Die Wiener Festwochen 2026 rufen die „Republic of Gods“ aus. Auf ihren Bühnen begegnen sich alte Mythen und neue Bilder, die als politische und ästhetische Erzählungen gelesen werden.
„Gott ist tot“, aber die Mythen sind es noch lange nicht. So oder so ähnlich lässt sich der Tenor der diesjährigen Wiener Festwochen umreißen, die 2026 ihr 75-jähriges Bestehen feiern. Unter dem Titel „Republic of Gods“ geht das Festival – im dritten Jahr unter der Intendanz von Milo Rau – der Frage nach, wie Mythen heute weniger religiös als vielmehr ästhetisch und medial organisiert sind. Die erneut selbst ausgerufene „Republik“ nimmt dabei jedes Jahr eine andere inhaltliche Form an: Während im vergangenen Jahr noch die „Republik der Liebe“ im Zentrum stand, wird 2026 die „Republic of Gods“ ausgerufen. Innerhalb der übergeordneten Idee der Freien Republik Wien versteht sich das Festival damit erneut als Versuchsanordnung, in der Bilder, Narrative und kollektive Vorstellungen nicht einfach reproduziert, sondern neu verhandelt werden. Der von Rau und seinem Team proklamierte „Heilige Frühling“ beschreibt genau diese Bewegung: eine ebenso ironische wie ernsthafte Setzung zwischen Gotteskritik und Gottessehnsucht, zwischen Aufbruch und Rückgriff auf überlieferte Erzählungen.
Mehr noch als in den vergangenen Jahren geht es bei den Festwochen damit nicht nur um Theater im engeren Sinn, sondern um Formen ästhetischer und medialer Produktion insgesamt. Wer oder was erzeugt heute kollektive Imaginationen? Und in welchen Medien schreiben sich diese fort? In diesem Spannungsfeld wird das traditionsreiche Festival einmal mehr zu einem Ort, an dem sich Theater, Performance und filmische Logiken überlagern, verschieben und ineinander übergehen. Wie genau sich diese Verschränkungen konkret zeigen – im „Kino der Republik“, in Arbeiten von Künstlern zwischen Bühne und Film sowie in der Neuverhandlung alter Mythen als politische und ästhetische Bilder – davon erzählt das diesjährige Programm in einer dichten, vielschichtigen Dramaturgie.
Der erweiterte Bildraum
Wie auch in den Jahren zuvor entziehen sich die Festwochen klaren Kunstformgrenzen: In vielen Produktionen lösen sich die Trennlinien zwischen Bühne, Publikum und Leinwand auf. Das Festival wird zum Raum, in dem sich visuelle, mediale und performative Ebenen überlagern. Ein Theater ohne feste Bühne, ein Kino ohne Leinwand. So wird die Live-Kamera etwa in „The Day Before“ von Brigitta Muntendorf und Christiane Jatahy zum integralen Bestandteil der Inszenierung: Antiker Mythos, filmische Perspektiven und ein immersiver Raum greifen ineinander. Auch darüber hinaus wird das Publikum häufig Teil des Bildraums, während Reenactments Erinnerung nicht abbilden, sondern neu herstellen. Archivmaterial – etwa im Rückgriff auf die Festwochengeschichte – aktiviert die Vergangenheit als visuelles Material im Hier und Jetzt. Das gilt etwa auch für die Auseinandersetzung mit Christoph Schlingensief, dem im Rahmen des Festivals eine Ausstellung im MAK gewidmet ist, in der zentrale Arbeiten wie „Bitte liebt Österreich“ oder „Church of Fear“ gezeigt werden. Theater wird so zur Bildfläche.
Diese Dimension verdichtet sich im „Kino der Republik“, das im diesjährigen Festivalzentrum, dem Haus der Republik am Badeschiff, angesiedelt ist. Hier werden Filme und Aufzeichnungen aus 75 Jahren Festwochen gezeigt, ergänzt durch ein neu produziertes dokumentarisches Projekt. Ein Online-Archiv erweitert diesen Zugriff. Die Festwochen produzieren damit nicht nur Bilder, sondern sammeln und ordnen sie zugleich. Theatergeschichte erscheint hier als etwas, das – ähnlich wie Film – gespeichert, wieder aufgerufen und neu gelesen werden kann. Das Festival funktioniert so weniger als Abfolge einzelner Aufführungen, sondern als räumlich verteilter Bildraum.
Zirkulierende Mythen
Die „Republic of Gods“ begreift Mythen nicht als abgeschlossene Geschichten, sondern als wiederkehrende Erzählstrukturen: Kulturelle Grundnarrative, die sich durch Theater, Kino, Musik oder Literatur ziehen und ständig neu bearbeitet werden. Im Programm erscheinen sie daher selten als Nacherzählung, sondern als bewusste Verschiebung bestehender Bilder. So wird in „The Day Before“ die Ilias aus einer gegenwärtigen, feministisch geprägten Perspektive neu lesbar, während Susanne Kennedys „Parsifal“ den spirituellen Stoff in eine zeitgenössische Bildwelt überführt. In „Le Voyage de la Vénus Noire“ dekonstruiert Alice Diop den Venus-Mythos aus postkolonialer Perspektive. Auch Genrefiguren werden anders gerahmt: Philippe Quesnes „Vampire’s Mountain“ greift den Vampir als kulturelles Bild auf, während „Dark Noon“ das Western-Narrativ in seinen kolonialen Strukturen offenlegt. Dabei bleiben diese Verschiebungen nicht spannungsfrei, sondern machen sichtbar, wie stark Mythen und ihre Bilder auch heute noch umkämpft sind.
Mythen erscheinen hier als zirkulierende Bilder, die ständig neu montiert werden. Zugleich werden ihre Produktionsbedingungen sichtbar: In „Juggle & Hide“ von Wichaya Artamat wird der Mythos des allmächtigen Regisseurs selbst infrage gestellt. Damit verschiebt sich der Fokus von klassischen Erzählungen hin zu gegenwärtigen Ideologien. Glaube wird als politisches Prinzip verstanden, das im direkten Verhältnis von Staat und Religion steht und in dem Fragen von Autorität, Repräsentation und Kapital als neue „Götter“ der Gegenwart erscheinen. Auch formal erweitern die Festwochen dabei ihre Mittel: Im „Glaubenstribunal“ werden religiöse und politische Konflikte verhandelt, Diskursreihen wie „Holy Spring“ öffnen den Raum zur Debatte, performative Predigten verschränken Kunst und Aktivismus. In „Das tragische Schicksal der Sonate Nr. 2“ von Lina Majdalanie und Rabih Mroué zeigt sich zudem, wie selbst Musik als vermeintlich autonome Kunstform in politische Machtverhältnisse eingebunden ist. So entstehen weniger abgeschlossene Erzählungen als Versuchsanordnungen, die sichtbar machen, wie Narrative funktionieren und welche Kräfte sie strukturieren.
Das Festival erzählt sich selbst
Auch die 75 Jahre Festwochen selbst werden zum Stoff des Programms. „Das beste Stück aller Zeiten“, inszeniert von Milo Rau, verdichtet Erinnerungen, Anekdoten und kollektive Momente zu einer Revue der eigenen Geschichte. Vergangenheit erscheint hier nicht nur als Rückblick, sondern als etwas, das immer wieder neu in Szene gesetzt wird. So wird Selbstreflexion zur ästhetischen Praxis. Das Festival erzählt nicht nur Mythen, es produziert seinen eigenen und zeigt dabei, wie solche Erzählungen überhaupt entstehen. Gleichzeitig wird deutlich, dass diese Erzählung nie abgeschlossen ist. Sie entsteht nicht nur durch künstlerische Arbeiten, sondern auch im Zusammenspiel mit Publikum und Stadt: durch Formate wie das Volksstück, das durch verschiedene Bezirke wandert, oder durch die Vielzahl an Spielorten, die die Festwochen bewusst in den urbanen Raum hinein öffnen. Die „Republik“ bleibt damit kein abgeschlossenes System, sondern eine, die sich als kollektiver Prozess immer wieder neu aus ihren Teilnehmenden heraus bildet.
Vielleicht sind die Götter also nicht verschwunden, sondern haben nur ihre Form verändert. „It’s Time for New Gods“ lässt sich so auch als Aufforderung lesen: neue Bilder zu schaffen und neue Wege, sie gemeinsam zu verstehen.
