DIE NACHBARN VON OBEN

Filmstart

Die Nachbarn von oben

| Alexandra Seitz |
Zwei Paare und die Frage, was das Glück mit dem Sex zu tun hat – ein gelungenes dramödiantisches Kammerspiel

In zwanzig Ehejahren haben sich Thomas und Anna, wie es so nüchtern wie grausam heißt, auseinandergelebt. Der Umgang ist lieblos, die Gespräche sind spitzzüngig, beide sind allzeit zur Gehässigkeit bereit. Dann zieht in die Wohnung über der ihren ein Paar ein, dessen wilder und lauter Sex sogar die Bilder an den Wänden wackeln lässt sowie Erinnerungen an Verlorengegangenes und Vermisstes wachruft. Als Anna die Nachbarn von oben, die Sabine Boss’ Kammerspiel den Titel geben, dann auch noch zum Apéro einlädt, reagiert Thomas, der eigentlich nur seine Ruhe haben will, wenig begeistert. Blankes Entsetzen löst sodann jedoch der Vorschlag von Salvi und Lisa aus, Thomas und Anna mögen mit ihnen gemeinsam in die Kiste springen; Gruppensex sei eine so wunderbar befreiende Erfahrung und außerdem fänden sie sie sehr sexy. Ein Angebot, das man zwar ablehnen kann, möglicherweise aber nicht sollte, und das im vorliegenden Fall obendrein als Brandbeschleuniger wirkt beziehungsweise wie eine deftige Prise Salz in die Wunde.

Innerhalb weniger Minuten kippt nun die Stimmung vom Komödiantischen ins Dramatische und erreicht im Weiteren durchaus auch tragische Dimensionen. Ursina Lardi und Roeland Wiesnekker in den Rollen von Anna und Thomas treten offenen Visiers gegeneinander an – und insbesondere Wiesnekker spielt wiederholt den Rest des Ensembles an die Wand. Sarah Spale und Max Simonischek stehen als Lisa und Salvi am Rande des Kampfplatzes und spiegeln Schrecken und Erstaunen, greifen aber auch immer wieder direkt ins beziehungskrisenhafte Geschehen ein. Dass Lisa Psychologin ist und Salvi Feuerwehrmann erweist sich in diesem Zusammenhang als glücklicher Zufall, denn in der Folge geht es nicht nur paartherapeutisch zur Sache, sondern auch hinsichtlich Selbstbildern und Lebensträumen ans Eingemachte.

Es handelt sich bei Die Nachbarn von oben übrigens um das bereits zweite Remake des spanischen Films Sentimental, der 2020 von Cesc Gay nach seinem eigenen Theaterstück gedreht worden ist. 2022 folgte mit Vicini di casa von Paolo Costella eine italienische Version. Möglicherweise bahnt sich hier ja eine Kaskade von Varianten an, die sich den Stoff unter jeweiligen kulturspezifischen Perspektiven aneignet; vergleichbar dem 2016 unter der Regie von Paolo Genovese entstandenen Perfetti sconosciuti, der seither nicht weniger als 23 mal neu aufgelegt wurde.