Die Gräfin

Die Gräfin

| Alexandra Seitz |

Monster, Opfer oder Wahnsinnige? Facetten einer blutrünstigen Legende, eingefroren in erlesene Tableaus.

Jeder, der sich auch nur oberflächlich mit dem Mythos des Blutsaugers beschäftigt, stolpert früher oder später über ihren Namen: Erzsébet Báthory (1560–1614), die mächtige ungarische Adelige, die als „Blutgräfin“ in die Geschichte einging. Weil sie Jungfrauen abschlachten ließ, um in deren Blut zu baden. Um ewig makellos und schön zu bleiben für ihren jüngeren Liebhaber. Hieß es. 1611 wurde der Blutgräfin der Prozess gemacht, eingekerkert auf Burg Cachtice in Gemächern, deren Fenster zugemauert waren, starb sie schließlich 1614 und wurde – das kann einen durchaus wundern – in geweihter Erde beigesetzt.

Doch die Faktenlage ist, wie in solchen Fällen nicht anders zu erwarten, widersprüchlich: Die Opferzahlen schwanken zwischen 80 und 600. In den unter Folter gemachten Aussagen der Zeitgenossen finden sich keine Hinweise auf Blutbäder, vielmehr ist von bestialischen Quälereien die Rede. Und dann gibt es noch jene, die in der Gräfin das Opfer einer politischen Intrige sehen, gehörte sie doch einem ebenso einflussreichen wie wohlhabenden Adelsgeschlecht an, das sogar den ungarischen König Matthias zu seinen Schuldnern zählte.

Ein mächtige Frau, die um die Wende des 16./17. Jahrhunderts, und nach dem Tod ihres Ehemannes, ihr Leben selbstbewusst nach ihrem eigenen Gutdünken gestalten will, und die mit diesem Vorhaben an den herrschenden Vertretern des Patriarchats scheitert. Der Gedanke leuchtet unmittelbar ein, wie überhaupt der Báthory-Stoff allerhand reizvolle Möglichkeiten bietet, über das Geschlechterverhältnis, über Rollenerwartungen und über Frauenbilder zu reflektieren.

Doch leider bleibt The Countess, Julie Delpys filmischer Versuch, möglichst viele Facetten dieser Geschichte darzustellen – man verzeihe den Kalauer –, eine blutleere Angelegenheit. Seltsam distanziert, manchmal fast steif wirken Inszenierung und Schauspiel, gerade so, als ob das Bemühen, die Báthory den Ritualen des Exploitation-Kinos zu entreißen, in allgemeiner kreativer Lähmung resultierte. Besonders verheerend wirkt sich in dem Zusammenhang aus, dass zwischen Delpy in der Titelrolle und Daniel Brühl in der ihres jugendlichen Liebhabers Istvan Thurzo nicht ein einziger Funke fliegt. Mit der nicht stattfindenden, wahnsinnigen Liebe schwindet auch der Glaube an den Jugendwahn, der von Erzsébet Besitz ergriffen haben soll. Was bleibt ist eine befremdliche Frau, die befremdliche Dinge tut. Und das wussten wir bereits.