Pierre Richard, der legendäre französische Filmkomiker, ist wieder da. In Stéphane Robelins Tragikomödie Und wenn wir alle zusammenziehen? ist er neben Größen wie Jane Fonda, Geraldine Chaplin und Claude Rich zu sehen.
Pierre Richard (das sind zwei seiner fünf Vornamen), geboren 1934 in Valenciennes, ist ein französisches Nationaldenkmal. Er wird so verehrt, wie die Franzosen es mit allen ihren großen Filmkomikern getan haben – ob Louis de Funès, Coluche, Fernandel oder Jacques Tati. Dabei zündeten seine Komödien (ab 1970) in anderen europäischen Ländern, allen voran im deutschsprachigen Raum, zunächst mehr als in der Heimat. Ausnahmsweise lag das daran, dass die deutsche Synchronisation offenbar lustiger war als der französische Originaltext – ein Phänomen, das man ja von der Agenten-Parodie-TV-Serie Die Zwei mit Roger Moore und Tony Curtis oder von Jason King kennt. Pierre Richards Auftritt in Yves Roberts Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh (1972) jedenfalls schlug ein wie eine Bombe, und seine Rolle als schusseliger, schüchterner Musiker, der durch seine Tollpatschigkeit in alle Arten von – auch erotischen – Kalamitäten gerät, wurde sein Markenzeichen. Ganze Generationen von Zuschauern konnten sich bis in die späten achtziger Jahre einfach nicht sattsehen daran. Bei weitem nicht alle seiner Filme waren gut, aber viele von ihnen, darunter die aus der Der große Blonde-Reihe waren einfach umwerfend komisch. Wer die Szene kennt, in der der Blumenhändler Maurice seine Frau bei einer Affäre abhört („Mach mir den Hengst!“), der wird sie nie vergessen. Erst nach Dutzenden solcher Rollen, die ihn praktisch immer auf den Typ des Tollpatschs festlegten, hielt Richard inne und begann, sich nach anderen Angeboten umzusehen. Langsam, aber sicher reüssierte er schließlich auch als „ernsthafter“ Schauspieler.
Heute ist Pierre Richard 77 und nach langer Zeit wieder einmal auf der Leinwand zu erleben. In der Tragikomödie Und wenn wir alle zusammenziehen? spielt er neben Claude Rich, Jane Fonda und Geraldine Chaplin einen von fünf Senioren, die eine Alters-WG gründen. Ein Gespräch über Humor, Minderwertigkeitskomplexe und das Älterwerden.
Sie sind seit Jahrzehnten als Schauspieler und Komiker weit über die französischen Landesgrenzen bekannt und beliebt. Wie hat sich Ihr Humor im Laufe der Jahre geändert?
Je dramatischer und gravierender die Geschichte ist, umso komischer und witziger kann sie inszeniert werden. Das habe ich gelernt. In meinen früheren Filmen stand meist das Komische am Anfang, heute finde ich es interessanter, von einer ernsten Situation auszugehen. Die braucht man nur ein bisschen verfremdet darzustellen, und schon wird das urkomisch. So wie in diesem Film. Der geht von einem ernsten Thema aus – den Problemen, die wir mit dem Älterwerden haben –, das dann aber mit viel Leichtigkeit behandelt wird. So wird der Film zur Komödie. Natürlich braucht es dazu das Talent eines Regisseurs wie Stéphane Robelin. Ich habe mich in dieser Rolle sehr wohl gefühlt. Sie ist witzig und spaßig und manchmal auch recht ernst und mit einem gewissen Pathos.
Sie haben in den letzten Jahren vor allem Theater gespielt. Gibt es weniger interessante Filmrollen? Worauf achten Sie, was reizt Sie?
Es ist tatsächlich zunehmend schwieriger geworden, gute Angebote zu finden. Man ist plötzlich in dieser Schublade „Filme mit älteren Figuren“ und soll dann nur noch den alten Knacker spielen. Und davon gibt es auch kaum welche. Der allergrößte Teil der Filme handelt von jüngeren Charakteren. Aber mir persönlich reicht es auch völlig, pro Jahr einen Film zu drehen, mehr brauche ich gar nicht. Ich sage lieber einen Film ab, wenn mir das Drehbuch nicht gefällt, als etwas zu machen, nur weil ich sonst drei Monate nichts zu tun habe und nicht weiß, was ich mit mir anfangen soll. Und was die Kriterien für eine gute Rolle sind, egal ob im Komödienfach oder in einem Drama: Das sollten zum Einen keine Figuren sein, die ich so oder ähnlich schon zigmal gespielt habe. Die Rolle in Und wenn wir alle zusammenziehen? ist wirklich einzigartig in meiner Filmkarriere, nicht zuletzt wegen der Demenzkrankheit, die diese Figur hat. Eine weitere wichtige Frage, und die stelle ich immer gleich zu Beginn: Mit wem stehe ich vor der Kamera, wer sind meine Filmpartner? Da wurde mir noch gar nicht gesagt, dass Jane Fonda meine Ehefrau spielen wird, das war sozusagen die Kirsche auf dem Sahnehäubchen, aber ich wusste dass Claude Rich und Guy Bedos dabei sind, und das war für mich ausschlaggebend. Ich konnte mir die beiden so gut in ihren jeweiligen Rollen vorstellen, dass ich mich auch gut aufgehoben fühlte.
Sie sind neben Louis de Funès und Jacques Tati eine der größten Komikikonen Frankreichs. Die Rollen als tollpatschiger Kauz machten Sie weltberühmt. War das auch irgendwann eine Bürde, weil Sie auf ein bestimmtes Image festgelegt wurden?
Sicherlich, aber es machte mir früher mehr zu schaffen als heute. Zu Beginn war es natürlich großes Glück. Durch Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh war ich über Nacht berühmt und verdiente plötzlich viel Geld. Und ohne den Erfolg, den der Film vor allem in Deutschland hatte, wäre meine internationale Karriere nie möglich gewesen. Dafür war und bin ich sehr dankbar. Aber irgendwann kippte das. Es gab eine Zeit, da hatte ich das Gefühl, gar kein richtiger Schauspieler zu sein, sondern eher eine Typus, ein Original. Und mir wurden Rollen auf den Leib geschrieben, die dem Typ entsprachen, wie mich die Leute sehen wollten. Da dreht man sich irgendwann nur noch im Kreis. Ich habe damals immer mit viel Bewunderung und auch ein bisschen Neid auf große Schauspieler geschaut. Ich wollte irgendwann ausbrechen aus diesem Image und habe inzwischen auch zwei, drei Filme gemacht wie Die Rezepte eines verliebten Kochs und Paris, Paris, die zwar nicht so erfolgreich waren, weil mich das Publikum immer nur als Tollpatsch sehen und über mich lachen will, die mich aber sehr bereichert haben. Und ich kann doch nicht bis an mein Lebensende den Trottel geben! Erst jetzt, mit dieser Tragikomödie, in der ich diesen Alzheimer-Kranken spiele, also im Grunde einen Tollpatsch wider Willen, bin ich nun wirklich beim Schauspiel angekommen und betrachte mich jetzt auch in aller Bescheidenheit als Schauspieler. Aber die Minderwertigkeitskomplexe sind immer noch da.
Sie sind mittlerweile 77 Jahre alt. Wie gehen Sie selbst mit dem Älterwerden um?
Ich bin ein sehr positiver Mensch und liebe das Leben. Ich habe keine Lust, mir mit Gedanken an die Last des Alters und den Tod die Laune zu verderben. Ich will neugierig bleiben und das Leben genießen, so lange ich kann.
