacht, denn es gibt natürlich auch ein Soundtrackalbum zu Respect. Für mich zählt das mindestens genauso viel, und ich bin sehr stolz darauf, so wie auf den ganzen Film.
