In „Die Königin und der Leibarzt“ spielt Mads Mikkelsen die historische Figur des Johann Friedrich Struensee, eines deutschen Arztes und Aufklärers, der als Geliebter der dänischen Königin Caroline eine Staatsaffäre auslöste.
Herr Mikkelsen, wie fühlt es sich an, einen Deutschen in einem dänischen Film zu spielen und damit auf die Berlinale zu kommen?
Mads Mikkelsen: Berlin war für das dänische Kino allgemein in den letzten 20 Jahren extrem wichtig, hier liefen die ersten Dogma-Filme, und durch das Festival wurden wir wieder als relevantes Filmland wahrgenommen. Und als Deutscher im Film? Ich dachte, ich spiele gar nicht typisch deutsch! Ich wollte jedenfalls keinen spezifisch Deutschen spielen, sondern einfach diesen Mann, einen glühenden Vertreter der Aufklärung. Die Nationalität war da nicht so wichtig … Aber ich liebte es, Deutscher zu sein!
Ihre ersten Rollen spielten Sie in den Pusher-Filmen von
Nicolas Winding Refn. Das war der Beginn von zwei Weltkarrieren …
Mads Mikkelsen: Leider sehen wir uns nicht mehr so oft. Er hat inzwischen einen anderen Liebhaber. (Lacht.) Nein, es ist natürlich toll, dass er mit Drive solchen Erfolg hat. Wenn das einer verdient hat, dann er. Wir haben fünf Filme zusammen gemacht, zuletzt Valhalla Rising, und wenn er mich für ein neues Projekt anruft, werde ich keine Sekunde zögern.
Was verbindet Sie beide?
Mads Mikkelsen: Ich glaube, ich verstehe ihn am besten. Im Grunde spiele ich ja immer ihn selbst in all den Filmen, und ich muss nur genau hinhören und herausfinden, wer er gerade ist.
Nach vielen Rollen als Bösewicht oder Actionheld spielen Sie hier einen Liebhaber. Ein bewusster Imagewechsel?
Mads Mikkelsen: Nein, eher eine sehr willkommene Abwechslung. Nichts ist schlimmer als immer dasselbe spielen zu müssen! Dauernd der Liebhaber zu sein ist genauso langweilig wie immer wieder tiefschürfende Dramen oder eine Familiengeschichte nach der anderen. Ich brauche diesen Wechsel, um nicht in ein Loch zu fallen. Ich bin zwar keiner dieser Charakterdarsteller wie Daniel Day-Lewis, die ihre Rolle sogar mit nach Hause nehmen und ihre Kinder zwingen, sie mit dem Namen der Figur anzusprechen, aber eine gewisse Energie schleppt man doch mit sich herum. Nach diesem Film habe ich bereits zwei weitere Dramen gedreht, die psychisch sehr anstrengend waren, jetzt hätte ich gerne mal eine Komödie. Sonst werde ich depressiv.
Eines dieser Dramen ist Michael Kohlhaas nach Heinrich von Kleist. Sie spielen also erneut einen Deutschen.
Mads Mikkelsen: Ja, aber es ist eine französische Produktion. Ich spreche also wieder kein Deutsch, sorry.
Sie haben in den letzten Jahren in Frankreich, England, Deutschland gedreht. Auch das wegen des Tapetenwechsels?
Mads Mikkelsen: Nein, das hat eher damit zu tun, dass Dänemark so ein kleines Land ist. Ich hatte fünf Jahre dort keinen Film mehr gedreht und jetzt gleich zwei hintereinander. Es wird Leute geben, die sagen: Er ist in jedem verdammten Film! Und ich kann es sogar verstehen, aber wir haben eben nicht so viele Darsteller in Dänemark, da muss ich auch mal ran. Einmal pro Jahr finde ich okay. Aber das reicht eben nicht und so bin ich auch gezwungen, außer Landes zu drehen. Ich sehe es zugleich als großes Geschenk. Es gibt so viele Geschichten dort draußen und sie werden überall anders erzählt. Diese Vielfalt finde ich großartig.
Und die Sprachbarrieren?
Mads Mikkelsen: Das ist eine Herausforderung, und ich mag solche Herausforderungen eigentlich nicht. Aber es ist der saure Apfel, in den ich oft beißen muss, wenn ich mich für eine gute Rolle oder einen Regisseur entscheide. Wenn ich eine Herausforderung will, dann besteige ich den Mount Everest ohne Sicherungsseil.
Letztes Jahr waren Sie in The Three Musketeers zu sehen, eine klassische Bösewichtrolle.
Mads Mikkelsen: Die Mischung macht’s. Und solche Rollen sind wie ein Kindheitstraum. Als ich als kleiner Junge Piratenfilme sah, wollte ich nicht Schauspieler werden – ich wollte der Typ werden. Und heute verdiene ich damit mein Geld. Ich will nicht dauernd solche Rollen spielen, aber es macht Spaß, hin und wieder über die Stränge zu schlagen.
In den USA werden Sie fast nur als Bösewicht besetzt.
Mads Mikkelsen: Ich sehe meine Rollen nicht als Bösewichte. Das sind eigentlich ganz nette Kerle, die dumme Dinge tun. Aber es stimmt, dass die Amerikaner diese Tendenz haben: „Oh, höre ich da einen kleinen Akzent? Du spielst den Bösen!“ Aber es ändert sich inzwischen ein bisschen, mir wurden auch schon andere Rollen angeboten. Leider alle langweilig.
Selbst im amerikanischen Independent-Kino?
Mads Mikkelsen: Das ist ja schön und gut, aber diese Art von Kino können wir in Europa doch einfach besser. Hier gibt es genug verrückte unabhängige Filmemacher. Das kann dann natürlich auch heißen, dass ich wieder mal eine neue Sprache lernen muss, aber was soll’s! Und ich finde es toll, dass ich in jedem Land ein bisschen anders gesehen werde.
Sie sind ausgebildeter Tänzer, aber erst jetzt sieht man Sie zum ersten Mal in einem Film tanzen. Können Sie allgemein Ihre Tanzausbildung auch als Schauspieler nutzen?
Mads Mikkelsen: Klar, ich kann meinen Körper viel besser kontrollieren, die verschiedenen Energiezustände und Geschwindigkeiten, die für eine Figur notwendig sind. Ich mache das alles unbewusst, ohne groß darüber nachzudenken.
In diesem Film geht es auch um die Parallelen zwischen Schauspielerei und Politik. Hatten Sie selbst je politische Ambitionen?
Mads Mikkelsen: Jeden einzelnen Tag! Aber ich könnte nicht vor die Fernsehkameras und in fünf Sekunden irgendeinen populistischen Mist absondern. Es müsste nach meinen Regeln laufen. Wir reden hier von einer Diktatur auf Lebenszeit.
