Filmstart

Die kleine Amélie oder der Charakter des Regens

| Alexandra Seitz |
Ein farbenfroher, herzerwärmender Kinderfilm, der die Erkenntnis erster tiefer Weisheiten des Daseins vermittelt, ohne seine kleinen Zuschauerinnen und Zuschauer zu überfordern.

Zu Beginn informiert uns die kleine Amélie darüber, dass sie Gott ist. Als Gott kann sie natürlich machen, was sie will, und erst mal will sie gar nichts außer mit dabei sein. Ihren Eltern ist das nicht unrecht, haben sie doch mit bereits zwei temperamentvollen Kindern alle Hände voll zu tun. Da kommt Eine, die kaum Ansprüche stellt, sehr gelegen. An ihrem zweiten Geburtstag aber wird Amélie von einem Mini-Erdbeben wach gerüttelt. Danach ist es mit der Ruhe vorbei. Jedenfalls bis sich Haushaltshilfe Nishio-san des mutwilligen Kleinkindes annimmt. So wird aus dem Nabel der Welt, in dem der göttliche Funke ein Feuerwerk nach dem anderen zündet, allmählich und in Trippelschritten ein soziales Wesen, das begreift, dass Einzigartigkeit auch für andere gilt.

Bei dem oscarnominierten Animationsfilm Die kleine Amélie oder der Charakter des Regens von Maïlys Vallade und Liane-Cho Han handelt es sich um die Adaption des 2000 erschienenen, autobiografischen Romans „Metaphysik der Röhren“ der in Japan aufgewachsenen, franko-belgischen Schriftstellerin Amélie Nothomb. Da seine Erzählperspektive die der kleinen Titelheldin entspricht, ist alles, was passiert hochdramatisch, zutiefst emotional und von existenzieller Tragweite. Wer eben erst in die Welt findet, kennt keine Nuancen und weiß nichts vom Maßhalten. Die Gefühle wechseln abrupt zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, der allmähliche Übergang vom einen zum anderen ist (noch) unbekanntes Terrain. Dem entsprechen auf formaler Ebene der Bildgestaltung die leuchtenden, flächig aufgetragenen Farben, deren sanfte Tönung an Pastellkreiden erinnert, und damit an Malwerkzeuge, die man Kindern für ihre ersten Versuche fantasiereicher Abbildung in die Hand gibt.

Dass es sich bei der dargestellten Welt um die vergleichsweise überschaubare eines kleinen Menschen handelt, heißt nun aber genau nicht, dass sie weniger komplex wäre als die der Erwachsenen. Schließlich müssen zu Beginn des Lebens dessen Axiome begriffen werden: Verlust, Trauer, Tod, die Macht von Zuneigung und Sehnsucht, Gemeinsamkeit und Unterschied, der Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die fundamentale Bedeutung von Erinnerungen. All dies vermittelt Die kleine Amélie … auf einfache und klare Art, doch ohne zu simplifizieren. Die Kunst des Animationsfilms erweist sich dabei als ideales Gefäß für ein Bewusstsein, das noch über die Transformationskräfte des Spielerischen verfügt, also über die Fähigkeit, der Naturgesetze zu spotten und Wunder zu stiften.