Packende Beobachtung einer Trennung
Fünfzehn Jahre sind sie schon zusammen, und eigentlich könnten Marie und Boris ein glückliches Paar sein. Sie haben zwei liebenswerte Kinder, Zwillingsmädchen von acht Jahren, und leben in einer mehr als ansehnlichen großen Wohnung mit Garten. Doch ihre Liebe ist erloschen, sie wollen auseinander gehen, doch die Trennung will ihnen nicht gelingen. Die Dinge werden nicht einfacher dadurch, dass Boris weiterhin in der gemeinsamen Wohnung lebt, weil er sich eine eigene Bleibe nicht leisten kann. Reibereien sind da vorprogrammiert. „Das ist ein Alptraum hier, jedes Mal dreht einer durch“, sagt Maries Mutter bei einem Besuch (Marthe Keller in einer überraschenden Nebenrolle). Dabei schaukeln sich die Konflikte gar nicht zum hochdramatischen Eklat auf, vielmehr bemühen sich beide, vor den fast immer anwesenden Mädchen in einem Dialog zu bleiben, der eine Fortsetzung nicht ausschließt. Zum kritischen Streitpunkt wird dabei, wie die wertvolle Wohnung zwischen ihnen rechnerisch aufzuteilen sei. Die aus einer wohlhabenden Familie stammende Marie beharrt darauf, dass sie von ihrem Geld gekauft worden sei, während Boris immer wieder geltend macht, dass die Arbeit, die er hineingesteckt hat, genau soviel ausmachen müsse. Wobei deutlich wird, dass sich hinter den unergiebigen Aufrechnungen doch die enttäuschten Gefühle der Eheleute verbergen, die nicht ausdrücklich zur Sprache kommen. Boris scheint die Wohnung als Pfand nehmen zu wollen, um weiter mit Marie und den Kindern leben zu können. Marie aber glaubt nicht mehr an eine gemeinsame Zukunft und agiert in einem Dauerzustand mühsam beherrschter Gereiztheit. Wie in Who’s Afraid of Virginia Woolf?, der als Inspiration für den familiären Kleinkrieg gedient hat, wird der eine Schauplatz der Wohnung erst ganz am Schluss verlassen. Dann kommt es zu einer erbarmungslos nüchternen Abwicklung der Beziehung.
Es ist ganz erstaunlich, wie es dem belgischen Regisseur Joachim Lafosse gelingt, aus der beinahe statischen Situation des ineinander verhakten Paares eine fesselnde Szenenfolge zu entwickeln. Selten ist die Situation einer Trennung mit einer solchen Genauigkeit und psychologischen Stimmigkeit beobachtet worden. Die fulminante Bérénice Bejo und der selbst auch schon als Regisseur hervorgetretene Cédric Kahn machen dabei jede Nuance der gescheiterten Liebe glaubhaft. Emotionaler Höhepunkt des Films ist ein improvisierter Tanz der Zwillinge, in den Boris und die widerstrebende Marie einbezogen werden, eine herzzerreißende Erinnerung an das vergangene Glück der Familie.
