Die Lebenden

| Roman Scheiber |

Die nationalsozialistische Vergangenheit einer Familie aus der Sicht einer jungen Frau

In der Beschäftigung des Kinos mit dem NS-Völkermord sind in jüngerer Zeit u.a. zwei Tendenzen auszumachen. Einerseits gab es eine Reihe dokumentarischer Filme, die sich darum bemühten, die Erinnerungen der wenigen noch lebenden Zeitzeugen mit der Kamera festzuhalten. Andererseits traute man sich, im Spielfilmbereich verstärkt Täter-Geschichten einzubeziehen. Barbara Alberts autobiografisch inspirierter Film hat in gewisser Weise mit beidem zu tun, und doch geht es um etwas anderes. Erzählt wird

Die Lebenden aus der Perspektive einer lebenshungrigen, impulsiven jungen Frau (Anna Fischer), die zur Forscherin in Familienfragen wird: Die 25-jährige Sita düst zwischen Universität und Nebenjob für eine Casting-Show mit dem Moped in Berlin hin und her, einen visierlosen Helm auf dem Kopf. Nach der 95er-Feier ihres Großvaters (beeindruckend: Hanns Schuschnig) in Wien stößt sie durch ein altes Foto auf dessen zunächst unklare Verstrickung in die NS-Tötungsmaschinerie in Polen. Opas Geisteskraft wird durch einen zur selben Zeit erlittenen Herzinfarkt getrübt, Sitas Vater (August Zirner) will mit Fragen danach nicht gelöchert werden, also macht Sita sich allein auf die Suche nach der „Wahrheit“, die sie über einige Umwege, über zu Tage geförderte Videobänder und interessante Bekanntschaften schließlich bis nach Rumänien führen wird, mehr aber noch: zu sich selbst.

Sitas Blick auf die Welt ist weit offen, jedoch verunsichert; das spiegelt sich schön in den unruhigen Super-16mm-Hand-kamera-Bildern des aus Polen stammenden Bogumil Godfrejów (der mehrmals, aktuell bei Was bleibt, mit Hans-Christian Schmid gearbeitet hat). Brüchige Stimmungen und Befindlichkeiten zwischen Menschen in atmosphärisch wirksame Bilder zu übersetzen und mit wesensgleicher Musik zu stützen, war schon immer eine Stärke von Barbara Albert. Sie kommt auch hier zum Tragen. Sitas keimende Beziehung zu einem israelischen Fotografen zeichnet Albert in wenigen feinen Strichen, ihrer Kollektion von Disco-Szenen fügt sie ganz nebenbei eine weitere wunderbare hinzu. Wie schon in Böse Zellen spielt auch in Die Lebenden der Zufall eine wesentliche Rolle. Und in gleichsam beherzter Unbeirrtheit scheut die Regisseurin nicht davor zurück, ihrer Heldin eine Metapher wörtlich einzuschreiben: Ein „Loch im Herzen“ hat Sita, nicht nur weil sie mit der fehlenden Verantwortung ihres geliebten Opas schwer klar kommt, sondern auch weil die Großmutter ihr einen Herzfehler vererbt hat. Erst wenn das Loch gestopft ist, kann sie sich in ihrem Herzen daheim fühlen.