Il traditore

Il traditore

Die Ehre des Verräters

| Jörg Schiffauer |
Mit seinem meisterhaften „Il traditore“ beleuchtet Marco Bellocchio einen entscheidenden Abschnitt der Auseinandersetzung Italiens mit dem organisierten Verbrechen.

Es ist eine ein wenig gespenstisch anmutende Zusammenkunft, die in einem luxuriösen Anwesen in Palermo stattfindet. Ausgerechnet anlässlich der Feierlichkeiten zu Ehren der Heiligen Rosalia treffen sich im September 1980 zwei rivalisierende Fraktionen der sizilianischen Cosa Nostra. Es geht um das stark expandierende Geschäft mit Heroin, das eigentlich so astronomische Gewinne abwirft, dass alle davon reichlich profitieren könnten. Traditionsreiche Gruppierungen aus Palermo und ein aufstrebender Clan aus dem Städtchen Corleone versuchen, die Aufteilung geregelt abzuwickeln. Um den friedlichen Charakter des Treffens zu untermauern, haben die Männer der „Ehrenwerten Gesellschaft“ ihre Frauen und Kinder mitgebracht. Dass es unter der scheinbar ruhigen Oberfläche brodelt, wird Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino), einem charismatisch schillernden Mann, der zur Palermo-Fraktion gehört, bald deutlich vor Augen geführt, als ihm Stefano Bontade, eine Führungsfigur dieser Gruppierung, zuraunt, das sei alles nur Theater. Das gegenseitige Misstrauen wird deutlich, als die bei solchen Feiern üblichen Erinnerungsfotos gemacht werden: Salvatore Riina (Nicola Calì), gefürchtetes Oberhaupt der Corleonesi, stellt sich zwar zum Gruppenbild auf, doch im Moment des Blitzlichts verdeckt er sein Gesicht mit der Hand – nicht einmal in diesem Umfeld möchte er einen Beweis für seine Anwesenheit zulassen.     

Wie recht Bontade mit seiner Aussage hat, zeigt sich wenig später, als er hinter dem Steuer seines Wagens von Killern Riinas erschossen wird – als 54. Opfer dieser Auseinandersetzung, wie ein Insert am linken unteren Bildrand verkündet. Die zunehmende Eskalation dieses Konflikts, des so genannten Zweiten Mafiakriegs nimmt Marco Bellocchio zum Ausgangspunkt, um sich in Il traditore der auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichte seines Protagonisten Tommaso Buscetta anzunähern, dem in den Chroniken der Mafia eine ganz besondere Rolle zukommen sollte. Dabei konnte „Don Masino“, wie Buscetta auch genannt wurde, auf eine veritable kriminelle Karriere zurückblicken. 1928 in wirtschaftlich ärmlichen Verhältnissen in Palermo geboren, kam er schon im Alter von siebzehn Jahren in Kontakt mit jener Verbrecher-Organisation, deren Mitglieder selbst nur von Cosa Nostra – übersetzt „unsere Sache“ – und niemals von der Mafia sprechen. Obwohl Buscetta im strikt hierarchischen System  der Cosa Nostra formal auf dem unteren Rang eines „Soldaten“ firmierte, war er in der Organisation hoch angesehen und aufgrund seiner engen Kontakte zu etlichen der Bosse durchaus einflussreich.

Zum Zeitpunkt der Ermordung Bontades hatte sich Buscetta – ein Handlungsstrang, den Il traditore aufgreift – schon nach Brasilien, der Heimat seiner dritten Ehefrau, abgesetzt. Er hoffte, sich der brutalen Auseinandersetzung mit den Corleonesi entziehen zu können. Doch als er wegen seiner Drogengeschäfte von den örtlichen Behörden verhaftet und 1984 nach Italien ausgeliefert wird und ihm eine langjährige Gefängnisstrafe droht, entschließt er sich zu einem ebenso drastischen wie ungewöhnlichen Schritt. Er erklärt sich bereit, mit der Justiz zu kooperieren und so das Gesetz des Schweigens, die omertà, eine der wichtigsten Regeln der Cosa Nostra, zu brechen. Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen, wie sich zeigen sollte.

Verflechtungen
Marco Bellocchio zählt seit mehreren Jahrzehnten zu den festen Größen des italienischen und europäischen Kinos, eine Reputation, die er sich mit der Vielschichtigkeit wie nonkonformistischen Art seines Œuvres verschaffte. Bereits mit seinem Langspielfilmdebüt, dem sozialkritischen Drama I pugni in tasca (Mit der Faust in der Tasche, 1965) konnte der 1939 geborene Bellocchio auf sich aufmerksam machen. Es folgten Regiearbeiten mit höchst unterschiedlichen Sujets wie etwa Sbatti il mostro in prima, in dem Bellocchio anhand einer fiktiven rechtsgerichteten Zeitung, die im Zentrum des Geschehens steht, Kritik an Populismus und Boulevard zu formulieren verstand – und damit seiner Zeit ziemlich weit voraus war. Mit Dramen wie Marcia trionfale (1976) oder Salto nel vuoto (1980) festigte Bellocchio seinen Ruf, ehe Il diavolo in corpo (Teufel im Leib, 1986) wegen seiner Freizügigkeit für einige Aufregung sorgte. In Buongiorno notte (Der Tag, an dem die Nacht kam, 2003) griff Bellocchio mit der Entführung Aldo Moros ein höchst brisantes Stück italienischer Zeitgeschichte auf.

Auch Il traditore erweist sich mindestens ebenso als ein Ausschnitt Italiens wie als True-Crime-Drama. Denn die umfassenden Aussagen, die Tommaso Buscetta im Verlauf der zahlreichen Gerichtsverfahren tätigte, deckten nicht nur Strukturen, Personal und kriminelle Umtriebe der Cosa Nostra auf, sie legten schließlich auch zahlreiche unheilvolle Verbindungen zwischen Politik und organisiertem Verbrechen dar. Wie weit diese zu gehen schienen, deutet Bellocchio in einer grotesk anmutenden Sequenz an. Als Buscetta sich in Begleitung der bewachenden Polizisten für einen bevorstehenden Auftritt vor Gericht bei einem exklusiven Schneider einen Anzug machen lässt, begegnet er in dem Geschäft einem älteren Herrn, der über Italien hinaus bekannt ist – Giulio Andreotti. Der Mann, der in unterschiedlichen hochrangigen Funktionen das politische System Italiens nach dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte entscheidend geprägt und beeinflusst hat, lässt ebenfalls Maß nehmen. Es mutet geradezu symbolhaft für die ominösen Verflechtungen an, als sich die Wege Andreottis und Buscettas in diesem Schneideratelier kreuzen. Dass der mehrfache Ministerpräsident Andreotti alle Vorwürfe und Prozesse – auch dies ist in Il traditore zu sehen – bezüglich seiner Verbindungen zur Cosa Nostra unbeschadet zu überstehen verstand, ist ein Teil jenes Bildes, das Marco Bellocchio zeichnet. Wie stark das organisierte Verbrechen die italienische Gesellschaft in allen Teilen durchdrungen hat, zeigt sich an der Person des bereits erwähnten Stefano Bontade. Der soll nicht nur Kontakt zu Andreotti gehabt haben, der Boss der Cosa Nostra gilt auch als einer der Finanziers eines gewissen Silvio Berlusconi, als der in den siebziger Jahren begann, sein Medienimperium aufzubauen.

Weitaus direkter wird Il traditore, was die Auftritte Tommaso Buscettas als einer der Hauptbelastungszeugen angeht. Seine Aussagen führten zur Verhaftung von mehr als 350 Mafiosi und in weiterer Folge zum ersten der so genannten Maxi-Prozesse, der am 10. Februar 1986 in Palermo begann. Detailgenau rekonstruiert Bellocchios Inszenierung jenes Verfahren, das in einem eigens dafür errichteten Betonbunker stattfand und sich zu einem streckenweise bizarren Schauspiel entwickelte. Von den 474 Angeklagten befanden sich zum Zeitpunkt des Prozessbeginns noch 119 auf der Flucht, die restlichen beschuldigten Mafiosi befanden sich in käfigartigen Räumen, die in den riesigen Gerichtssaal integriert worden waren. Und sie unternahmen alles Mögliche, um einen geordneten Ablauf des Verfahrens zu verhindern. Epileptische Anfälle wurden vorgetäuscht, ein Angeklagter nähte sich die Lippen zu, ein anderer bestand darauf, Zigarren zu paffen. Laute Zwischenrufe gehörten sowieso zum alltäglichen Ritual dieses Verfahrens. Doch ungeachtet all dieser grotesken Theatralik wurde in aller Öffentlichkeit – der Prozess wurde im Fernsehen übertragen – deutlich, welch mächtige kriminelle Organisation die Cosa Nostra tatsächlich darstellte. Und vielleicht zum ersten Mal demonstrierte der Staat, dass man den entschlossenen Kampf gegen das organisierte Verbrechen und seine Helfershelfer aufgenommen hatte.

Die  Macht der Familie
Anhand seines Protagonisten Buscetta – Pierfrancesco Favino verkörpert ihn mit einer beeindruckenden Präsenz – zeichnet Marco Bellocchio ein Bild der Cosa Nostra, das in seiner Vielschichtigkeit die Komplexität des Sujets widerzuspiegeln versteht. Buscetta selbst wird nicht zum Kronzeugen, weil er ein geläuterter Mann ist. Die Aussicht auf Strafmilderung spielt natürlich eine Rolle, ist aber nicht der entscheidende Faktor. Als Buscetta dem ihn vernehmenden Untersuchungsrichter Giovanni Falcone (Fausto Russo Alesi) – der Jurist, selbst in Palermo geboren, sollte zu einer der führenden Figuren im Kampf gegen das organisierte Verbrechen werden – gegenübersitzt, betont er zunächst geradezu trotzig seine Mitgliedschaft in der Cosa Nostra. Seine Bereitschaft zu kooperieren beruhe vor allem darauf, dass das brutale Vorgehen der Corleonesi um Salvatore „Totò“ Riina nichts mehr mit jener Cosa Nostra zu tun habe, für die er, Buscetta, stehe. Der Zweite Mafiakrieg kostete mehr als tausend Menschen das Leben, Riinas Leute scheuten auch nicht davor zurück, unbeteiligte Familienangehörige von rivalisierenden Mafiosi –14 Verwandte von Buscetta wurden ebenfalls ermordet – und Angehörige der Justiz ins Visier zu nehmen. Deshalb sei er auch kein pentito – die Bezeichnung für Mafiamitglieder, die das Gesetz des Schweigens brechen –, vielmehr hätten Riina und die Corleonesi die wahren „Werte“ der Cosa Nostra verraten. An dieser Art von Selbstbildnis lässt sich schon erkennen, wie tief die klandestinen Strukturen sich auch psychologisch festgesetzt haben. Inwieweit es sich dabei um Verinnerlichung oder Außendarstellung handelt, erscheint zunehmend sekundär. Am Beispiel eines extrovertierten Mafioso wie John Gotti, in den achtziger Jahren Boss der New Yorker Gambino-Familie, der öffentliche Auftritte geradezu zu zelebrieren pflegte, wird die dabei zunehmende Wechselwirkung ohnehin deutlich.

Dass sich die jahrzehntelange, tiefe Verbundenheit mit einer Organisation wie La Cosa Nostra nicht so einfach brechen lässt, auch das macht Bellocchio mit Il traditore auf mehreren Ebenen deutlich. Der Bruch, den Buscetta vollzog, hatte zunächst ganz handfeste, brutale Auswirkungen, wie den Tod enger Verwandter. Doch auch das Loslassen vom einstmaligen (Gangster-) Leben fällt schwer, wie Marco Bellocchios Inszenierung zeigt. Als Buscetta im Rahmen des Zeugenschutzprogramms mit seiner Familie ein unauffälliges Dasein in den Vereinigten Staaten führen muss, changiert Il traditore zwischen der finalen Sequenz in Scorseses GoodFellas – als der Protagonist Henry Hill trotz aller damit verbundenen Gefahren den Annehmlichkeiten seines vormaligen Gangsterlebens nachtrauert – und dem elegischen Abgesang, den Scorsese im Finale von The Irishman auf die alt gewordenen Gangster anstimmt.

Es wird aber nicht nur einsam um Don Masino, die Cosa Nostra lässt ihn nicht los. Als er mit seiner Familie ein Restaurant in jener amerikanischen Kleinstadt aufsucht, ihn die man ihn verbracht hat, spaziert ein als Weihnachtsmann verkleideter Musiker durch den Raum, der, nur von seiner Gitarre unterstützt, die Gäste mit Liedern unterhält. Am Tisch von Familie Buscetta angekommen, intoniert er einen der bekanntesten Songs von Toto Cotugno, doch ändert er die Textzeile „Sono un Italiano“ in „Sono un Siciliano“. Vielleicht ist das nur eine Zufälligkeit, doch für Tommaso Buscetta eine deutliche Botschaft, dass der Arm der Cosa Nostra weit reicht.

Dass ein prominentes Mitglied wie Buscetta sich bereit erklärte, mit der Justiz zusammenzuarbeiten, hatte durchaus Signalwirkung, andere Mafiosi folgten seinem Beispiel. Doch obwohl derartige Aussagen ein wichtiges Element im Kampf des Staates gegen das organisierte Verbrechen war, das zu zahlreichen Verurteilungen bis hin zu den umfangreichen Ermittlungen im rahmen der Aktion „Mani pulite“ („Saubere Hände“) führte, blieb der Mann, der einen entscheidenden Beitrag geleistet hatte, pessimistisch. Der Titel eines Buchs, das Tommaso Buscetta schrieb, lautete: „Die Mafia hat gewonnen“.