Wenn der Herbst naht / Quand vient l’automne

Wenn der Herbst naht

Die liebe Familie

| Oliver Stangl |
In „Wenn der Herbst naht“ widmet sich François Ozon ambivalenten Familienkonstellationen. Themen wie Schuld und Elternliebe werden mit hervorragendem Schauspiel und der malerischen Landschaft des Burgund garniert.

Manchmal führen Übersetzungen zu interessanten Ambivalenzen. Hätte man etwa den Filmtitel Vertigo (1959) wörtlich ins Deutsche übersetzt, wäre mit „Schwindel“ eine schöne und überaus passende Doppeldeutigkeit entstanden – geht es doch um einen Mann, dessen Schwindelanfälle für ein mörderisches Täuschungsmanöver (also für einen Schwindel) ausgenutzt werden. Da Stürze aus großen Höhen in diesem Hitchcock-Meisterwerk gleich mehrmals vorkommen, führt uns das auch schon zum neuen Film von François Ozon: Dessen Titel Quand vient l’automne hat man mit When Fall Is Coming trefflich ins amerikanische Englische übertragen. „Fall“ (statt „autumn“, wie die Jahreszeit im britischen Englisch heißt) eröffnet für das angelsächsische Publikum also eine Ambivalenz, die auf ein Ereignis im Lauf der Handlung Bezug nimmt: auf einen mysteriösen Balkonsturz nämlich. Mysteriöse Stürze scheinen somit ein Mini-Mini-Trend in der jüngeren französischen Filmgeschichte zu sein, wenn man etwa an Anatomie eines Falls aus dem Jahr 2023 denkt. Wiese man auch noch darauf hin, dass Vertigo auf einer französischen Vorlage basiert, würden die Wechselbeziehungen zwischen Frankreich und Abstürzen aber Überhand nehmen.

Der deutsche Titel Wenn der Herbst kommt fällt zwar wie das Original um besagte Ambivalenz um (Wenn der Herbst einfällt wäre wohl zu vage-martialisch), allerdings hat Ozon mit dem Titel bereits eine andere Art der Doppeldeutigkeit beabsichtigt: Der Herbst steht hier nicht nur für die Jahreszeit, in der er spielt, sondern auch für den Herbst des Lebens, in dem sich zwei Protagonistinnen befinden. Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten, sie sind alte Bekannte im Ozon’schen Werk, und davon hat dieser Film besonders viel zu bieten. Wenn der Herbst naht ist der mittlerweile 24. Spielfilm des produktiven Auteurs, der 1967 in Paris das Licht der Welt erblickte und sich relativ schnell einen eigenen Stil erarbeitet hat. Oder sagen wir: Stile. Neben manchmal offensichtlichen cineastischen Inspirationen, zu denen u. a. Fassbinder und Almodóvar gehören, lassen sich auch Ozon-Filme finden, die in Teilaspekten an Techiné, Demy oder Chabrol denken lassen. Realistischere bzw. ernsthaftere Werke wechseln sich mit Farcen, schrillen Komödien und Musicals ab, die visuelle Palette reicht von ästhetischer Schlichtheit bis hin zu bunter Künstlichkeit. Thematisch kreisen seine Filme grob gesagt um Themen wie Identität, Sexualität, Schuld, Verlust und Trauer. Die größte Konstante ist dabei wohl der starke Fokus auf Frauenfiguren, und in dieser Hinsicht ist sich Ozon auch in Wenn der Herbst kommt treugeblieben.

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ZIEMLICH BESTE FREUNDINNEN

Die Handlung dreht sich zunächst um zwei Freundinnen im fortgeschrittenen Alter: Michelle (Hélène Vincent) und Marie-Claude (Josiane Palasko) leben in einem malerischen Dorf im Burgund. Sie unterstützen sich gegenseitig und unternehmen in schöner Regelmäßigkeit Ausflüge in den Wald. Jetzt, im Herbst, sammeln sie traditionell Pilze, die die leidenschaftliche Köchin Michelle gerne für ihre Quiches verwendet. Dass es sich naturgemäß nur um ein äußerliches Idyll handelt, sollte Ozon-Kenner aber nicht verwundern. Beide sind nämlich alleinstehend und haben Probleme mit ihren Kindern. Michelles Tochter Valérie (Ludivine Sagnier), die von ihrem Mann getrennt in Paris lebt, hat aufgrund von deren Vergangenheit (die im Verlauf des Films längere Zeit obskur bleibt) nur wenig für ihre Mutter übrig. Dass sie diese dennoch hin und wieder am Land besucht, liegt zum einen daran, dass sie ihrem kleinen Sohn Lucas ein bisschen Landluft gönnen will; zum anderen spricht sie ganz offen aus, dass sie finanzielle Unterstützung benötigt und auch gerne hätte, dass Michelle ihr das Haus überschreibt. Zwischen Marie-Claude und ihrem Sohn Vincent (Pierre Lottin) herrscht zwar prinzipiell ein besseres Verhältnis, doch der Mittdreißiger macht andere Probleme: Weil er sich nicht aus allerlei Ärger heraushalten kann, sitzt er aktuell wieder einmal im Gefängnis.

Schließlich greifen mehrere Ereignisse ineinander: Valérie erleidet, nachdem sie eines von Michelles Pilzgerichten konsumiert hat, eine Vergiftung und muss ins Krankenhaus eingeliefert werden. Sie überlebt, beschuldigt aber die Mutter der vorsätzlichen Vergiftung und fährt mit ihrem Enkel wieder nach Paris zurück – sehr zum Leidwesen Michelles, die vor allem mit Lucas gern noch mehr Zeit verbracht hätte. Kurz darauf wird Vincent aus dem Gefängnis entlassen; Marie-Claude hofft, dass er sich künftig aus allem Ärger heraushält. Um ihn zu unterstützen, lässt ihn Michelle zunächst für sich im Garten arbeiten und leiht ihm schließlich Geld, damit er eine Bar eröffnen kann. Dann werden die Dinge so richtig ambivalent – wer sich im Kino gerne gänzlich überraschen lassen möchte, sollte erst nach Ansicht des Films weiterlesen …

Eh bien: Vincent besucht Valérie in Paris und möchte sie dazu überreden, netter zu ihrer Mutter zu sein. Valérie dagegen beharrt darauf, dass sie der Mutter ihre Vergangenheit nicht verzeihen könne – Vincent sollte eigentlich wissen, wovon sie rede, hätte seine Mutter doch früher dasselbe gemacht wie Michelle. Man geht auf den Balkon und raucht. Und dann kommt es im Off zum Balkonsturz Valéries. Ob es ein Unfall war oder nachgeholfen wurde, hält der Film, ebenso wie die wahren Meinungen der anderen Protagonisten dazu, in Schwebe. Dazu kommt, dass Michelle bei einem Arztbesuch glaubt, allmählich an Demenz zu leiden; als der Arzt meint, dass die Sache mit den Pilzen ja keine Absicht war, ist sich Michelle plötzlich nicht mehr sicher. Könnte ihr Unterbewusstsein den Tod der Tochter gewollt haben? Ist sie mit Vincent im Bunde?

Um hier nicht alles zu verraten: Im Verlauf der Handlung wird die Vergangenheit der beiden Freundinnen aufgedeckt und die Protagonistinnen und Protagonisten erscheinen immer wieder einmal in einem neuen Licht. Viele Fragen drängen sich auf: Was war Vorsatz und was nicht? Wer deckt hier wen? Herrscht ein stilles Einverständnis vor, ist Verdrängung im Spiel? Gibt es Schuld, die entschuldbar ist? Und wie nachhaltig wird der Zweifel bei jenen, die Michelle und Vincent nahestehen?

Wie bei vielen Ozons könnte man angesichts der Zutaten auch ein wenig an das Werk anderer Regisseure denken (etwa an einen der ernsthafteren Crime-Woody-Allens oder an jene Chabrols, die am Land spielen), doch sind das eher oberflächliche Assoziationen – das alles steht sehr gut auf eigenen Beinen. Dass etwa eine schwangere Polizistin im „Balkon-Fall“ ermittelt, ist nicht unbedingt ein Fargo-Moment, sondern hat Bezug zur Elternthematik, die der Film beackert.

Mit Wenn der Herbst kommt hat Ozon einen vielschichtigen – und man, muss es nochmals betonen: ambivalenten – Film gedreht, in dem sich die Beweggründe und Motive der Figuren mehrdeutig interpretieren lassen (gleichwohl darf man annehmen, dass sich der Großteil des Publikums wohl für eine ganz bestimmte Lesart der Ereignisse entscheiden wird). Dass der Film bei seiner Vieldeutigkeit auch sehr gut konsumierbar ist, spricht für die Kunstfertigkeit des Regisseurs. Der Film funktioniert als Drama ebenso wie als Krimi, dazu gibt es leichten Humor. Die „Krimi“-Ebene erscheint dabei nicht als aufgezwungenes Element, sondern ist ein dramaturgisch geschickter Kniff, der das facettenreiche Verhältnis der Protagonistinnen und Protagonisten zueinander herausarbeitet. Angesichts geschichtsträchtiger Steinbauten, malerischer Brücken und goldener Herbstwälder sollte übrigens auch jenes Publikumssegment, das sich französische Filme vornehmlich wegen der Landschaft ansieht, auf seine Kosten kommen. Zudem beweist Ozon als Schauspieler-Regisseur gewohnte Qualitäten: Hier beeindrucken besonders César-Preisträgerin Hélène Vincent und Pierre Lottin, denen das Drehbuch die spannendsten Rollen beschert hat. Beide agieren vorwiegend naturalistisch (mit kleinen Spitzen) und vermögen allein mit Blicken und kleinen Gesten jede Menge an inneren Regungen auszudrücken. Manche dieser Blicke und Gesten mögen dem Betrachter bei der Interpretation der Ereignisse dienlich sein.

Wenn der Herbst kommt ist ein Film über Eltern-Kind-Beziehungen, in denen die Liebe auch mal eine Generation überspringt und in denen manchmal das Patchwork bzw. die Ersatzfamilien-Situation am besten zu funktionieren scheinen. Und es ist ein Film über die Macht des Unterbewussten, in dem auch einmal harte Wahrheiten ausgesprochen werden: „Eigentlich darf man das nicht sagen, aber das mit den Kindern haben wir versaut“, sinniert Marie-Claude einmal.

Dass im Film gleich mehrere Predigten bzw. Gottesdienste vorkommen (eine Spiegelung der Schuldfragen), ist vielleicht etwas zu viel des Guten, fällt aber letztlich nicht stark ins Gewicht; auch der Umstand, dass Michelle gewisse Erscheinungen hat, ist akzeptabel. Vielleicht hat sich am Ende manches für die überlebenden Protagonisten gebessert; doch eine gewisse Einsamkeit, so wird es angedeutet, bleibt ihnen wohl auch noch lange danach. Unterhaltung und Komplexität: Wenn der Herbst naht demonstriert, dass dies kein Widerspruch sein muss.