Die Gewerkschafterin / La Syndicaliste

Filmstart

Die Gewerkschafterin

| Alexandra Seitz |
Gelungene Verkleidung: ein exemplarischer Fall von Misogynie im Gewand eines Genrefilms

Jean-Paul Salomés La Syndicaliste basiert auf dem 2019 erschienenen Tatsachen-Bericht gleichen Titels, in dem die Investigativ-Journalistin Caroline Michel Aguirre den Fall einer Frau nachvollzieht, die sich nicht zum Opfer machen lässt, obwohl sie es in gleich mehrfacher Hinsicht wird. Am 7. Dezember 2012 nämlich wird die aus Irland stammende Gewerkschaftsvertreterin und Sprachlehrerin Maureen Kearney in ihrem Haus in Versailles überfallen, sexuell attackiert und verletzt. Bald steht der Verdacht im Raum, dass es sich dabei um einen Einschüchterungsversuch handelt, hatte Kearney doch damit gedroht, die geheimen Geschäfte ihres Arbeitgebers, des französischen Nuklear-Konzerns Areva, mit der chinesischen Atomindustrie an die Öffentlichkeit zu bringen.

Ein Wirtschaftskrimi mit Anleihen beim Polit-Paranoia-Thriller aber ist La Syndicaliste nur am Rande beziehungsweise bilden die aufgerufenen Genres lediglich den Rahmen, an den sich diese detaillierte Analyse einer Demütigung besonders gut anschmiegen kann. Denn was passiert, nachdem Kearney den Überfall zur Anzeige bringt? Es dauert nicht lange, dann wird gegen sie ermittelt, wegen „Vortäuschung einer Straftat“.

Salomés Regiegestus bleibt nüchtern und unaufgeregt, während er die von Misogynie durchwirkten Abläufe nachvollzieht, die als „Affaire Maureen Kearney“ bekannt werden und sich bis tief ins Jahr 2018 hinziehen. Ebenso kontrolliert bleibt Hauptdarstellerin Isabelle Huppert, die in der Titelrolle ihre Paradeperformance der zwar zierlichen, zugleich aber beinharten Frau liefert, ohne sich dabei auch nur einen Funken von Routine zu erlauben. Und so wie Huppert die Charakterisierung Kearneys offen hält, hält Salomé die Spannung eines Genrefilms aufrecht. Ist die Frau womöglich tatsächlich paranoid? Noch während die Zuschauerin den Gedanken denkt, ist er ihr bereits peinlich, tappt sie damit doch in die von Männern „am längeren Hebel gestellte Falle, deren Funktionsweise hier so gründlich durchleuchtet wird.

Es ist dies im Übrigen nicht die geringste Lehre, die sich aus diesem so bedrückenden wie notwendigen Film ziehen lässt. Denn tatsächlich geht es im Kontext des – letztlich ja übergeschlechtlichen – Kampfes um Chancengleichheit und Machtumverteilung nicht nur darum, sich nicht zum Opfer machen zu lassen. Viel wichtiger noch ist es, kein GUTES Opfer zu sein.