Alles leuchtet in Cannes, nur hell wird es nicht.
Es gab mal eine Zeit, da war Almodóvar großes Kino: verführerisch, unmoralisch, bunt, melodramatisch. Liebe, Leidenschaft und Sehnsucht waren seine Themen. Im Zentrum standen ungenierte Hysterikerinnen, trauernde Liebende und immer wieder Frauen, die ihren Mann stehen müssen. Almodóvar, der große Frauenversteher, Almodóvar, der große Frauenfilmer. Wie gesagt, das war einmal. Was nicht heißen soll, dass der heute 69-jährige Spanier die Frauen heute weniger liebt. Nur scheint mit dem Alter immer mehr sein Ego in den Fokus seiner Filme zu rücken.
Almodóvars jüngstes Werk Pain and Glory erzählt nun von einem erfolgreichen Filmemacher, der zulange schon in einer Schaffenskrise steckt. Klingelt da was? Antonio Banderas spielt das fiktionale Alter-Ego des Regisseurs, der im Film Salvador Mallo heißt und unter Schmerzen aller Art leidet, die ihm den Schlaf und die Nerven rauben. Wieder zu arbeiten, erneut Regie zu führen, erscheint ihm in diesem Zustand hoffnungslos. Stattdessen sinniert er vor sich hin, blickt zurück in die Vergangenheit, erinnert sich an seine Mutter (Penelope Cruz), seine Beziehungen und seinen Ruhm, den die spanische Kinemathek mit der Restaurierung seines letzten großen Films Sabor 30 Jahre danach ein Stück weit aufzufrischen versucht. Die Wiederaufführung des Klassikers bringt Salvador schließlich mit einem alten Freund, seinem damaligen Hauptdarsteller, zusammen. Und gemäß dem Oeuvre Almodóvars dürfen am Ende auch die verflossenen Lieb- und Leidenschaften nicht fehlen. Die bewusst sinnlich schwermütige Stimmung, die sich über Pain und Glory legt wie ein feiner Seidenschal, harmoniert wie immer bei Almodóvar hervorragend mit einer exquisiten Farbdramaturgie, was der Regisseur heute noch immer genauso gut beherrscht wie eh und je. Und auch der Pessimismus der vorigen Filme scheint hier einer zarteren Melancholie zu weichen, die bisweilen zu Herzen geht. Beim Premierenpublikum konnte Almodóvar damit am Freitagabend punkten. Dass er bei der Jury ähnlichen Erfolg haben wird, ist zu bezweifeln.
Einer, der sich mit Farben im Film ebenso gut auskennt, ist Nicolas Winding Refn. Der durfte in Cannes nun seine erste von Amazon produzierte TV-Serie präsentieren – außer Konkurrenz versteht sich, doch nach dem Dilemma im vergangenen Jahr hat das Festival ohnehin erneut Streamingplattformen vom Wettbewerb ausgeschlossen. Winding Refns neuer Streich Too Old to Die Young – North of Hollywood West of Hell erinnert zunächst verdächtig an Drive, den famosen Retro-Klassiker, für den der Däne in Cannes einst mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde. Statt Ryan Gosling schickt er diesmal Miles Teller durch die düsteren Nächte von Los Angeles, wo einsame, introvertierte Typen auf der Jagd nach Vergewaltigern, Mördern und Verbrechern sind. Die Gewalt ist so explizit wie unaufhaltsam. Neben den satten Farben bestimmen eindringliche Musik, Neonlichter und überhaupt Refns unbedingter Stilwille das minimale, nur mit viel Geduld und einem robusten Magen zu genießende Geschehen auf der Leinwand. Sehenswert ist Too Old to Die Young dennoch, schon deshalb, weil der Zehnteiler sich von dem derzeitigen Angebot an TV-Content so bewusst wie gekonnt absetzt. Mit dem Projekt lehnt Amazon sich doch relativ weit aus dem Fenster, denn neben der Euphorie hartgesottener Fans des Regisseurs dürfte durchaus auch die übliche Kritik an der exzessiven Darstellung von Gewalt laut werden. Zumal Miles Tellers Cop auf seinem Selbstjustiz-Trip keinerlei Rücksicht auf Verluste zu nehmen gedenkt, wenn es darum geht, die Welt von ihrem Abschaum zu säubern. Was ihm fehlt, ist die Weichheit und Verletzlichkeit, die einst hinter Goslings Augen aufblitzte, immer wenn er in Drive dem Blick von Carey Mulligan ein bisschen zu lange standhalten musste. Eine die Brutalität ausbalancierende Nebenhandlung wie diese Romanze scheint hier zu fehlen (zumindest nach Sichtung von zwei Folgen), sodass das Publikum allein dem Kampf von Nicht-Gut gegen Extrem-Böse ausgeliefert ist. Ob das reichen wird, um Amazon einen weiteren Serien-Hit zu bescheren?
In Cannes hat Refn mit Too Old to Die Young zumindest für wenig Aufregung gesorgt, dies in der gegenteiligen Wirkung zu Dexter Fletchers Rocketman. Mit dem biografischen Elton-John-Musical hat das Festival sein Ganz- und Glamour-Potenzial heuer schon früh ausgereizt. Elton John und sein Leinwand-Ich Taron Egerton wissen nämlich, wie man die Fotogafen und Schaulustigen in Cannes bedient, und auch der Film hält über weite Strecken, was er verspricht: ein sich bisweilen in bombastische Dimensionen aufschwingendes Musical-Erlebnis, das allerdings auch vor tiefen Tönen nicht zurückschreckt. Und eine willkommene Abwechslung im verregneten Festivalalltag obendrein.
