Ava Gardners Geburtstag zum hundertsten Mal: Ein Blick zurück auf eine großartige Karriere und ein turbulentes Leben.
Müsste ich einen Film auswählen, der Ava Gardners unvergleichbarer Schönheit auch nur halbwegs gerecht wird, dann wäre das Pandora and the Flying Dutchman, jener Kultfilm, den Albert Lewin 1951 inszenierte. Da sind zum einen diese weiten, mal rücken-, mal schulterfreien Kleider, die so schön wippen beim Gehen, der technicolor-grüne Schal um ihre Schultern, die engen, mal grünen, mal türkisen Bustiers, die sie stolz trägt. Doch was Ava Gardner eigentlich ausmacht, ist dieses schöne, makellose Gesicht mit den hohen Wangenknochen und den lebendigen, grünen Augen. Kameramann Jack Cardiff, berühmt für seine Arbeit bei Michael Powell und Emeric Pressburger (Black Narcissus), fährt in fast unmerklichen Dolly-Shots auf dieses Gesicht zu und trennt es vom Hintergrund, so dass es wie ein traumhafter Halo erscheint. „What would you do for me“, fragt sie in Großaufnahme einen Verehrer, und man weiß sofort, dass kein Mann ihr etwas verwehren wird. Wenn dann die Kamera das unbewegte Profil einfängt, sitzt man nur noch staunend da: diese rote Lippen, das zurückgeworfene dunkle Haar, das wie ein Kranz erscheint, bei einer rasanten Autofahrt aber auch mal wild dahinwehen kann, die kräftigen Augenbrauen, die marmorne Perfektion ihrer Gesichtszüge. Einmal ist sie sogar nackt, zumindest muss man das annehmen, weil ihre Kleider am Strand liegen, während sie zum Boot des Fliegenden Holländers krault. Kaum an Bord angekommen, lugt sie frech über die Reling und zieht sich eine Persenning über, hoch bis zum Hals, während ihr nasses Haar zurückgenommen am Kopf liegt. Pandora and the Flying Dutchman ist eine Huldigung an einen der größten Hollywoodstars der fünfziger Jahre. Kein Wunder, dass James Mason als Titeldarsteller eigentümlich sprachlos bleibt ob dieser körperlichen und spirituellen Schönheit, ob dieser katzenhaften Grazie, dieser leidenschaftlichen Intensität. Auch der sonst so eloquenten Pauline Kael fehlen die Worte: „unspeakable luscious“ sähe Ava Gardner in diesem Film aus, der Film selbst sei „one of a kind“. Man kann ihr vorbehaltlos zustimmen, weil hier Liebe und Todessehnsucht, Vorherbestimmung und Übernatürliches eine so wundersame Liaison eingehen: „I die for you with the least hesitation“, sagt die Gardner, und man glaubt es ihr sofort. In einem aktuellen Film, See How They Run, hängt übrigens ein Poster von Pandora and the Flying Dutchman im Büro eines windigen Filmproduzenten. Was für eine schöne Liebeserklärung an den Film und an ein Hollywood, das es so nicht mehr gibt.
Es gibt noch einen anderen Film, der Ava Gardners Schönheit derart triumphierend zelebriert, und das ist Henry Kings The Sun Also Rises von 1956, nach dem Buch von Ernest Hemingway. Als Brett Ashley in Paris ein Tanzlokal betritt, spielt die Jazzband auf der Empore einen Tusch für sie, der rote hochgeschlossene Pullover, den sie trägt, rückt sie gleich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. In einer Rückblende ist sie als aufregende Krankenschwester mit enganliegender Haube zu sehen, die ihr Gesicht wie ein Gemälde umrahmt. Wunderschön ist sie, wenn sie andächtig in der Kirche kniet und vielleicht um Vergebung bittet, weil sich gleich mehrere Männer ihretwegen ins Unglück stürzen. „I stay to look for your wounded“, meint Tyrone Power ironisch, doch als die Gardner am Schluss verzweifelt im Fond eines Autos sitzt, steht er ihr selbstverständlich bei.
Schwieriger Start
Ava Gardner wird am 24. Dezember 1922 in Grabton, North Carolina, als eines von sechs Kindern eines Farmers geboren, ihr Kindheit verläuft lieblos und unglücklich. Eigentlich reicht ihr Ehrgeiz nur dafür, Sekretärin zu werden, doch eine Reise nach New York torpediert ihren Lebensweg. Ein Foto, aufgenommen von ihrem Schwager, landet auf dem Schreibtisch von MGMs Casting-Abteilung. Noch in New York wird ein Screentest gemacht, die Gardner zieht 1940 nach Hollywood. Hier wird sie dem Trainingprogramm für hübsche Starlets unterzogen, vom Drama-Kurs bis zur Make-up-Klasse. Wichtiger aber noch ist die Publicity-Kampagne, die Ava Gardner ins Licht der Öffentlichkeit rückt, bevor sie überhaupt auf der Leinwand erscheint. Sie ist daraufhin in einigen Nebenrollen zu sehen, zum Beispiel King Vidors H.M. Pulham Esq. (1941), Fred Zinnemanns Kid Glove Killer (1942) oder Douglas Sirks Hitler’s Madman (1943). Mehr Aufmerksamkeit erregt sie allerdings 1942 mit ihrer Hochzeit mit Mickey Rooney, die aber im Jahr darauf wieder geschieden wird.
Dann, 1946, endlich ihr Durchbruch mit Robert Siodmaks The Killers, diesem Klassiker des Film noir, zugleich eine Adaption einer Kurzgeschichte von Ernest Hemingway. Ava Gardner spielt Kitty Collins, eine klassische Femme fatale, die Burt Lancaster in seinem Filmdebüt als Swede erst um den Finger wickelt und dann aufs Kreuz legt. So leitet sie seinen Untergang ein, der schon zu Beginn des Films klar ist: Burt Lancaster erwartet leidenschaftslos an der Theke eines Diners seine Mörder. Unvergessen das Filmposter, das 1990 zur Wiederveröffentlichung des Films in Deutschland erschien: Ava Gardner und Burt Lancaster Wange an Wange, während sie seinem Blick ausweicht. Ihre roten Lippen auf schwarzweißem Untergrund sind nicht zu übersehen. Sie bedeuten Gefahr. Ava Gardner zeigt hier zum ersten Mal ihre sinnliche Schönheit. Mit einer magnetischen Verführungskraft und einer fast schon animalischen Sexualität treibt sie die Männer ins Verderben. So wird sie Rita Hayworth als erotische Leinwandgöttin der vierziger Jahre ablösen – eine Stellung, die ihr erst Marilyn Monroe Mitte der fünfziger Jahre streitig machen wird.
Ihr Aussehen, ihre Sportlichkeit, ihr Glamour machen Ava Gardner zur idealen Hemingway-Frau. Irgendwie passt sie zu den Männern, die dem Tod ins Augen blicken, ob im Krieg, bei der Gangsterjagd oder beim Stierkampf. Noch vor The Sun Also Rises drehte Henry King 1952 The Snows of Kilimanjaro. Ava Gardner spielt hier Cynthia, jene Frau, in die Gregory Peck als junger Schriftsteller in Paris verliebt war und die er zur Heldin seines ersten Romans machte. Ohne zu wissen, dass sie schwanger ist, reist er durch Afrika, später in Spanien wird sie sich von ihm trennen, weil sie ahnt, dass er sich nie mit ihr niederlassen wird. Im spanischen Bürgerkrieg wird er sie noch einmal wiedersehen – bis zur endgültigen Trennung. All das erzählt der Film als Rückblende, als Erinnerung des kranken Gregory Peck. Als er einmal betrunken ist, verwechselt er seine Frau Susan Hayward mit Ava Gardner – so einen großen Eindruck hat ihre Schönheit auf ihn gemacht. 1953 ist Ava Gardner wieder in Afrika unterwegs, in John Fords Mogambo, der noch einmal die Geschichte von Victor Flemings Red Dust (1932) aufnimmt. Eine Dreiecksgeschichte: Damals stand Clark Gable zwischen Jean Harlow und Mary Astor, diesmal steht er zwischen Ava Gardner und Grace Kelly. Keine einfache Wahl, zumal beide Frauen so diametral entgegengesetzt sind. Ava Gardner: sinnlich, erdverbunden, manchmal vulgär. Grace Kelly: edel, distanziert, vielleicht sogar prüde. Man ahnt, für wen sich Gable am Schluss entscheiden wird. Höhepunkt: Clark Gable reicht Ava Gardner ein Handtuch, während sie sich in einer hölzernen Duschkabine räkelt.
Fixe Hollywoodgröße
In The Barefoot Contessa, 1954 von Joseph L. Mankiewicz inszeniert, spielt Ava Gardner die Titelheldin, die von Humphrey Bogart und seinen Freunden in einer zweitklassigen Flamenco-Klitsche in Madrid entdeckt und zum glamourösen Hollywoodstar aufgebaut wird. Doch mit der Liebe will es nicht klappen, das tragische Ende lässt sich nicht verhindern. Ava Gardner ist hier ideal besetzt, es ist die Rolle, für die sie geboren wurde, es ist die Rolle, die ihr eigenes Leben zu spiegeln scheint. Mit ihrem sinnlichen Magnetismus zieht sie die Männer an wie Motten das Licht, vom Chauffeur bis zum Gitarrenspieler. Doch die Kritiker meckerten, vor allem Pauline Kael: „A camp masterpiece: a Cinderella story in which the prince turns out to be impotent.“
Bhowani Junction (1956) von George Cukor zeigt die Gardner als atemberaubend exotisch-schöne Anglo-Inderin mit Kopftuch und Sari, die zwischen mehreren Nationalitäten – Europa und Indien – und mehreren Männern hin- und hergerissen ist. Bis sich Stewart Granger als britischer Offizier kurz vor der indischen Unabhängigkeit in sie verlieben darf. Höhepunkt des Films ist sicher jene Szene, in der Ava Gardner in Notwehr einen britischen Leutnant tötet, der sie vergewaltigen wollte. „I thought Ava Gardner was very attractive in the part“, war alles, was sich George Cukor im Gespräch mit Gavin Lambert entlocken ließ. Sicher aber ist: Dies ist ihre wohl wärmste und menschlichste Rolle. Ähnlich wie Elizabeth Taylor machte Ava Gardner durch „her own busy romantic life“ (David Thomson) von sich reden. Nach ihrer Ehe mit dem Jazz-Klarinettisten Artie Shaw (1945-1947) heiratete sie 1951 Frank Sinatra – eine stürmische, vielbeachtete Beziehung. Trennung 1954, Scheidung 1957. Dann machte sich Ava Gardner auf nach Madrid und wurde dort zum Mittelpunkt des internationalen Jetsets. Sie umgab sich mit reichen Playboys und berühmten Stierkämpfern, nicht von ungefähr besucht sie in Pandora and the Flying Dutchman einen Stierkampf, The Sun Also Rises, dessen Lebensstil sie nun adaptiert, spielt sogar während der Wettkämpfe in Pamplona. Drei Jahre später kehrte sie nach Hollywood zurück, reifer geworden, älter geworden, aber immer noch schön und immer noch ein Star.
Von jetzt an wird Ava Gardner nicht mehr so viel arbeiten. Sie ist in Stanley Kramers On the Beach (1959) zu sehen und in Nicholas Rays 55 Days at Peking (1963), in John Frankenheimers Seven Days in May (1964) und in John Hustons Night of the Iguana (1964). In Hustons The Life and Times of Judge Roy Bean (1972) spielt sie Lily Langtry, jene schöne Sängerin, für die Paul Newman, der Titeldarsteller, den ganzen Film über schwärmt. Bis 1982 dreht sie noch Filme, 1985 war sie auch in der Fernsehserie Knots Landing zu sehen. Kurz nachdem sie dem Ko-Autoren ihrer Autobiographie das letzte Material übergeben hatte, starb sie am 25. Januar 1990 mit 67 Jahren in London an einer Lungenentzündung. Nachrufe versäumten nicht, sie als schönste Frau zu bezeichnen, die jemals vor einer Kamera stand. Am 24. Dezember wäre sie 100 Jahre alt geworden.
