Sudabeh Mortezai über ihren Film „Macondo“, über die Arbeit mit Laiendarstellern und über ihre filmische Heimat Wien.
Die Flüchtlingssiedlung Macondo, um die es in Ihrem Film geht, gibt es tatsächlich, und das nicht erst seit gestern. Allerdings wissen bis heute nur relativ wenige Wiener von ihrer Existenz. Wie kommt das?
Ja, das stimmt. Die Siedlung gibt es eigentlich schon seit den fünfziger Jahren. Aber ich habe bei meiner Recherche sogar Menschen getroffen, die seit über 30 Jahren in unmittelbarer Nachbarschaft leben und trotzdem keine Ahnung hatten, dass sie existiert. Die Siedlung liegt quasi eingekesselt zwischen Donau, Autobahn und der Rückseite eines Einkaufszentrums – es ist schon verrückt.
Wie haben Sie den Ort entdeckt, und wie ist daraus die Idee zum Film entstanden?
Ich bin wirklich auch nur durch Zufall darauf gestoßen. Ich hatte irgendwie gehört, dass es diesen Ort gibt, dort am Rande von Wien, wo über zweitausend Menschen aus verschiedensten Ländern wie in einer Art Ghetto leben. Da bin ich neugierig geworden, bin hingefahren und habe angefangen zu recherchieren. Ich habe dann eine Zeit lang immer mal wieder Geschichten von den Menschen dort aufgenommen, bis ich mir irgendwann aus diesem Berg von Material und persönlichen Schicksalen, der sich da angesammelt hatte, eine Geschichte rausgesucht habe, um daraus ein Drehbuch zu entwickeln.
Sie haben zuvor bereits zwei Dokumentarfilme gedreht. Warum haben Sie sich diesmal bewusst für einen Spielfilm entschieden?
Ich hatte große Lust, etwas Anderes auszuprobieren, wo es eher in die narrative Richtung geht, auch um für mich selbst herauszufinden, wie das sein kann. Und als ich die Siedlung entdeckte, hat sich das noch einmal verstärkt, weil mir schon nach den ersten Gesprächen der Eindruck kam, dass die Menschen, die in ihrem Leben ja einiges durchgemacht und mitunter Schlimmes erlebt haben, dass die eigentlich kein Bedürfnis haben, jetzt noch mal alles in einem Interview vor laufender Kamera aufzurollen. Ich hatte das Gefühl, das würde eher eine ungesunde Distanz schaffen, und dass ich ihnen wahrscheinlich näher kommen könnte, wenn ich etwas von Innen heraus mit ihnen gemeinsam entwickeln würde, etwas Fiktionales, das ihnen die Möglichkeit gibt, Dinge von sich preiszugeben, ohne sich dabei emotional zu sehr einzubinden oder zu verausgaben.
Kann man sich den Alltag der Menschen dort in etwa so vorstellen, wie es im Film dargestellt ist?
Gerade, was den Alltag und das Zusammenleben der Menschen in der Siedlung betrifft, habe ich mich eigentlich sehr an die Realität gehalten. Da kommt dann schon die Dokumentarfilmerin in mir durch. Viele Leute, die den Film gesehen haben, kamen im Anschluss auf mich zu und meinten, sie hätten sich das alles viel rauer vorgestellt, viel gewalttätiger. Aber dem ist nicht so. Also, Dinge wie Alltagsrassismus und Kleinkriminalität, die sind natürlich schon sehr präsent, wie man das auch im Film sieht. Aber davon abgesehen gibt es viel schlimmere Gegenden in Wien. Womit die Menschen dort am meisten zu kämpfen haben, ist tatsächlich die Härte des Alltags, also dass man kaum Geld hat, dass man so weit weg ist von der Heimat, die ganze Flüchtlingsproblematik, die Traumata, die damit zusammenhängen, das sind die Hauptprobleme. Aber auch das man so weit weg ist von der Mitte der Stadt und von der Mitte der Gesellschaft. Und dass sie teilweise extrem beengt leben müssen, vier oder fünf Leute in einem Raum schlafen etc. – damit kämpfen sie jeden Tag, also gar nicht mal das harte Ghetto-Ding, dass man sich vielleicht vorstellt. Aber schlimm genug ist es trotzdem und da habe ich mich, wie gesagt, sehr verpflichtet gefühlt, dass möglichst real darzustellen.
Der elfjährige Ramasan, dessen Geschichte Sie erzählen, wirkt unheimlich souverän und besticht vor allem in seiner Natürlichkeit. Wie haben Sie die Rolle mit ihm gemeinsam erarbeitet?
Ramasan ist wirklich ein Naturtalent. Einen so wunderbaren jungen Schauspieler zu finden, ist keine Selbstverständlichkeit. Was seine Geschichte angeht, das hat er selbst so hübsch ausgedrückt: er findet 80 Prozent der Rolle ist er selbst, da musste er nicht spielen, und 20 Prozent davon ist er nicht. Ich finde, damit liegt er ziemlich gut. Das heißt, er hat insofern eine andere Lebensrealität, dass sein Vater am Leben ist, und er hat auch keine Angst vor Wölfen im Wald. Also eher sehr spezielle dramaturgische Einfälle im Film sind nicht Teil seiner persönlichen Geschichte. Aber er ist ein tschetschenischer Junge, der aus einer patriarchalen Tradition stammt, der mit dieser Kriegs- und Gewaltvergangenheit in seinem Land aufgewachsen ist, und der das alles am Rande miterlebt hat. Das heißt, in der Hinsicht war es auch nicht schwer für ihn, in die Rolle hineinzufinden, weil sie ihm emotional sehr nahe ist. Und die Dinge, die er nicht selbst erlebt hat, an die musste ich ihn heranführen, da mussten wie gemeinsam Wege finden, aber er hatte da keine Scheu.
War es bei den Erwachsenen schwieriger, das nötige Vertrauen zu gewinnen?
Ich glaube, dass es insgesamt schwerer war, die richtigen Erwachsenen zu finden. Und wie Sie sagen, die Vertrauensbasis zu schaffen, war teilweise nicht einfach. Wie zum Beispiel im Fall der Mutter, die auch so viel von ihrer eigenen Persönlichkeit miteingebracht hat und erstaunlich offen war, was ja nicht selbstverständlich ist. Sie begibt sich da ja in eine sehr verwundbare Position. Das mag uns aus westlicher Sicht alles relativ harmlos erscheinen, aber allein der Gedanke daran, dass sie nach dem Tod ihres Mannes eventuell eine Beziehung mit einen anderen Mann haben könnte, oder die Brautraubgeschichte, das sind alles sehr heikle Themen – sie musste schon etwas riskieren, dass sie das darstellt. Es ist natürlich unheimlich schön zu wissen, dass wir da tatsächlich auch das nötige Vertrauen aufbauen konnten, allerdings muss ich gestehen, dass ich diesbezüglich ein bisschen nervös war. Aber Kheda ist mit dem Ergebnis sehr glücklich, und das ist die Hauptsache.
Wie ist man Ihnen in Macondo ganz allgemein als Regisseurin begegnet?
Das war ganz gemischt. Während des Castings hat man schon die unterschiedlichsten Leute kennengelernt. Und da achte ich natürlich nicht nur darauf, ob jemand gut vor der Kamera ist, sondern auch, ob ich mir mit der Person eine Zusammenarbeit vorstellen kann. Und mit den Schauspielern hat auch eigentlich alles super funktioniert. Zum Beispiel der ältere Mann, Champascha Sadulajev, der ja auch eine Autoritätsperson ist, der hat mich mit sehr viel Humor und sehr charmant respektiert. Aber bei den kleineren Rollen, den Nachbarn, oder den Statisten, da gab es schon auch Reibungspunkte, wo ich mitunter das Gefühl hatte, die akzeptieren das jetzt, weil sie den Job angenommen haben, aber angenehm ist ihnen das nicht, dass ihnen eine Frau sagt, wo’s langgeht. Und zudem noch eine Regieassistentin, da haben sie es also gleich mit zwei autoritären Frauen zu tun.
Denken Sie im Nachhinein, dass ein Dokumentarfilm vielleicht einfacher zu produzieren gewesen wäre als der Spielfilm?
Nein, ich muss sagen, produktionstechnisch war es wirklich traumhaft. Also ich weiß zwar nicht, wieviel sozusagen am Thema an sich lag und wieviel am Zugang, aber wir haben von Anfang an extrem positives Feedback bekommen und wurden in allen Phasen des Films gefördert. Natürlich ist Macondo im Vergleich zu anderen Produktionen auch ein relativ bescheiden budgetiertes Projekt, aber ich bin schon sehr froh gewesen, dass man es von vornherein auch thematisch angenommen hat. Denn ich habe zwar schon ein relativ ausgearbeitetes Drehbuch gehabt, aber es war immer klar, dass es da sehr viele Offenheiten geben wird und Risiken, auf die man sich einlassen muss. Die größte Herausforderung für mich persönlich war es, herauszufinden, wie wir es schaffen, die Geschichte möglichst authentisch, dokumentarisch darzustellen und dem Film trotzdem einen bestimmten Look zu geben, also visuell was leisten, ohne die Darsteller in irgendeiner Weise einzuschränken. Mir war es wichtig, dass man immer möglichst viele Leute spontan integriert und dass man den Darstellern nicht sagt: „Du musst jetzt genau hier von A nach B gehen, weil es sonst mit dem Licht nicht funktioniert.“ Also, dass man ihnen die Spontanität lässt, und es gleichzeitig so hindreht, wie man es möchte.
Wie viel von Ihrer eigenen Geschichte steckt in Macondo?
Für mich ist der Film sehr, sehr persönlich, auch wenn es hier um einen Jungen aus Tschetschenien geht und ich war damals ein Mädchen aus dem Iran. Aber ich bin mit 12 Jahren mit meiner Familie nach Österreich immigriert und habe diesen ganzen Prozess mehr oder weniger selbst durchlebt und kenne das also sehr gut.
Sie haben Ihr Filmstudium in den USA absolviert. Gibt es Pläne, irgendwann vielleicht auch dort Filme zu drehen?
Nein, ich bin in Wien zu Hause. Und hier habe ich mit der Produktionsfirma FreibeuterFilm sozusagen auch meine “Filmfamilie“. Die Leute, mit denen ich dort seit Jahren arbeite, das ist meine filmische Heimat. Dort fühle ich mich sehr gut aufgehoben, sodass ich gar nicht das Bedürfnis habe, nochmal woanders hinzugehen. Ich habe gerne in den USA studiert und dort unheimlich viel gelernt, vor allem auch die Grundeinstellung, sich mehr zuzutrauen, als man vielleicht für möglich hält, während man in Österreich ja oftmals lieber alles kleinredet. Aber ich finde die Arbeitsbedingungen für eine Filmemacherin, die so wie ich eher Filme auch mit einem künstlerischen Anspruch macht, also keine klassischen Kommerzfilme dreht, ganz schwierig.
Haben sich dem Schritt in Richtung narratives Kino zum Teil auch die Motive für Ihre Arbeit verändert?
Ich weiß nicht, ob ich das tatsächlich so klar für mich definiert habe, aber mich haben schon immer Menschen und ihre Geschichten am meisten begeistert. Im Grunde das, was mich auch im normalen Leben fasziniert, auf offener Straße. Von den Themen her, haben meine Dokumentarfilme und jetzt der Spielfilm vielleicht eher wenig miteinander zu tun, aber das ist auch gut so. So lange es um Menschen geht, um ihre Psychologie, um ihr Leben und um ihre Erlebnisse, interessiert es mich. Da bin ich für alles offen.“
